
Mitte Juli stand Gruppenarbeit auf dem Lehrplan des NATO Defense College. Die Studierenden trugen die Ergebnisse monatelanger Zusammenarbeit vor: Über „die Sicherheit und die Wiederherstellung der Abschreckung auf dem Meeresgrund“ referierte das Komitee Nummer sieben. Mit der „Entwicklung von Russlands hybridem Krieg“ beschäftigte sich eine andere Gruppe, während ihre Kollegen an „Strategien gegen einen massiven Angriff autonomer Systeme“ arbeiteten. „Wehr- und Zivildienst neu gedacht: Modelle für die Resilienz ganzer Gesellschaften“, war ein weiteres Studienthema.
An dieser Akademie vor den Toren Roms pauken keine normalen Studenten, sondern Offiziere aus Dutzenden von Ländern, die mindestens den Rang eines Obersts erreicht haben. Neben den Soldaten drücken Diplomaten und Zivilisten die Schulbank. Das NATO Defense College (NDC) sei die „intellektuelle Heimat der Allianz“, sagte der italienische Vier-Sterne-Admiral Giuseppe Cavo Dragone, derzeit der höchste militärische NATO-Vertreter, kürzlich bei der 75-Jahr-Feier des NDC. Neben der Lehre ist Forschung die Hauptaufgabe der einst vom damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower gegründeten Einrichtung.
Offiziere müssen mehr verstehen als den reinen Kampf
Schon Carl von Clausewitz wusste: „Der Feldherr“ müsse „mit dem höheren Staatsleben vertraut sein, die eingewohnten Richtungen, die aufgeregten Interessen, die vorliegenden Fragen, die handelnden Personen kennen und richtig ansehen“, schrieb er in seinem Hauptwerk „Vom Kriege“. Heute wird viel über die NATO und ihre Zukunft gesprochen, doch nur wenige reden über die Ausbildung ihres Spitzenpersonals. Dabei sind nicht nur die Rüstungsbudgets und die Waffensysteme, sondern auch die menschlichen Faktoren ein Schlüssel für die Verteidigungsfähigkeit.
Das NDC residiert südlich der römischen Innenstadt in dem Vorort Cecchignola. Vor einem modernen, sandsteinfarbenen Zweckbau mit vier Stockwerken wehen die 32 NATO-Flaggen; diverse italienische Militäreinrichtungen befinden sich in der Nachbarschaft. Von 1951 bis 1966 war Paris die Heimat des College, doch Frankreichs Austritt aus der integrierten militärischen Kommandostruktur der NATO erzwang den Umzug. Heute beschäftigt das NATO-College in Rom etwa 140 Mitarbeiter und hat ein Jahresbudget von 14,5 Millionen Euro.
Im Laufe der Jahre hat das College fast 700 Führungskräfte ausgebildet. Dies habe nicht nur zu besseren Offizieren geführt, sondern auch „Vertrauen zwischen 32 Flaggen“ geschaffen, sagt Admiral Dragone. Denn im Hauptkurs büffeln Vertreter aus den NATO-Staaten sowie diversen Partnerländern fast sechs Monate lang Schulter an Schulter und müssen am Ende gemeinsam eine umfangreiche Forschungsarbeit vorlegen. Die Fähigkeiten zur Konsensbildung mit ausländischen Partnern sollen in theoretischen Übungen und Rollenspielen geschärft werden. Das gilt als Unterscheidungsmerkmal zu eher national ausgerichteten Einrichtungen wie der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, die nach eigenen Angaben mit dem NDC eine „lose Arbeitsbeziehung“ unterhält.
Klassenreisen in Hauptstädte und Krisengebiete
Studienreisen in die wichtigsten europäischen Hauptstädte, in die Vereinigten Staaten sowie zu NATO-Partnern sollen die Bindung stärken und Netzwerke entstehen lassen. 1952 ging die erste „Field study“ zum ehemaligen Kriegsgegner Deutschland, heute reisen die Teilnehmer etwa nach Kuwait, in die Sahelzone oder ins Baltikum. Mit der Nationalen Verteidigungsuniversität der Ukraine hält das NDC einmal im Jahr eine „Kiew-Woche“ ab, derzeit allerdings nur online. Mehrere ukrainische Offiziere haben dagegen in persona an den NDC-Kursen in Rom teilgenommen.
