An einem Apriltag schwebt aus dem bengalischen Himmel Narendra Modi auf dem Helipad in Katwa ein. Hier, im Osten Indiens, herrscht Krise, so wie im Rest des Landes, seit Iran die Straße von Hormus gesperrt hat. Die Inder sammeln jetzt Zweige und kochen über offenem Feuer, weil kein Flüssiggas mehr in ihren Häfen ankommt. Auf dem Schwarzmarkt ist der Preis eines Zylinders so hoch, dass Fabrikarbeiter zurück in ihre Dörfer fliehen.
Dort ist es nicht besser. Weil ein Sack Stickstoffdünger jetzt doppelt so viel kostet, lohnt sich der Anbau von Reis für viele bengalische Bauern nicht mehr. Noch ist Indien die dynamischste Wirtschaft der Welt. Doch seit einem Jahr erlebt das Land einen Albtraum. Erst hat Trumps Zoll von 50 Prozent den indischen Wachstumsmotor gebremst. Jetzt geht ihm der Treibstoff aus.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Man möchte wissen, was Modi dazu sagt, als sich sein Konvoi in Richtung Wahlkampfbühne in Bewegung setzt. Das 21. Jahrhundert gehöre Indien, lautet das Mantra des Ministerpräsidenten. Es ist unklar, ob das noch gilt. Modi will aus Indien eine wohlhabende Industrienation machen. Doch die Ölkrise offenbart, wie verletzlich die Volkswirtschaft ist.
Es gibt den Witz, dass es Indien schaffe, sowohl Optimisten als auch Pessimisten stets zu enttäuschen. Mindestens viermal wurde der Aufstieg des Landes seit den Neunzigerjahren von der gerade herrschenden Meinung vorhergesagt. Dieses Mal soll es klappen. Weil für die deutsche Wirtschaft die goldenen Zeiten in China vorüber sind, hat Kanzler Friedrich Merz Indien zum „Traumpartner“ erklärt. Doch das war Ende Januar, bevor Asien kein Öl mehr bekam.
Es geht aufwärts, aber von niedrigem Niveau
Wenn Indiens große Ambitionen ein Gesicht haben, dann sind es Modis hohe Stirn und sein kühnes Kinn, die eingerahmt sind von weißen Haaren und Bart. Mal streng, mal gütig blicken die Augen des Landesvaters von Plakatwänden aufs Volk herab, vor neu eröffneten Brücken, Staudämmen, Bahnhöfen, Geschäften und praktisch jeder staatlichen Einrichtung. Das Marketing wirkt. Modi ist für viele Inder der Visionär, der der früheren britischen Kolonie wieder Respekt verschafft. Für Investoren ist Indiens Aufstieg ohne Modi nicht vorstellbar.
Der Reformeifer des Regierungschefs begeistert. Modi hat einen Flickenteppich von Abgaben durch eine einheitliche Mehrwertsteuer ersetzt, die Insolvenz von Firmen vereinfacht, die Zahl der Flughäfen verdoppelt und Zehntausende Kilometer neuer Straßen gebaut. Mit seiner „Make in India“-Initiative wollte Modi Industrie nach Indien holen, was ihm bisher nur im Elektroniksektor gelungen ist. Doch Apple stellt nun ein Viertel seiner iPhones in Indien her. Das hat es zuvor nie gegeben.
Es geht aufwärts, wenngleich von niedrigem Niveau. 2700 Dollar verdient ein Inder im Durchschnitt pro Jahr, ein Chinese das Fünffache. Ob Indien die Lücke je schließen wird, ist umstritten. Der Subkontinent, der 22 Amtssprachen zählt, ist in seiner Vielfalt so faszinierend wie rätselhaft. Von den 100 Millionen Ureinwohnern lebt die Hälfte im Wald. Gujarat hingegen, wo Narendra Modi als Sohn eines Teeverkäufers 1950 in die drei Jahre alte indische Nation hineingeboren wurde, hat knapp 50 Dollarmilliardäre hervorgebracht.
