Eine Stadt geht auf die Reise. Mit im Gepäck ist das Versprechen auf eine große Zukunft als Kulturmetropole und Kreativlabor. Doch die Zeiten sind damals schwer. Ende der Achtzigerjahre ist Nantes von der Verlagerung des Hafens nach Saint-Nazaire, der Schließung der Werften und dem Wegzug alteingesessener Großbetriebe wirtschaftlich stark angeschlagen. Dann zieht mit dem 39 Jahre jungen Sozialisten Marc Ayrault 1989 eine Lichtgestalt ins Rathaus. Der charismatische Politiker, der bis 2012 – dem Jahr, in dem er zum französischen Premierminister ernannt wird – Bürgermeister der Stadt am Unterlauf der Loire bleibt, geht beherzt ans Werk. Nantes bekommt eine hochmoderne Straßenbahn, das Zentrum wird fast verkehrsfrei, Museen werden entstaubt, Baudenkmäler saniert, Parks entstehen, große Festivals locken Hunderttausende Besucher an.
Doch noch bevor es richtig losgeht, schaut Nantes in den Spiegel. „Les Anneaux de la Mémoire“ heißt 1992 die erste Ausstellung in Frankreich, die sich mit dem Sklavenhandel auseinandersetzt. Im 18. Jahrhundert wurde Nantes zum wichtigsten Stützpunkt des sogenannten Dreieckshandels mit Sklaven zwischen Europa, Afrika und Amerika an der französischen Atlantikküste. Mehr als eine halbe Million Menschen sollen die Nantaiser Reeder in die Sklaverei verschifft haben. Die Ausstellung im Schloss der Herzöge der Bretagne sorgt landesweit für Aufsehen und lockt fast 400 000 Besucher an.
Die beliebteste Stadt Frankreichs
Die Stadt, die sich auf die Reise begeben hat, wird selbst zum Reiseziel. Von 2010 bis 2019 steigen die Übernachtungszahlen um fast achtzig, in der Hauptsaison sogar um fast hundert Prozent. 2011 werden Kräfte gebündelt, die wichtigsten kulturellen und touristischen Akteure schließen sich zusammen, das Schloss der Herzöge der Bretagne wird aufwendig restauriert. Später kommen die neue Gedenkstätte für die Abschaffung der Sklaverei, die zwischen der Stadt und der Loire-Mündung eröffnete Open-Air-Skulpturenschau „Estuaire Nantes – Saint-Nazaire“ und ein zweimonatiges Kunstfestival im Sommer hinzu, das der Stadt jedes Jahr dauerhaft im öffentlichen Raum verbleibende Werke beschert und dessen Name Programm ist: „Le Voyage à Nantes“, die Reise nach Nantes.
„Um 2020 war Nantes die Stadt, die im jährlichen Ranking der beliebtesten Orte Frankreichs fast immer den ersten Platz belegte“, blickt Timothée Demeillers zurück. Der Romancier und Journalist arbeitet im Nebenjob als Stadtführer. Wir treffen uns auf der Île de Nantes, einer von zwei Loire-Armen in die Zange genommenen Flussinsel, die fast zweimal so groß ist wie das historische Zentrum. Und auf der Flussinsel, auf der früher die Schlote von Zuckerraffinerien rauchten, Großwerften ein Heer von Arbeitern beschäftigten und Bananen in endlos langen Hangars reiften, wird das bedeutendste städtebauliche Projekt der westfranzösischen Großstadt verwirklicht.

Unsere Route gibt eine auf den Asphalt gemalte grüne Linie vor, mit der das Kunstfestival „Le Voyage à Nantes“ einen mehr als zwanzig Kilometer langen Parcours durch die Stadt markiert hat. Der Weg führt unter anderem zum neuen Justizpalast von Jean Nouvel. Mit dem puristischen, schwarzen Bau, einem klaren Gegenentwurf zum alten, kalkbleichen Justizpalast von 1853, begann 2000 die Umwandlung der Île de Nantes. Es folgten Hochschulen, Luxusapartmenthäuser, Grünanlagen und mit dem „Lulu Rouget“ ein Sterne-Restaurant mit resolut moderner Küche in ebenso resolut modernen Mauern – und jedes Jahr neue Kunstwerke.
