Am Rand eines Gewerbegebiets im Frankfurter Stadtteil Preungesheim, direkt neben der Auffahrt zur Autobahn 661, entsteht eine neue Schule. Die alten Bürohäuser sind schon abgerissen, Bagger schieben Geröllberge hin und her. Der Neubau ist im Zeitplan, schon in zwei Jahren soll die Johanna-Tesch-Schule einziehen. Nach langer Wartezeit bekommt die integrierte Gesamtschule, die bisher auf zwei Provisorien aufgeteilt war, ein eigenes Zuhause. Und das sogar schneller als gedacht. Also alles in bester Ordnung? Nein, denn Architekten sind mit dem gewählten Verfahren nicht einverstanden.
Das Projekt gehört zur Schulbau-Offensive der Stadt Frankfurt. Unter diesem Titel hat die Stadt 30 Projekte gebündelt, die besonders dringend sind und deshalb Priorität haben. Durch verschiedene Ideen sollen die Vorhaben beschleunigt werden. Eine davon lautet, stärker mit privaten Dritten zusammenzuarbeiten.
So ist es auch bei der Johanna-Tesch-Schule. Der bisherige Eigentümer des Grundstücks baut die Schule schlüsselfertig im Auftrag der Stadt Frankfurt, die das Areal erworben hat. Insgesamt zahlt die Stadt dafür 147 Millionen Euro, inklusive Grundstückskosten. Mit der Gestaltung der Schule hat der private Bauherr ein Architekturbüro direkt beauftragt – ohne einen Planungswettbewerb zu veranstalten, wie es bei öffentlichen Gebäuden üblich ist, die auf dem konventionellen Weg der Einzelvergabe ausgeschrieben und realisiert werden.

Architekten sehen das kritisch. Ulrich Kuhlendahl erinnert die Gestaltung der Johanna-Tesch-Schule an ein „Kaufhaus an der Ostzeil“, wie er sagt. Die Ostzeil grenzt an die längste Fußgängerzone der Stadt und ist nicht bekannt für architektonische Meisterwerke. Kuhlendahl vermisst bei der Johanna-Tesch-Schule einen Architektenwettbewerb und eine europaweite Ausschreibung. Das Argument, am Rande eines Gewerbegebiets könne man Abstriche bei der Gestaltung machen, lässt er nicht gelten: „Wenn die Umgebung schon schwierig ist, warum sollte ich auf eine Gestaltung verzichten, die für eine Schule angemessen ist?“ Die Kinder seien schon lange genug in Provisorien untergebracht gewesen, darum sollte man nicht noch mehr Kompromisse eingehen.
Schlechte Erfahrungen mit öffentlich-privater Partnerschaft
Der Architekt, der früher selbst im Hochbauamt tätig war, erinnert sich, dass die Stadt schon einmal mit Schulbauten in öffentlich-privater Partnerschaft schlechte Erfahrungen gesammelt hat, noch zur Amtszeit der damaligen Stadträtin Jutta Ebeling (Die Grünen). „Sie waren insbesondere in puncto Qualitätssicherung problematisch und wurden daher nicht wiederholt.“ Kuhlendahl ist der Ansicht, dass die damals realisierten Bauten wie die Freiherr-vom-Stein-Schule am Südbahnhof das Stadtbild, höflich ausgedrückt, nicht bereichern.
Warum also geht die Stadt nun wieder einen ähnlichen Weg? Und droht neues Ungemach? Das Baudezernat rechtfertigt das gewählte Verfahren, einen Kaufvertrag über eine schlüsselfertige Schule einschließlich des Grundstücks abzuschließen. Der Anbieter habe sich im Rahmen eines europaweiten Interessenbekundungsverfahrens gemeldet, das es privaten Bietern ermöglicht habe, sich mit ihren Liegenschaften einzubringen. Weil nur ein Angebot eingegangen sei, sei es auch nicht nötig gewesen, einen weiteren Wettbewerb auszuschreiben.

Das Amt für Bau und Immobilien habe das Verfahren gewählt, da die Stadt selbst über kein geeignetes Grundstück verfügte. „Zudem sollte mit dieser Bündelung von Leistungen der Aufwand für Ausschreibungen und Vergaben personell und zeitlich überschaubar bleiben, um das Projekt möglichst schnell auf die Straße zu bringen“, teilt die Sprecherin des Baudezernats mit.
Allerdings hatte sich das Interessenbekundungsverfahren auf eine andere Schule bezogen. Weil die Johanna-Tesch-Schule nicht, wie ursprünglich vorgesehen, nach Kalbach umziehen konnte und dringend neue Räume benötigte, wurde ihr das Grundstück in Preungesheim zugewiesen. „Das war problemlos machbar, da sich der Flächenbedarf der Johanna-Tesch-Schule in sehr ähnlichem Rahmen bewegt. Damit spielte der Nutzerwechsel für das Ausschreibungsverfahren keine Rolle, und eine aufwendige neue Ausschreibung war nicht nötig“, teilt die Sprecherin mit.
Ihr zufolge handelt es sich auch nicht um ein „bestelltes Bauwerk“, das die Stadt hätte ausschreiben müssen. „Eine Ausschreibung hat ja stattgefunden – es hätten sich eine Vielzahl von Grundstückseigentümern mit ihrer Liegenschaft nebst aufstehendem Schulgebäude bewerben können.“
Ein „amtsinterner Gestaltungsbeirat“ hat entschieden
Und warum gab es keinen Planungswettbewerb für Architekten? Die Sprecherin antwortet, es sei ein anderes, mehrstufiges Verfahren gewählt worden, das ebenfalls eine hohe Architekturqualität sicherstelle. Das Amt für Bau und Immobilien habe den Entwurfsprozess „maßgeblich geprägt“ durch eine engmaschige und intensive Steuerung der Projektleitung sowie durch einen „amtsinternen Gestaltungsbeirat“. Mit dem Entwurf sei die Stadt zufrieden: Die städtischen Anforderungen würden eingehalten und sogar übertroffen. Die Gebäude seien sehr gut belichtet. Außerdem ließen sich durch eine Solaranlage auf dem Dach und umweltfreundliche Baumaterialien viel Energie und CO₂ einsparen. Die Stadt spricht von der ersten klimaneutralen Schule Frankfurts.
Das stellt den Landesverband des Bundes Deutscher Architekten nicht zufrieden. Dessen Vorsitzender, Moritz Kölling, sieht das Projekt kritisch. „Man umgeht durch ein Grundstücksgeschäft eine loseweise Vergabe“, sagt er. Dabei führten Wettbewerbe erfahrungsgemäß zu den besten Lösungen.
Kölling stellt das Projekt in eine Reihe mit anderen Schulbauvorhaben, bei denen Architekturbüros umgangen werden. Der Main-Kinzig-Kreis hatte zuletzt mit der Vergabe von kompletten Schulbauprojekten an „Generalübernehmer“ Aufsehen und Kritik hervorgerufen. Mit der nach eigenen Angaben „schnellsten Schule Deutschlands“ in Nidderau will der Main-Kinzig-Kreis Kosten und Zeit sparen. „Das geht zulasten der Qualität, des Mittelstands und der freien Büros“, warnt Kölling und macht auf ein neues Projekt des Kreises in Bruchköbel aufmerksam. Für die dortige Brückenschule wird wieder ein „Totalübernehmer“ gesucht. Kölling meint dazu: „Für mich stellt sich die Frage, wie sich der Anspruch an ein identitätsstiftendes öffentliches Gebäude mit einem Verfahren verträgt, das Planung, Bau und wirtschaftliches Risiko weitgehend in einer Hand bündelt.“