Großes Theater auf der politischen Bühne
Aufstieg ist Modis Leben. Als Indien im vergangenen Jahr auf den Rang der viertgrößten Wirtschaft kletterte, hat Modi gejubelt, nun habe man Japan überholt. Nachdem die Rupie stark gesunken ist, hat der Internationale Währungsfonds das Land wieder heruntergestuft, an sechste Stelle hinter Großbritannien. Wie es wirklich um Indiens Wirtschaft bestellt sei, sagen regierungsnahe Ökonomen, lasse sich daran messen, wie stark der Ministerpräsident die Nationalismus-Karte spielt. Früher hat Modi in seinen Reden versprochen, die Einkommen der Bauern zu verdoppeln. Da war das Land auf gutem Weg. Droht Modi Indiens Muslimen, sie nähmen den 1,1 Milliarden Hindus das Geld weg, scheint die Regierung nervös.
In Westbengalen, wo Modi inzwischen auf der Bühne angekommen ist, stehen Wahlen an. Früher gab es für Modis Partei in Indiens kulturellem Herz nicht viel zu holen. Die Aggressivität der hindunationalistischen BJP, die sich gegen Indiens muslimische Minderheit richtet, hatte es bei den toleranten Bengalen schwer.
Doch nun startet Modi auf der Bühne sein großes Theater. Mal laut, mal leise steigt der Spannungsbogen auf und ab. Kurze, knackige Sätze wiederholen sich. Pausen lassen die Parolen sacken. Dass der Subkontinent den Großteil seiner fossilen Energie aus Saudi-Arabien und den Emiraten importiert, ist ein Schock für Indien, seit die Tanker am Golf feststecken. Doch dazu kommt von Modi kein Wort. Die „Angst“, die der Wahlkämpfer bei sengender Hitze auf der Bühne schürt, ist die Angst der Hindu-Mehrheit vor den Muslimen. „Die Eindringlinge sollen ihre Koffer packen!“, donnert Modi, über dessen Stimmgewalt es heißt, sie hypnotisiere die Massen. „Sprache und Kultur sind bedroht!“
Teures Öl belastet die Devisen
Sollte der Populismuslevel des Regierungschefs ein Konjunkturindikator sein, sieht es für Indiens Aufstieg nicht gut aus an diesem Samstag. Zum ersten Mal seit Republikgründung hat sich der Dollar auf 95 Rupien verteuert. Verliert Indiens Währung weiter an Wert, hat das Land ein 85 Milliarden Dollar schweres Problem. Das ist die Lücke, die nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds zwischen dem klafft, was Indien in diesem Jahr im Ausland ausgibt, und dem, was es einnimmt.
Indien hat schon immer mehr importiert, als es exportiert hat, und nun belasten das teure Öl die Devisen und die Währung. Als Modi noch im Bundesstaat Gujarat regierte, hat er der Zentralregierung vorgeworfen, eine schwache Rupie komme nationaler Schande gleich. Die Attacke hat ihm den Siegeszug an die Staatsspitze geebnet. Nun erwähnt er die größte Krise seiner Amtszeit mit fast keinem Wort. Drei Wochen später gewinnt die BJP den Staat, es ist eine Sensation. Nun kann Modi durchregieren im Land.