„L’ Absence“ heißt ein amorpher Café-Pavillon aus wasserblauem Fiberglas, den das Rotterdamer Atelier Van Lieshout 2007 vor die Architekturhochschule gesetzt hat. „In a Silent Way“ hat die Französin Nathalie Talec ihr Werk aus zwei überdimensionalen, mit Kopfhörer und Virtual-Realtity-Maske ausgestatteten Mädchenköpfen genannt, das seit 2021 auf dem Vorplatz des Campus d´Art stehen. Zum Wahrzeichen der Insel geworden ist die aus 18 mannshohen Ringen komponierte Installation „Les Anneaux“ von Daniel Buren, die seit 2008 den Quai des Antilles säumen. Nachts leuchten die Stahlringe rot, blau oder grün über den Fluss und fokussieren den Blick auf die Altstadtsilhouette.
Das Wunder des mechanischen Elefanten
Besuchermagnet aber bleiben die „Machines de l´Île“. Das aus Holz, Leder und Metall zusammengeschraubte und motorisierte Bestiarium übergroßer Phantasietiere scheint direkt Brehms Tierleben, Jules Vernes Romanen und den Flugmaschinenentwürfen Leonardos da Vincis entsprungen zu sein. Mehrmals am Tag verlässt das Leittier „Le Grand Éléphant“, längst inoffizielles Wappentier der Stadt, sein Gehege in einer bis aufs Stahlskelett entbeinten Werfthalle. Wenn der mit zwölf Metern Höhe mehr als imposante Koloss, bepackt mit mehr als vierzig Passagieren und Wasserfontänen aus dem Rüssel spritzend, über das Gelände stapft, staunen Kinder und wundern sich Erwachsene.
Ganz in der Nähe der „Machines de l´Île“ beobachtet Grégory Lejeune die Fortschritte beim Bau der neuen Straßenbahnlinie. Trotz Umleitungen und Sperrungen ist Lejeunes Café „Délicatessaine“ gut besucht. Der Pâtissier der Stunde in Nantes, athletische Figur, graublonder Scheitel, backt seine Gâteaux und Entremets ohne Gluten, ohne künstliche Zutaten, doch vor allem mit wenig Naturzucker, und das ausgerechnet auf der Île de Nantes, deren Zuckerraffinerien einst zum Wohlstand der Stadt entscheidend beigetragen haben. „Am Anfang haben wir den Nantais Angst gemacht“, scherzt der 45-Jährige. Lejeune sehnt jetzt nur noch die Eröffnung des Pont Anne-de-Bretagne herbei, der künftigen Diritissma von der Altstadt auf die Île de Nantes. Im Herbst 2027 soll die mit 53 Metern dann breiteste Brücke Europas, ein Entwurf des in Paris tätigen österreichischen Architekten Dietmar Feichtinger, inklusive Straßenbahntrasse, Radwegen, Flanierparcours und Parkanlagen fertiggestellt sein. Bis es so weit ist, muss der Bio-Bäcker mit dem Baustellenlärm leben.

Es gibt bei aller Dynamik allerdings viel Gegenwind, wie Timothée Demeillers zum Schluss unserer Tour bemerkt. Nantes ist ins Visier der vom rechtsextremen Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré orchestrierten Medien geraten. Auslöser war unter anderem die von der bretonischen Bildhauerin Virginie Barré entworfene und zu Weihnachten 2023 über den Köpfen der Passanten schaukelnde Weihnachtsfrau „Petite Maman Noël“. Von einem Akt „woken Deliriums“ war daraufhin zu lesen und von der Gefahr, die von der seit 2014 amtierenden Bürgermeisterin Johanna Rolland ausgehe, die Nantes bis 2030 in eine „nicht-sexistische Stadt“ umwandeln möchte. Weitere Gründe zur Empörung lieferten die Pläne der Sozialistin, Nantes zur „ville refuge“ zu machen, zu einer Zufluchtsstadt, in der Exilanten bedingungslos in dafür geschaffenen Einrichtungen aufgenommen werden.
