
Am Wochenende kam es bei der Belagerung mehrerer Häuser im Westjordanland durch radikale Siedler zu einer neuen Eskalation: Mehrere Dutzend maskierte Siedler attackierten ein weiteres Haus am Rande des Dorfes Qusra und dessen Besitzer mit Steinen. Schließlich drangen sie in das Haus ein und verbarrikadierten sich dort – während die Palästinenser anwesend waren. Sicherheitskräfte vertrieben die Siedler nach mehreren Stunden, unternahmen ansonsten aber nichts gegen sie. Mindestens eine Palästinenserin wurde verletzt.
Eine Familie sitzt seit zwei Wochen in ihrem Haus fest
Die israelische Armee verurteilte den Vorfall; entgegen eigenen Ankündigungen und trotz der Ausweisung einer „geschlossenen Militärzone“ hat die Besatzungsmacht die Siedler jedoch bis heute nicht dauerhaft vertrieben. Das am Samstag angegriffene Haus ist etwa 350 Meter von den drei belagerten Häusern entfernt.
Die Ereignisse haben international große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, nicht zuletzt, weil der Eigentümer eines der Häuser amerikanischer Staatsbürger ist. Loui Ridi kehrte vor zwei Wochen aus den USA zurück, um seinen Verwandten beizustehen. „Seitdem sitze ich mit meinem Bruder und meiner Familie im Haus fest“, berichtete er der F.A.Z. am Sonntag telefonisch. Obwohl die Armee inzwischen einen Checkpoint vor seinem Haus eingerichtet habe, liefen Siedler in der Gegend herum.
Lebensmittel erhielten sie zuletzt vor zehn Tagen
Zudem hinderten die Soldaten die Bewohner daran, ihre Häuser frei zu verlassen, und sie ließen keine Besucher zu. Als Grund gibt die Armee Ridi zufolge an, dass Personenverkehr „koordiniert“ werden müsse, und das dauere mehrere Tage. Lebensmittel hätten sie zuletzt vor zehn Tagen erhalten, sagte Ridi. Jetzt warteten sie auf eine Genehmigung, dass jemand ihnen neue Vorräte bringen dürfe. Ebenso benötigten sie Medikamente für seine 83 Jahre alte Mutter.
Das Verhalten der Armee und der Grenzpolizei warf auch am Samstag einmal mehr Fragen auf. Als die Sicherheitskräfte die Barrikade auflösten, nahmen sie Augenzeugenberichten zufolge anstelle der Siedler fast alle palästinensischen Bewohner des Hauses vorübergehend fest. Einige wurden demnach auch geschlagen.
Armee und Grenzpolizei teilten mit, sie hätten versucht, „die Gruppen voneinander zu trennen, um die Bewohner im Inneren des Hauses zu schützen“. Die Polizei, die im Westjordanland für die Festnahme von Israelis zuständig ist, sprach mit Blick auf die Siedler zudem von Bemühungen, „die Beteiligten aufzuspüren, die sich zerstreut hatten“. Nach Übergriffen von Siedlern geben Armee und Polizei regelmäßig an, sie könnten keine Verdächtigen ermitteln. Auch am Sonntagmittag gab es Medienberichten zufolge noch keine Festnahmen, obwohl einige Täter auf Videos klar erkennbar seien.
Netanjahu verurteile die „Hand voll Randalierer“
Sogar Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu äußerte sich erstmals öffentlich zu den Vorgängen in Qusra. Er verurteile die „kriminellen Gewalttaten“, die „von einer Hand voll Randalierer“ begangen würden, teilte sein Büro am Samstagabend mit. Er erwarte, dass die Behörden die Täter festnehmen und so schnell wie möglich vor Gericht stellen. Netanjahu und andere Politiker nennen gewalttätige Siedler oft „Randalierer“. Sogar der siedlernahe amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, hat sie im Fall von Qusra dagegen als „Terroristen“ bezeichnet.
Loui Ridi sagte mit Blick auf Netanjahus Äußerung, seit Wochen verurteilten Politiker und die Armee das Vorgehen der Siedler – „aber vor Ort hat sich nichts geändert“. Er finde, die Sache „wird langsam lächerlich“.
Auch aus anderen Orten im Westjordanland wurden am Wochenende neue Siedlerattacken gemeldet. In einem Dorf nahe Qusra wurden dabei neben Palästinensern auch ausländische Journalisten angegriffen. Im Süden des Westjordanlandes entführten bewaffnete Siedler am Samstag einen britischen Schutzaktivisten.
Die Polizei nahm ihn anschließend fest, weil ihm „eine unzüchtige Handlung gegenüber einem Minderjährigen“ vorgeworfen werde. Auf einem Video ist zu sehen, wie der Aktivist versucht, einem jungen Siedler mit dem Körper den Weg durch ein Loch in einem Zaun zu versperren. Siedler erheben in solchen Fällen oft Vorwürfe, welche die Polizei dann zum Anlass nimmt, die Aktivisten festzunehmen.