Bis Zweifel auftauchen, ob das gut ist, dauert es keine Woche. In Hyderabad ruft Modi den nationalen Notstand aus. Das Land, dem doch eigentlich das Jahrhundert gehören soll, malt der Ministerpräsident bedrohlich schwarz an. „Überall auf der Welt ist der Preis von Benzin, Diesel, Gas und Dünger in den Himmel geschossen“, ruft Modi. Indien treffe es besonders hart. Die vielen Dollar für Öl und Gas laugten Mutter Indien aus. Ein Opfer soll her, eine kollektive Kraftanstrengung. „Patriotismus ist nicht nur, für das Land zu sterben“, donnert Modi mit erhobenem Zeigefinger. „Patriotismus ist, Devisen zu sparen.“
Die Rupie auf Rekordtief
Modis offizielle Hobbys sind Wandern und Fotografieren, was surreal klingt, weil der Staatsführer in Funktionsjacke mit Kamera nur schwer vorstellbar ist. In etwas anderem als der „Modi-Weste“ ist er fast nie zu sehen. In der Brusttasche trägt er einen Kugelschreiber. Vor der Wahl zum Ministerpräsidenten hat Modi angegeben, als Kind zwangsverheiratet worden zu sein. Doch das sei damals nur ein Ritual gewesen, hat sein Bruder über die BJP mitgeteilt. Von Modi selbst gibt es dazu kein Wort. Wenn er sich mit gefalteten Händen auf der Bühne verbeugt und sich anschließend auf den Boden wirft, inszeniert sich Modi als Asket, der allein mit Indiens Aufstieg vermählt ist.
Der muss nun warten. Das Volk solle wie in der Pandemie zu Hause arbeiten und mit zehn Prozent weniger Speiseöl kochen, fordert Modi. Die Inder sollen das Auto stehen lassen und nicht mehr ins Ausland fliegen „für mindestens ein Jahr“. Vor allem kein Gold kaufen! Von Gold sind die Inder besessen, sie lieben das Edelmetall als Schmuck und schätzen es als Wertanlage. Schluss, ruft Modi. „Wir müssen die Währung retten!“
Nach seiner Rede fällt die Rupie auf Rekordtief. An der Börse sinken die Kurse um fast vier Prozent. Die Märkte deuten den Aufruf, den Gürtel enger zu schnallen, als Vorbote harter Zeiten. Die Regierung versucht, das Feuer auszutreten. Preiserhöhungen an der Zapfsäule seien nicht geplant. Modi persönlich dementiert den Bericht eines Börsensenders, die Regierung plane eine Steuer auf Auslandsreisen. In Indien herrschen 33 Grad, doch Modi erinnert in diesen Tagen an Jimmy Carter, der in der Ölkrise in Strickjacke neben loderndem Kamin die Amerikaner aufforderte, den Thermostat auf 13 Grad herunterzudrehen.
Appelle taugen nicht für die meisten Inder
Moralappelle sind Modis Spezialität. Als er vor zehn Jahren über Nacht die 500- und 2000-Rupien-Noten entwerten ließ und Chaos verursachte, verlangte Modi Geduld. In der Pandemie mahnte er die Inder zur Selbstdisziplin und verhängte wenig später einen Lockdown, der so drakonisch war, dass die Wirtschaft um ein Viertel einbrach. Zwei Tage nach Modis Rede in Hyderabad verdoppelt die Regierung den Zoll auf Gold und Silber. Als Nächstes lasse Modi die Tankstellenpreise steigen, glauben Beobachter.
Wenn Modi es sagt, müssen wir es tun, lautet in Indien ein geflügeltes Wort. Nicht alle sehen das so. Die liberale Zeitung „The Hindu“ wirft Modi vor, dass er wegen der Wahlen verschwiegen habe, wie schlimm die Lage sei. Vor allem die dramatische Warnung vor dem Devisenschwund sei „töricht“, schreibt der bekannte Publizist M. K. Venu. Modi habe den Finanzmärkten signalisiert, dass sich Indien noch nicht mal die 16 Milliarden Dollar leisten könne, die seine Bürger für Urlaub im Ausland ausgeben: „Ein Zeichen der Schwäche.“
Indiens Leistungsbilanzdefizit sei zwar hoch, sagt der Mumbaier Ökonom Niranjan Rajadhyaksha, doch für Alarm sei es verfrüht. Zumal Modis Verzichtsappell unpraktikabel ist. Im Homeoffice zu arbeiten, ist für Inder schon aus Platzgründen kaum möglich, die ständigen Stromausfälle kommen hinzu. Die Lust auf Gold werden höhere Zölle kaum dämpfen, weil sich die Inder mit dem Edelmetall ja gerade gegen die Währungsschwäche absichern wollen. Modis Forderung, nicht mehr ins Ausland zu reisen, würde ganze Familien zerreißen. 32 Millionen Menschen zählt die indische Diaspora.
