
In dem Film „Jurassic Park“ versuchen Forscher, die Erdgeschichte zurückzudrehen und untergegangene Biodiversität „wiederherzustellen“. Mit dem unlängst veröffentlichten Entwurf eines „Nationalen Wiederherstellungsplans für die Natur in Deutschland“ verfolgt das Umweltministerium in Bezug auf den Wald einen teils ähnlich rückwärtsgewandten Ansatz. In den zunehmend dehydrierten und sonnenversengten Landschaften Deutschlands kann dies so nicht gelingen. Benötigt werden vielmehr Freiheitsgrade, um den Wald so umzubauen und anzupassen, dass er weder vertrocknet noch verbrennt.
Eines der wichtigen Vorhaben im „Green Deal“ der EU liegt in der Wiederherstellung der vielfach geschädigten Natur. Das Instrument dafür ist die „Wiederherstellungsverordnung“, die den Mitgliedstaaten rechtsverbindliche, nach einem festen Zeitplan umzusetzende Vorgaben macht. Das Bundesumweltministerium hat dies nun aufgegriffen und Ende April den ebenso ambitionierten wie voluminösen Entwurf eines „Nationalen Wiederherstellungsplans“ vorgelegt.
Buchenwälder wuchsen in humidem Klima
Von zentraler Bedeutung sind hier die sogenannten „Lebensraumtypen“, worunter man idealtypische Vegetationsausprägungen versteht, die als historische Referenzzustände für Wiederherstellungsziele dienen. Im deutschen Wald dominieren von Natur aus von Buchen geprägte Lebensraumtypen, die dementsprechend einen sehr großen Flächenanteil der betreffenden Gebietskulisse einnehmen. Deutschland, im Zentrum des mitteleuropäischen Buchenverbreitungsgebiets, wird eine besondere Verantwortung für die von dieser Baumart geprägten Wälder zugeschrieben.
Buchenwälder haben sich nacheiszeitlich unter dem Einfluss eines humiden, von hohen Sommerniederschlägen charakterisierten Klimas entwickelt. Wo diese Bedingungen nicht gegeben sind, dominieren andere Waldtypen oder überhaupt ganz andere Vegetationsformen.
Ebendieses Szenario droht nun auch dem deutschen Wald und eben nicht allein nur den von Menschenhand entstandenen Nadelwäldern, sondern zunehmend auch den „natürlichen“ Buchenwäldern. Sie sind den immer rasanteren Klimaveränderungen im Wortsinne nicht gewachsen. Denn Europa ist der sich am schnellsten erhitzende Kontinent, und damit einher geht zugleich auch ein Umkippen des Niederschlagsregimes: Ist bislang im Sommer der meiste Regen gefallen, so bleibt dieser in der Hauptvegetationszeit nun immer mehr aus – bis hin zu seinem völligen Fehlen wie in diesem Jahr, das mit monatelang anhaltender Extremhitze und damit einhergehender Dürre eine schon seit Jahren zu beobachtende Entwicklung fortsetzt. Es weist als böses Menetekel in die Zukunft.
Vegetation in Europa wird sich großflächig ändern
Wissenschaftler der Freiburger Forstlichen Forschungsanstalt haben vor einiger Zeit die Auswirkungen der aktuellen Klimawandelszenarien in Bezug auf die Waldentwicklung wissenschaftlich modelliert und kamen zu überaus alarmierenden Ergebnissen: Die potentielle natürliche Vegetation, also die ohne menschliches Zutun zu erwartende Vegetationsentwicklung – üblicherweise ein handlungsleitendes Leitbild der Naturschutzpolitik – wird sich danach in den kommenden Jahrzehnten europaweit auf über 70 Prozent der Fläche ändern.
In Deutschland könnte das natürliche Potential der Baumart Buche durch die Klimaerwärmung von 74 Prozent auf sage und schreibe acht Prozent zurückgehen. An deren Stelle würden vielfach Flaumeichenwälder treten, ein hierzulande bislang noch gänzlich unbekannter Waldtyp, dessen Anmutung vielen an heutige Waldbilder gewohnten Menschen wohl eher als niederwüchsige „Krummholzwälder“ erscheinen dürfte. Tiefgreifender könnte die Veränderung vertrauter Landschaftsbilder kaum sein.
Es liegt eigentlich auf der Hand, dass unter derlei Vorzeichen die „Wiederherstellung“ historischer Waldzustände, wie sie im Konzept der europaweit festgelegten Lebensraumtypen angelegt ist und im Nationalen Wiederherstellungsplan verlangt wird, völlig illusorisch ist. Eine Museumsinsel des Seligen, in deren Sammlungsbestand intakte Waldbilder aus besseren Tagen bewahrt werden, erscheint angesichts der Klimaerhitzung vielmehr als Wunschdenken.
Waldbesitzer und Forstleute wollen Wälder zukunftsfähig gestalten
Waldbesitzer und Forstleute haben im wohlverstandenen Eigeninteresse wie auch im Empfinden ihrer großen Verantwortung für die zukunftsfähige Entwicklung der ihnen anvertrauten Wälder das Bestreben, diese durch ein vorausblickendes Management zukunftsfähig zu gestalten. Das erfordert ein Antizipieren nicht zuletzt der sich vor Ort radikal ändernden Wuchsbedingungen der Bäume und das Reagieren hierauf durch ein ganzes Bündel planvoller Aktivitäten. Die Palette reicht vom Pflanzen potentiell geeigneter, teils auch bislang „lebensraumuntypischer“ Baumarten über die Regulierung der Baumartenmischung des wachsenden Bestands bis hin zu Maßnahmen des Wasserrückhalts im Wald – um nur einige Beispiele zu nennen.
Sollten die Verantwortlichen hierbei nicht unser Vertrauen verdienen und ihnen die Freiheitsgrade belassen werden, die sie für ihre wichtige Zukunftsaufgabe eines möglichst klimaresilienten Waldumbaus benötigen? Das Festhalten am rechtlich verankerten Konzept der schablonenhaft fixierten Lebensraumtypen unterstützt dies indessen nicht, es sollte überdacht werden. Bis September 2027 wird das Verfahren zur Aufstellung des Nationalen Wiederherstellungsplans im Dialog mit der EU-Kommission noch dauern. Dieses Zeitfenster stünde zur Verfügung, um praxisgerechte Anpassungen zu erreichen, die den Waldumbau zu klimaresilienten Wäldern fördern, statt ihn durch unrealistische Vorgaben zu erschweren.
Vorschriften, die ein bestimmtes Verhalten bewirken wollen, obwohl ihr Regelungsziel erkennbar obsolet oder verfehlt ist, haben ein Akzeptanzproblem. In den Augen der Betroffenen mutieren sie nicht selten zu jenem sprichwörtlichen Geßlerhut, den Schiller in seinem Wilhelm Tell zum Anlass einer Volksempörung gemacht hat, an deren Ende die Gründung der Schweizer Eidgenossenschaft stand – ein Staatsverband bekanntlich, der den Weg in die Europäische Union bis heute nicht gesucht hat.
