Für das, was Florian Wirtz auf der Wiese gemacht hat, gibt es auf der Wiesn einen Vergleich. Und für das, was mit Joshua Kimmich gemacht worden ist, möglicherweise auch.
Das fieseste Fahrgeschäft des Oktoberfests, das Teufelsrad, funktioniert so: Die Teilnehmer setzen sich auf eine Scheibe, die sich schneller und schneller dreht, bis die Fliehkräfte so groß sind, dass Mann für Mann, Frau für Frau von der Scheibe geschleudert wird. Sollte einer oder eine den Fliehkräften doch widerstehen, setzen die Mitarbeiter mehrere Seile und einen Pendelball ein, der so plötzlich auf die Teilnehmer zufliegt wie damals der Torhüter Oliver Kahn auf den Stürmer Stéphane Chapuisat. Danach geht’s dann ganz schnell.
Wäre aber Florian Wirtz, der deutsche Fußballnationalspieler, am Donnerstagabend in München mit dem Ball nicht gegen Serbien in die Arena gestiegen, sondern auf das Teufelsrad, würden die Mitarbeiter dort vermutlich auch an diesem Freitagmorgen noch vergeblich versuchen, ihn vom Ball zu trennen und von der Scheibe zu stürzen.
Mit zwei teuflischen Tricks hat Wirtz seinem Team in der Nations League zwei Tore gegen Serbien und seinem Trainer, Jürgen Klopp, den ersten Sieg mit der Nationalelf beschert. Vor dem 1:0 hat er den Ball so schnell zwischen der linken, der rechten und wieder der linken Schuhinnenseite hin und her bewegt, als wäre dieser in einem Teilchenbeschleuniger (der Ball ging bei seinem Schuss dann zwar an den Pfosten, prallte aber zu Tom Bischof, der ihn mit einem Big Bang ins Tor knallte).
Vor dem 2:0, das er dann selbst schoss, hat er den Ball so smooth mit der rechten Schuhsohle nach hinten gezogen, dass es aussah, als hätte er mit diesem einen Moonwalk gemacht. Das sieht man selbst im Stadion des FC Bayern sehr selten.
In Deutschland sagt man in solchen Situationen, dass einer wie Wirtz seinen Gegenspieler auf dem Bierdeckel ausspielen kann. Sagen wir mal so: Wenn zwanzig Bierdeckel nebeneinander auf dem Boden gewesen wären, dann hätte Wirtz den armen Srdjan Babić, der in beiden Situationen sein Gegenspieler war, an diesem Abend darauf wohl wirklich ausgespielt.
Eine wichtige Erkenntnis
Man kann nun mit einem angeheiterten, aber auch mit einem nüchterneren Blick auf diesen 2:0-Sieg über Serbien schauen. Angeheitert, weil Florian Wirtz nicht nur in Deutschland der beste Spieler ist, sondern das auch in vielen anderen Ländern wäre. Nüchtern, weil die Deutschen zwei sehr gute Aktionen ihres besten Spielers gebraucht haben, um gegen die Serben zu gewinnen, die deutlich schwächer als die Niederländer (1:1) und die Griechen (0:1) waren.
Doch wahrscheinlich war die wichtigere Erkenntnis eine andere: dass der neue Bundestrainer für den besten deutschen Spieler sofort die beste Position gefunden zu haben scheint.
Auch ein Bayern-Spieler schwärmt
In Klopps 4-3-3-Formation hat Wirtz in seinem ersten Startelfeinsatz halblinks in der Mittelfeldreihe gespielt. An der Seite von Aleksandar Pavlović und Tim Bischof, der später sagte, dass er Wirtz „erleben durfte“. Es sagt eigentlich alles über Wirtz aus, wenn es selbst für einen Spieler des FC Bayern ein besonderes Erlebnis ist, mit ihm zu spielen. Und auch wenn noch mehr über Wirtz gesagt worden ist und man noch mehr über Wirtz schreiben könnte, wäre da noch die Sache mit Joshua Kimmich und dem Teufelsrad.
„Es ist so ein schöner Abend“, sagte Klopp, als er auf dem Podium des Pressekonferenzsaals saß, „und ohne es anzusprechen, wollt ihr ein Thema aufmachen, das kein Thema ist.“ Er war gerade als Erstes gefragt worden, inwiefern es Wirtz bei diesem Spiel dadurch leichter gemacht worden sei, dass er mit Pavlović und Bischof zusammengespielt habe. Das durchschaute Klopp. „Und am Ende wird’s ne Jo-Kimmich-Geschichte. Das kriegt ihr ja hin. Das macht ihr schon. Pavlović, Bischof, Wirtz hat super funktioniert. Also kann ich leider nicht mitsingen bei dem Lied.“
Nur war es Klopp selbst gewesen, der dieses Lied früher an dem Tag nicht angestimmt, aber doch angesummt hatte. „Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will.“ So hatte Klopp im BR kommentiert, dass Kimmich „ein paar Mal nachgefragt“ habe, ob er nach dem ersten und zweiten nicht doch auch noch beim dritten und vierten Spiel unter dem neuen Bundestrainer dabei sein dürfe. Durfte er nicht.
Direkt danach hat Klopp gesagt, dass Kimmich „einen großartigen Eindruck gemacht“ habe, dass er ein „toller Kapitän“ und „alles gut“ sei. Später sagte er im ZDF, dass die Aussage im BR „light hearted“ gewesen sei, dass er also „keine Message senden“ wollte. Doch mal abgesehen davon, dass Klopp über Kimmich gesprochen hatte wie über ein quengelndes Kind, war an diesem Abend das Bild die Botschaft: Als die Nationalmannschaft ihr bisher bestes Spiel unter dem neuen Bundestrainer gemacht hat, hat der Kapitän nicht mitgespielt.
In diesem Fall muss man aber sagen, dass es kein Henne-Ei-Problem gibt: Es lässt sich ziemlich sicher behaupten, dass zuerst die Serben da waren, die den Kimmich-losen Deutschen den Platz gegeben haben und danach die Kimmich-losen Deutschen, die den Platz genutzt haben. Was sich aber weiterhin nicht ganz so sicher beantworten lässt: Wie gut Kimmich zum Klopp-Fußball passt?
Am Sonntagabend endet mit dem Spiel in Griechenland der erste Lehrgang unter Klopp. Danach wird sich das Teufelsrad bis zum Wiedersehen im November schneller und schneller drehen. Von den 44 Spielern, die der Bundestrainer dieses Mal nominiert hat, werden wahrscheinlich nur etwas mehr als die Hälfte bleiben dürfen. Auf der sich drehenden Scheibe ist der sicherste Platz in der Mitte, weil die Fliehkräfte dort am kleinsten sind. Und auch wenn man davon ausgehen muss, dass Kimmich, der Kapitän, darauf bleiben wird, kann man zu dem Eindruck kommen, dass er nicht mehr in der Mitte sitzt.
