Die Stoßzähne der Narwale gehören zum Absonderlichsten, was in der Evolution entstanden ist. Zahlreich sind die Fragen, die das Gebilde aufwirft: Warum wächst meist nur ein Zahn aus ihrem Oberkiefer heraus, warum haben vor allem Männchen einen, warum ist es in der Regel der linke Zahn, der auch noch immer linksgedreht ist, warum kann er fast so lang werden wie das Tier selbst – und nicht zuletzt: Wozu dient der lange Zahn?
Bis ins 17. Jahrhundert hinein galten Narwalzähne als Beleg dafür, dass Einhörner existieren: Ihre enorme Länge und ihre weiße Farbe muteten edel an, zudem gab es keine Beobachtungen von Tieren, die ein solches Horn tragen. Das änderte sich erst mit der wissenschaftlichen Beschreibung eines Narwalschädels im Jahr 1655 durch den dänischen Arzt und Altertumskundler Ole Worm. Er ordnete den gedrehten Zahn dem Narwal zu und stellte einen Schädel in seinem „Museum Wormianum“ aus, einem der ältesten naturhistorischen Museen weltweit. Der Mythos des Einhorns hielt sich aber noch bis ins 19. Jahrhundert hinein.

Doch auch wenn die Herkunft der langen Zähne längst bekannt ist, ihr Sinn ist noch immer nicht verstanden. Die Vermutung liegt nahe, dass der Zahn Männchen zwecks Imponiergehabe dient. Da Narwale aber auch häufiger in langen Meerwasserkanälen im Meereis der Arktis schwimmen, könnten sie ihn auch dazu nutzen, die Eisspalten offen zu halten.
Zuletzt kursierten Videos, die belegten, dass die Tiere mit ihren Zähnen größere Fische jagen, aufspüren und mit gezieltem Schlag auch bewegungsunfähig machen. Zwar können auch stoßzahnlose Weibchen Beute erlegen – aber dass der Zahn als Multifunktionswerkzeug dient, ist heute Stand der Forschung.

Nun erklären Wissenschaftler um Henrik Birkedal und Adrian Rodriguez-Palomo in „Nature Communications“, wieso der Zahn linksgedreht ist. Diese sogar makroskopisch gut zu erkennende Helixstruktur beruht demnach auf der Mikrostruktur von mineralisiertem Kollagen, das wie in menschlichen Zähnen auch das Grundmaterial von Dentin und Zahnzement bildet. Das Kollagen richtet sich demnach innerhalb des Zahns entlang der Längsrichtung aus. Die dünne Schicht des äußeren Zements vollführt aber aufgrund regelmäßiger Veränderungen in der Ausrichtung der Kollagenfibrillen eine Linksdrehung. Eine Schicht des inneren Dentins hingegen bildet eine rechtsdrehende Helix. Wahrscheinlich, schreiben die Forscher, bewirken diese gegenläufigen Helices, dass der Zahn gerade wächst, gleichzeitig aber die von außen sichtbare Linkswindung zeigt.