Das NATO-College will die „strategischen“ Fähigkeiten der Teilnehmer verbessern. Damit unterscheidet es sich etwa von der NATO-Schule in Oberammergau, die sich auf das rein militärische und damit taktische Wissen und Können ihrer Teilnehmer konzentriert. „Strategie enthält auch militärische Komponenten, doch wir schauen uns zum Beispiel nicht unbedingt genau an, wo gerade die Panzer im Donbass stehen“, sagt die NDC-Forschungsleiterin Florence Gaub. Strategisches Denken schließe ausdrücklich politische, soziale und gesellschaftliche Fragen ein. Zusätzlich soll der NDC-Lehrplan dafür sorgen, dass die Kursteilnehmer das Innenleben der NATO kennenlernen.
Die Amerikaner weiter engagiert
Die Kursrichtung gibt der Militärausschuss des Bündnisses vor. „Ein stärkeres Europa in einer stärkeren NATO“ zu schaffen, sei heute eines der wichtigsten Ziele, sagt Admiral Dragone. Denn der amerikanische Präsident Donald Trump fordert seit Jahren mehr Engagement von den Europäern und reduziert nun den Beitrag seines Landes in der Allianz. Auf den Fluren des NDC wird indes betont, die Amerikaner seien nicht weniger engagiert als zuvor. Die USA sichern sich Einfluss etwa über die jeweils für drei Jahre ernannten Dekane, die gleichzeitig stellvertretende Leiter des Colleges sind. Diese sind häufig Amerikaner, wenn auch nicht immer. Die vergangenen beiden Vizeleiter kamen aus den Vereinigten Staaten, ebenso wie die aktuelle Dekanin Suzanne Nielsen. Sie diente 34 Jahre lang im amerikanischen Militär und verantwortete zuletzt die sozialwissenschaftliche Abteilung der Militärakademie von West Point.
Was den Lehrplan angeht, so wird dieser ständig neuen Gegebenheiten angepasst. „Wir machen permanent ein Update“, berichtet der dänische Generalleutnant Max Nielsen, der das College bis vergangenen Monat geführt hat. Die Beziehungen zur Rüstungswirtschaft sollen gestärkt werden. „Wir hatten beispielsweise Topmanager von Rheinmetall, Palantir und Leonardo bei uns“, sagt er.
Die meisten Lehrkräfte kommen auf Basis von Tagesverträgen von außen. „Da trägt nicht der dritte Sturm vor“, bezeugt der deutsche Oberst Robert Sura, der den jüngsten „Senior Course“ belegt hat. Er gibt dem Lehrgang „allgemein die Note ‚gut‘ bis ‚sehr gut‘“. Vor allem die „Field study“ auf seiner Klassenreise nach Lettland, Estland und Norwegen schärfte sein Bewusstsein für die Sicherheitslage in Nordeuropa und der Arktis. „Und man hat die fünfeinhalb Monate über gut zu tun“, sagt er.
Ein Lehrgang am NDC als Belohnung?
Damit begegnet Sura dem Vorwurf, ein Kurs am NDC im schönen Rom sei ein Bonbon mit Vergnügungsreisen. Im NDC bestreitet man auch nicht, dass es dem einen oder anderen Teilnehmer an Motivation fehlen könne. Doch das sei die Ausnahme. Auch die Personalpolitik der nationalen Streitkräfte lasse manche Fragen offen. Nicht immer würden die Besten zur NATO geschickt, heißt es von der Akademie, nicht zuletzt von den Amerikanern.
Karriere macht man oft auch leichter in der Heimat nahe den nationalen Entscheidungsträgern, ist ein Kalkül. Inwieweit das NDC den Teilnehmern einen Karriereschub bringt, lässt sich daher nicht leicht beantworten. Immerhin rühmt sich das College, dass etwa auf deutscher Seite mehrere Vier-Sterne-Generäle das NDC besucht hätten, darunter Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Auch Gerd Schmückle, früherer Vize des Supreme Allied Commander Europe (Saceur), sowie Helge Hansen, ehemaliger Heeres-Inspekteur und Oberbefehlshaber der Allied Forces Central Europe.
