Töne versteinern nicht. Anhand fossiler Tier- und Pflanzenreste können Illustratoren mit Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit problemlos ganze Urzeitlandschaften vor unseren Augen wieder auferstehen lassen. Doch über den zugehörigen Sound können auch sie nur spekulieren. Wie ein Tyrannosaurus rex brüllte – und ob überhaupt – ist unbekannt, denn die entsprechenden Vokalorgane sind nicht fossil überliefert. Allenfalls indirekt, etwa aus der knöchernen Gehöranatomie, lassen sich vage Schlüsse ziehen.
Aber es gibt Tiergruppen, die lärmen mit haltbareren Körperteilen, etwa die Langfühlerschrecken oder Ensifera, eine Unterordnung der Heuschrecken, zu denen etwa Laubheuschrecken und Grillen zählen. Sie erzeugen ihr zuweilen ohrenbetäubendes Gezirpe durch sogenannte Stridulation, also dem Aneinanderreiben ihrer hart verschalten Körperteile. Forschern um Jun-Jie Gu von der Sichuan Agricultural University in Chengdu und Fernando Montealegre-Z von der University of Lincoln in England ist es nun gelungen, aus entsprechenden Funden Naturlaute der Jurazeit zu rekonstruieren.
Dazu analysierten sie insgesamt zwanzig Fossilien von Ensifera-Arten in dem 165 Millionen Jahre alten Gestein der Jiulongshan-Formation in der Inneren Mongolei, einer Provinz im Norden Chinas. Wie die Forscher nun im Journal „PNAS“ berichten, stellten sie dazu physikalische Untersuchungen an den Fossilien an und verglichen sie für phylogenetische Analysen mit rund hundert heutigen Insektenarten. Die Ergebnisse kombinierten sie mit Computersimulationen und nutzten Methoden maschinellen Lernens, um von den Stridulationsorganen heutiger Langfühlerschrecken und den von ihnen hervorgebrachten Lauten auf die Naturlaute des Jura zu schließen.
Wie sich zeigte, dürften die jurassischen Langfühlerschrecken mit ihren von Art zu Art unterschiedlich geformten Stridulationsorganen schon damals eine Vielfalt von Frequenzen und akustischen Repertoirs produziert haben. Die meisten der neun untersuchten Ensifera-Arten gaben demnach reine, für ein menschliches Gehör wahrnehmbare Töne mit Frequenzen von etwa fünf, acht, oder zehn Kilohertz von sich – ähnlich wie die heutigen Grillen.
Eine Art aber, Sigmaboilus peregrinus, zirpte jenseits der 20 Kilohertz, also im Ultraschall – und da die Tiere die Laute zur Kommunikation untereinander erzeugt haben dürften, müssen sie auch in der Lage gewesen sein, die zu hören. Dies sei der früheste Nachweis einer Ultraschallwahrnehmung im Tierreich, schreiben die Autoren, und widerlege die verbreitete Hypothese, diese Fähigkeit habe sich bei Insekten erst als Reaktion auf das Aufkommen der Fledermäuse vor 55 Millionen Jahren entwickelt. Die geflügelten Säugetiere orten ihre Beute im Flug anhand der Reflexion ihrer Ultraschall-Rufe. Insekten, die in der Lage sind, diese Echolotwellen wahrzunehmen, haben daher einen Selektionsvorteil. Doch offenbar hat sich die Ultraschallwahrnehmung aus anderen Gründen entwickelt.
Die auf dem Computer rekonstruierten Zirpgeräusche sind in obigen Videoclip zuhören, zu Bildern von Fossilfunden der neun jeweils zugrundeliegenden Insektenarten. Sie geben einen Eindruck davon, wie es in der Inneren Mongolei der mittleren Jurazeit geklungen haben muss, wenn auch vermutlich keinen vollständigen.
Denn es fehlen eben die Rufe der Dinosaurier, insbesondere der ersten vogelartigen Theopoden wie Anchiornis oder Aurornis, über deren Klänge allerdings ebenso wenig bekannt ist wie über die der damaligen Raubsaurier. Vogelstimmen im heutigen Sinn dürften damals aber noch keine zu hören gewesen sein. Der früheste moderne Vogel, bei dem ein Stimmkopf, eine sogenannte Syrinx, nachgewiesen ist, war der möglicherweise mit den Gänsen verwandte Vegavis iaai. Er lebte in der späten Kreidezeit in der heutigen Antarktis, rund 100 Millionen Jahre nach den Langfühlerschrecken der Jiulongshan Formation und war ein Zeitgenosse des Tyrannosaurus rex.