Nichts schien mehr heilig. 2018 schlugen Einbrecher mit der Axt ein Fenster im Musée Dobrée ein und stahlen das goldene Herzreliquiar der lokalen Säulenheiligen Anne de Bretagne. Nur eine Woche später wurde die Preziose aus dem 16. Jahrhundert, in der das Herz der Herzogin der Bretagne und zweifachen französischen Königsgemahlin eingeschlossen war, unversehrt in einem Waldstück wiedergefunden, immerhin. 2020 dann setzte ein Flüchtling aus Ruanda, der von der Diozöse als freiwilliger Ordnungshüter in der Kathedrale eingesetzt war, das Gotteshaus in Brand. Erst nach fünfjähriger Restaurierung konnte Saint-Pierre-et-Saint-Paul wieder 2025 geöffnet werden. Was im Getöse untergeht: Die Zahl der Straftaten sinkt seit 2019 kontinuierlich. Unter den 22 Metropolregionen des Landes belegt Nantes in der Kriminalstatistik den letzten und somit den besten Platz.
„Es gibt Probleme“, bestätigt Lucie Berthier Gembara, die nach der Ausbildung im Lyoner Institut Bocuse und Stationen bei den Marseiller Drei-Sterne-Köchen Passédat und Mazzia auf der Île Feydeau das Restaurant „Sépia“ eröffnet hat. Die Cheffe de Cuisine, Tigerleggings, Sneaker, hochgesteckte blonde Haare, meint damit allerdings nicht Probleme mit der öffentlichen Sicherheit, sondern die Hinterlassenschaften und das manchmal lautstarke Auftreten der Besucher aus dem benachbarten Quartier Bouffay, dem Ausgehviertel der Stadt schlechthin. Die Île Feydeau ist hingegen ein stilles Viertel. Im 18. Jahrhundert war die Flussinsel, die seit der Aufschüttung der Loire-Nebenarme im 19. Jahrhundert genau genommen keine Insel mehr ist, die bevorzugte Adresse der „négriers“, der Sklavenhändler. Entlang der Rue Kervégan tragen prachtvolle Reederpalais die steinernen Masken von Antillen-Schönheiten. Eine Ecke weiter erblickte Jules Verne 1828 das Licht der Welt. Von den vorbeiziehenden Segelschiffen begeistert, schlich sich der kleine Jules als Elfjähriger auf den Dreimaster „Coralie“. Der Vater vereitelte den Ausreißversuch. „Von jetzt an werde ich nur noch in meiner Vorstellung reisen“ – der Schwur an die Mama wurde literarisches Programm.
Steinerne Masken von Antillen-Schönheiten
Als gebürtige Nantaise kennt Lucie Berthier Gembara die Geschichte des Viertels und richtet den Blick nach vorn, in die Zukunft des Spitzenkochens. Die Karte des „Sépia“ ist stark vegetarisch orientiert. Saucen sind raffiniert, Kombinationen überraschend wie ein rauchiges Baba Ganouch mit Eierpunsch und Feta-Crumble oder ein Buchweizen-Risotto mit Rosen-Harissa und Fenchel-Jus. Alles ist leicht und zugleich schmackhaft. 2025 erklärte La Liste Nantes zu Frankreichs neuem gastronomischem Hotspot. Das Ranking der tausend weltweit besten Restaurants vergab die Auszeichnung erstmals an ein Kollektiv junger Köche und Köchinnen, darunter Lucie Berthier Gembara. „Wir arbeiten bewusst miteinander“, freut sich die auch im Michelin und im Gault & Millau in lobenden Worten geführte Köchin.