Im Laufe der Jahre wurde das Lehrangebot erweitert, denn viele Führungskräfte können sich für die Teilnahme am klassischen, fast halbjährigen „Senior Course“ nicht abkömmlich machen. Von den neunziger Jahren an kamen kürzere Lehrgänge hinzu, etwa ein einwöchiger Kurs für Botschafter und Generäle. Jedes Jahr muss das College Bewerber ablehnen, heißt es. Die Zahl der Teilnehmer für die jeweiligen Nationen bestimmt sich nach dem Gewicht in der NATO.
Die Forschung am NDC will raus aus dem Elfenbeinturm
An der Lehrtätigkeit beteiligt ist auch die NDC-Forschungsabteilung, die seit gut drei Jahren unter der Leitung der Deutsch-Französin Florence Gaub steht. Ihr Fachbereich soll auf einem Zeithorizont von etwa fünf bis zehn Jahren den Krieg und die Bedrohungen von morgen definieren. Ein Stochern im Nebel der Zukunft sei das nicht, betont die Politologin, die in Deutschland auch als Buchautorin und Talkshow-Gast bekannt ist. Durch die Definition von „schwachen Signalen“, etwa die Übernahme einer Schiffswerft in Marokko durch Russland, versucht sie Zukunftsszenarien auszuarbeiten, die andere vielleicht nicht auf dem Schirm haben.
Nach Gaubs Angaben genieße ihre Forschungsstelle als einzige in der NATO akademische Freiheit. So spricht sie etwa über die Expansion Russlands im Mittelmeerraum, über Gefahren in der Unterseewelt und im Weltraum. Armeen sind oft auf den jeweils letzten Krieg vorbereitet, nicht den kommenden. Mit ihren zehn Forschungskolleginnen und -kollegen am NDC versucht Gaub daher, auf blinde Flecken hinzuweisen. Was ist etwa, wenn der Bürgermeister von Dresden von einem von Russland gesponserten Fight Club ermordet wird, Deutschland daraufhin den Verteidigungsfall ausruft, doch die NATO-Partner nicht mitziehen wollen? Gaub plädiert dafür, solche Szenarien jetzt durchzuspielen, damit man später nicht bei null anfangen muss, wenn sie eintreffen sollten.
Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden. Daher setzt das NDC auf neue Darstellungsformen, etwa einen (optimistischen) Comic über Szenarien zur Sicherheitslage im Jahr 2099 oder auf KI-unterstützte Filme. Dass da mancher traditionelle Wissenschaftler die Nase rümpft, kümmert Gaub wenig. Nicht nur die breite Öffentlichkeit gelte es wachzurütteln, sagt sie, sondern auch ihre Adressaten in der NATO, die oft nicht sehr anders auf die neuen Kommunikationsformen reagierten. „Natürlich lassen wir an der Qualität gar nichts schleifen: Es muss auf jeden Fall inhaltlich top sein, aber es muss auch leicht zugänglich sein.“
Zersplitterte NATO-Strukturen bei Forschung und Analyse
Das NDC versucht, seine Forschung mit den komplexen NATO-Strukturen zusammenzubringen. Das erscheint nicht einfach. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat die NATO einmal als „hirntot“ bezeichnet, tatsächlich verfügt sie über beträchtliche geistige Kapazitäten in Form von Forschungs- und Analyseeinheiten. Diese befinden sich nur an vielen Orten in unterschiedlichen Einrichtungen und beschäftigten sich mit sehr verschiedenen Zeithorizonten in der Zukunft. Einige der Einheiten sitzen in Brüssel am NATO-Hauptquartier, im belgischen Mons oder in Norfolk, Virginia. Zudem gibt es eine Außenstelle nahe Paris sowie im italienischen La Spezia.
In Neapel führt die NATO den Strategic Direction South Hub, der sich allein um das Geschehen im Nahen Osten und Nordafrika kümmern soll. Diese Einrichtung wurde immer wieder kritisiert, hat aber fünfmal so viele Analysten wie das NDC, nämlich rund fünfzig. Wie die NATO ihre Ressourcen verteilt, ist somit eine berechtigte Frage. „Wir sind kostengünstig, vor allem gemessen an dem, was wir hervorbringen“, ist der frühere Kommandant Nielsen überzeugt.