Das Macher-Image leidet
Auch andere asiatische Staaten sparen Benzin. Doch Modis Antwort auf die Energiekrise, einfach keine Energie mehr zu verbrauchen, ruft Empörung hervor. Immer wieder versuche die Führung, „mit „moralisierender Sprache die Aufmerksamkeit von den tiefgreifenden strukturellen und politischen Problemen des Landes abzulenken“, kritisiert der Politikwissenschaftler P. B. Mehta. Mit seinem Patriotismusgerede wälze Modi die Verantwortung für das Desaster auf die Bürger ab. Dabei ist es nicht deren Schuld, dass Indiens Ölreserven so gering sind, dass sie nur ein paar Wochen halten. Die Reserven Chinas reichen für sechs Monate.
In der Krise bekommt das Macher-Image von Modi Kratzer. Eineinhalb Jahre ist es her, da zieht der Ministerpräsident in Gujarat zur Eröffnung einer Erneuerbare-Energien-Konferenz unter Applaus in die Halle ein. Bis 2030 will Modi 500 Gigawatt Stromerzeugungskapazität aus Sonne, Wind und Wasser installieren. Das entspricht dem halben Verbrauch. Man würde gerne wissen, wie ernst es Indien mit der Energiewende meint. Doch Modi erzählt erst mal einen Witz. Bei einer Pressekonferenz mit Obama habe eine amerikanische Journalistin einmal gefragt, ob sich Indien unter dem Druck der Weltgemeinschaft auf ein konkretes Ziel verpflichten werde, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Modi habe geantwortet, einer wie er lasse sich von niemandem etwas sagen: „Das ist Modi.“ Höfliches Gelächter, man kennt ihn.
Die Modi-Show produziert immer mehr Fehler. Der Ansatz, Politik über eine einzige Person zu machen, ist im Ausland spätestens mit dem Ende von Modis „Bromance“ mit Trump gescheitert. Auch daheim lassen die Ergebnisse immer öfter zu wünschen übrig. Vergangenen Sommer hat Indien verkündet, dass es bereits jetzt 50 Prozent des Strombedarfs aus Erneuerbaren decken kann. Das wäre ein Segen in der aktuellen Energiekrise. Doch die Modi-Regierung hat nicht die nötigen Netze und Speicher gebaut. Also fließt nur ein Viertel des Stroms von Solarparks und Windmühlen zu den Abnehmern. In China ist der Anteil doppelt so hoch.
Unter Modi ist Indien heute abhängiger denn je von den Fossilen. In China fährt jedes zweite neu zugelassene Auto elektrisch. Im viel ärmeren Indien sind es drei Prozent. Rund zehn Jahre liegt das Land bei der E-Mobilität zurück. Die Energiewende habe die Regierung „zu vorsichtig“ angefasst, kritisiert Amitabh Kant, vor Kurzem noch Modis Vertreter bei der G 20. Statt beherzt die Infrastruktur zu bauen, habe Neu Delhi herumgeeiert und so ermöglicht, dass Indien seit dem Irankrieg als Verlierer dasteht.
Am Donnerstag bricht Modi auf eine Rundreise in gleich fünf Staaten auf. In den Emiraten will Modi den Ölpreis drücken. Was ihn nach Schweden treibt, ist weniger klar. Auf jeden Fall wird der Trip viel Treibstoff und Devisen kosten, doch Modi hat seine Flugmeilen bereits kompensiert. Der Konvoi des Ministerpräsidenten, heißt es aus Regierungskreisen, werde nicht nur „erheblich“ verkleinert. Zudem wünsche Modi Elektroautos. Es ist ein Signal. Vorbild sein. Zwei Tage später, Modi ist am Golf, lässt die Regierung den Preis von Diesel und Benzin um drei Rupien steigen.
