Vor der alten Lagerhalle herrscht ordentlich Betrieb. Immer wieder kommen Männer und Frauen in Flecktarnanzügen aus dem Gebäude, andere gehen durch eine Sicherheitsschleuse hinein, geben dort ihre Mobiltelefone und Mützen ab. An ihren Uniformen sind die Länderabzeichen von Italien, Deutschland, Dänemark, Finnland, der Türkei, den USA und anderer Staaten zu erkennen. Am Rand stehen mobile Sendeschüsseln, daneben wird Material auf einen Lastwagen geladen. Auf der anderen Seite trainiert gut ein Dutzend Soldaten Handgriffe an Maschinengewehren, das gesamte Areal ist mit mannshohem Stacheldraht gesichert.
In der Halle auf dem Gelände der Wiesbadener Clay-Kaserne übt die NATO den Ernstfall. Oder besser: Die Kommandeure und Stabsoldaten, die hier zusammenkommen und sich ohne Ausnahme an die strengen Geheimhaltungsvorschriften halten müssen, üben für eine Übung des Ernstfalls. Vom 6. bis 15. Oktober findet auf dem Militärstützpunkt außerhalb der Landeshauptstadt und an weiteren Stützpunkten in Frankreich, den Niederlanden und Polen das Manöver Avenger Triad 26 statt, und in der Wiesbadener Lagerhalle bereiten sich die Offiziere aus den beteiligten NATO-Mitgliedstaaten darauf vor. An einem überdimensionalen Kartentisch mit einer Europakarte, um den herum Dutzende Arbeitsplätze wie in einem Theater angeordnet sind, spielen sie die bestehenden Verteidigungspläne der Allianz und mögliche Szenarien durch, mit denen das Manöver sie konfrontieren könnte. Was genau das für solche Übungen zuständige NATO-Kommando für die diesjährige Ausgabe von Avenger Triad ausgearbeitet hat, ist keinem der Beteiligten vorab bekannt.

Neben dem mit Tarnplanen vor Blicken geschützten Karten- und Gefechtsmodell haben verschiedene Einheiten der US Army Ausrüstung und Geräte aufgebaut. Soldaten erläutern den NATO-Militärs die Funktionsweise und Einsatzmöglichkeiten von Abfangdrohnen, unbemannten Minenräumfahrzeugen, Aufklärungsdrohen und -ballons, Abhör- und Störsendern und anderem hochmodernem Equipment. An einem der Stände zeigen die Männer einer Spezialeinheit abgeschossene Drohnen iranischer Produktion und erklären, wie sie die Teile analysieren und noch vorhandene Daten auswerten.
Unter einer großen NATO-Flagge steht Major Benjamin Schiff mit einigen seiner Kameraden. Sie präsentieren keine Hardware, sondern Software. Schiff trägt den Titel „Software Operations Officer“ und leitet das Projekt Data Backbone in einem erst im April dieses Jahres in der Clay-Kaserne gegründeten Innovationslabor. In diesem Wiesbaden Integration and Innovation Lab, das bisher kaum mehr als ein Dutzend Mitarbeiter hat und in das derzeit zehn NATO-Staaten eingebunden sind, forschen Offiziere, Programmierer und Ingenieure an digitalen Möglichkeiten, um das vor knapp anderthalb Jahren offiziell vorgestellte Konzept der „Eastern Flank Deterrence Initiative“ ins Werk zu setzen.
Das Data Backbone, an dem Schiff und seine Kameraden arbeiten, ist gewissermaßen die IT-Architektur, auf deren Grundlage die vielen Elemente der neuen Verteidigungs- und Abschreckungsstrategie der NATO effektiv vernetzt und die extrem komplexen Datenverarbeitungsprozesse des Konzepts ermöglicht werden. Mit Hilfe der Backbone-Technologie könne das Bündnis Aufklärung, Auswertung und Reaktion viel enger als bisher miteinander verbinden – und so Entscheidungen praktisch in Echtzeit fällen, sagt Schiff. „Kriege gewinnt heutzutage nicht mehr derjenige, der mehr Panzer hat, sondern derjenige, der mehr Informationen hat und schneller entscheiden kann.“ Das zeige der Krieg in der Ukraine jeden Tag.