Radfahrer flitzen vorbei, Fußgänger spazieren kreuz und quer. Im Quartier Graslin, mit dem sich Nantes im frühen 19. Jahrhundert nach Westen ausbreitete, sind Straßen und Plätze vom Asphalt befreit und mit bretonischem Granit neu gepflastert. Verkehrsberuhigt ist das gesamte Viertel sowieso. Bretonischer Granit bildet auch den soliden Sockel für die darüber aus bleichem Loire-Tuffstein errichteten Prachtbauten, die Kolonnaden mit kühler Noblesse auf Abstand halten. In der Passage Pommeraye schauen dickleibige Putten und ernst dreinblickende Honoratiorenbüsten auf das geschäftige Treiben. Große Pariser Luxusmarken wechseln sich mit alteingesessenen Chocolatiers und schicken Schuhläden ab. Fast zehn Meter beträgt der Höhenunterschied vom unteren bis zum oberen Ausgang der 1843 eröffneten Passage, die als der prachtvollste Wandelgang ganz Frankreichs gilt. Macht 54 Eichenstufen, bis die dreistöckige Passage auf die Rue Crébillon stößt. Die schnurgerade Luxusmeile erfreut sich seit ihrer Vollendung ungebrochener Beliebtheit, was sich im lokalen Wortschatz niedergeschlagen hat. „Crébillonner“ steht für einen beliebten Zeitvertreib, der darin besteht, im Flanierschritt die mit Couture und Klunkern drapierten Schaufenster entlangzulaufen.
Am nahen Cours Cambronne treten Kinder in die Pedale ihrer Dreiräder. Auf Parkbänken wird ins Buch geschaut. Majestätische Magnolien spenden Schatten vor den klassizistischen Fassaden mit den immer gleichen Pilastern und weißen Holzfensterläden. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts brachten Kapitäne aus Nantes die ersten frostempfindlichen Magnolien und Kamelien vom Mississippi mit. Die ältesten Exemplare sollen die am Cours Cambronne sein, der tagsüber öffentlich zugänglich ist, aber mit Einbruch der Dunkelheit bis zum nächsten Morgen abgeschlossen wird. Sicher ist sicher. Schließlich sind es nur ein paar Schritte an den Quai de la Fosse und damit in ein bis vor nicht allzu langer Zeit als Rotlichtviertel verrufenes Quartier.
Am Kai, an dem Jacques Demy seine Hauptdarstellerin Anouk Aimée 1961 in „Lola, das Mädchen aus dem Hafen“ Matrosen den Kopf verdrehen ließ, erinnert die moderne Médiathèque Jacques Demy an den Regisseur, der der Stadt in gleich mehreren Filmen ein Denkmal gesetzt hat. Gleich nebenan stehen Barockpalais in beängstigender Schieflage, eine Folge des instabilen Baugrunds am Ufer der Loire. Ansonsten wirkt alles wie gerade aufgeräumt.
„Der Quai de la Fosse ist heute beste Lage“, freut sich Simon Bouet. Der gebürtige Nantais betreibt mit seinem Kompagnon Pierre Picoret in Nummer 61 die „Muscadothèque“, die zugleich Weinbar, Weinhandlung und Botschaft des Muscadet ist. Die beiden Lokalpatrioten haben sich auf die Fahnen geschrieben, den Ruf des vor den Toren der Stadt angebauten Wein zu rehabilitieren. „Nantes war bis vor Kurzem der einzige Ort Frankreichs, in dem der eigene Wein nichts galt“, echauffiert sich Bouet. Was sich langsam ändert. Vom ehemals als „petit vin“ geschmähten Wein ist der Muscadet, der aus der ursprünglich burgundischen Rebsorte Melon gewonnen wird, dank eines beachtlichen Qualitätssprungs zum „vin à la mode“ avanciert.
Wir probieren einen 2020er Cru Goulaine aus der nur zwanzig Minuten Autofahrt von Nantes entfernten Domaine Bonnet-Huteau. Der zwei Jahre auf der Vollhefe gereifte Wein hält souverän die Balance aus den Aromen reifer gelber Früchte und einer dezent salzigen Note. Auch der nur ein Jahr auf der Hefe gereifte 2023er Original der Domaine Bregeon schmeckt dank seiner Frische, Mineralität und feinen Säure grandios. Das Potenzial, das im Muscadet steckt, hat auch „Le Voyage à Nantes“ erkannt und ließ Taten folgen. „Le Voyage dans le Vignoble“ heißt die südlich von Nantes beginnende Tour durch die Weinberge und Weingüter der Appellation. Die 36 Kilometer lange Passage von Nantes nach Clisson ist auch als Radweg ausgeschildert. Die Reise geht weiter.