Die „Eastern Flank Deterrence Initiative“, sprich: Initiative zur Abschreckung an der Ostflanke, ist aus Sicht der NATO-Strategen das zentrale Element der künftigen Abschreckung Russlands am Boden und soll so etwas wie eine Blaupause für die Entwicklung von Abschreckungskonzepten durch Landstreitkräfte sein. Der Plan umfasst die gesamte östliche Grenze des NATO-Gebietes, vom Norden Finnlands über das Baltikum, Polen, Rumänien, Bulgarien und Griechenland bis zur Türkei, insgesamt gut 5000 Kilometer, davon knapp 3000 Kilometer, die direkt an Russland grenzen.
An dieser Grenze gibt es eine erste Zone mit einem inzwischen in großen Teilen schon installierten, kleinteiligen Netzwerk aus akustischen und visuellen Sensoren, Radaren und anderen Detektoren, die jedes Eindringen eines Gegners zuverlässig identifizieren und mithilfe leistungsstarker KI-Anwendungen in Echtzeit einordnen und analysieren sollen. So lässt sich zum Beispiel erkennen, ob die Grenze mit Drohnen, Fahrzeugen oder Soldaten verletzt wird. Solche Sensoren sind laut NATO schon jetzt in großer Stückzahl verfügbar und flächendeckend im Einsatz.
Dahinter gibt es eine weitere Zone, in der im Fall der Fälle vor allem „unbemannte Reaktionsmittel“ zum Einsatz kommen, also Drohnen und robotische Geräte am Boden und in der Luft, die detaillierter aufklären, aber auch mit unterschiedlichen Waffen reagieren können, zum Teil sogar autonom, also ohne menschliche Steuerung. Die Technik ist inzwischen so ausgereift, dass die Sensoren an der Ostflanke beispielsweise bei Drohnen erkennen können, um welches Modell es sich handelt, mit welcher Geschwindigkeit es fliegt, in welcher Höhe und Richtung es unterwegs ist und welche Waffen es trägt. Wie gut das funktioniere, sei in der Ukraine zu beobachten, heißt es bei der NATO. Das Netz der Sensoren werde dort mittlerweile sehr erfolgreich angewandt.

All diese Systeme werden in einem großen digitalen Netzwerk miteinander verbunden, und ein sogenanntes „Command and Control System“ verarbeitet und analysiert die riesige Menge an Daten, die in beiden Zonen gesammelt wird. Dafür, dass alle 32 NATO-Staaten und sämtliche NATO-Kommandos auf diese Daten Zugriff haben und alle Elemente miteinander kommunizieren und interagieren können, soll das in Wiesbaden entwickelte Data Backbone sorgen.
Das Konzept der Abschreckungslinie an der Ostflanke geht auf General Christopher Donahue zurück. Der ist allerdings im Sommer dieses Jahres als Kommandeur des US-Heeres in Europa und Afrika von Verteidigungsminister Pete Hegseth wegen angeblicher Wokeness und zum Entsetzen zahlreicher US- und NATO-Militärs aus dem Amt gedrängt worden. Von dem Viersternegeneral kam auch die Initiative, in Wiesbaden das Innovationslabor aufzubauen und die Backbone-Architektur zu schaffen. Aus seiner Sicht soll die Abschreckungslinie nicht die Pläne der NATO für einen möglichen Angriff Russlands verändern. Sie soll der Allianz vielmehr ermöglichen, den neuen technischen Herausforderungen zu begegnen, die sich in den vergangenen Jahren seit Beginn des Kriegs in der Ukraine entwickelt haben.
Um diese Herausforderungen geht es auch bei der Übung Avenger Triad. Sie soll nicht nur die Einsatzbereitschaft des Bündnisses steigern, sondern auch Russland abschrecken. Allerdings geht es dabei nicht um Soldaten, die mit ihren Panzern umherfahren. Es handelt sich nicht um ein sogenanntes Volltruppenmanöver, sondern um eine Stabsübung, bei der die NATO-Stäbe einen Angriff simulieren, um die regionalen Verteidigungspläne der Allianz zu testen und zu verfeinern.
Im Kern werden während des Manövers der Angriff eines hochgerüsteten Gegners auf das Bündnisgebiet und die Reaktion der Alliierten darauf durchgespielt. Dabei geht es um Luft-, Raketen- und Drohnenangriffe, aber auch den Einsatz von Bodentruppen – also die komplette Bandbreite militärischer Aggression, wie sie seit mehr als vier Jahren in der Ukraine von Russland vorgeführt wird. Und es geht für die in Avenger Triad eingebundenen rund 2000 amerikanischen und ebenso vielen Soldaten aus anderen NATO-Staaten auch darum, die Möglichkeiten, die ihnen die technische Entwicklung bietet, zu testen und zu nutzen, und eine effektive Antwort auf eine mögliche russische Aggression zu finden. Major Schiff und seine Männer vom Wiesbadener Innovationslabor werden das sehr genau beobachten – und ihre Schlüsse für das Data Backbone ziehen.
