
Die Macher des Berliner Start-ups Nox Mobility verstehen sich aufs Marketing. Auf dem Freigelände der Bahntechnikmesse Innotrans buhlen im Wechsel glänzende High-Speed-Züge, Niederflur-Straßenbahnen, Schienenfräsmaschinen und Wagen für die Londoner U-Bahn um die Aufmerksamkeit der Besucher. Nox dagegen hat sein Ausstellungsstück unter einer riesigen schwarzen Plane verborgen, die erst im Messeverlauf enthüllt wird. Ab und zu dürfen ausgewählte Besucher drunterschlüpfen und das vermeintlich so geheimnisvolle Projekt bestaunen. Es handelt sich um einen Prototyp, der ganz anders aussieht, als man sich gemeinhin einen Nachtzug vorstellt.
Vor ziemlich genau zehn Jahren schob die Deutsche Bahn ihre Nachtzüge aufs Abstellgleis. Zu teuer und zu verlustreich – so lauteten damals die Begründungen für den Schritt. Seitdem haben andere das Geschäft übernommen, allen voran der österreichische Staatskonzern ÖBB mit seinen Nightjet-Zügen. Freilich auf relativ bescheidenem Niveau. Nun zeichnet sich eine Renaissance auf breiterer Ebene ab. Auf der Ausstellung in Berlin ist von einem Comeback des Segments die Rede. „Dass gleich mehrere neue Nachtzugkonzepte auf der Innotrans zu sehen sind, zeigt, wie dynamisch sich dieses Segment derzeit entwickelt“, sagt Messedirektorin Kerstin Schulz.
Nox Mobilitys Konzept setzt ausschließlich auf private Räume für eine oder zwei Personen. Sie tragen hippe Namen wie „Double Vista“, „Single Loft“ oder „Double Loft“. Aber die sind noch Zukunftsmusik, wenn das Unternehmen kommendes Jahr loslegt. Dann fahren erst einmal sogenannte Nox Suites durch die Republik: Abtrennbare, aber einsehbare Bereiche in einem Waggon, der früher mal ein Intercity war und umgebaut wurde. Nox verspricht jedem Reisenden einen eigenen Bereich mit großem Sitz, einem Tisch zum Arbeiten und Essen, Stauraum fürs Gepäck und Steckdosen in greifbarer Nähe. In der Lounge-Position kommen auch Zwei-Meter-Leute dazu, sich entlang des Fensters ausstrecken zu können.
Hamburg–München für 65 Euro
Ein wenig erinnert das Ensemble an die Businessclass im Flugzeug. Nicht von ungefähr: „Wir haben uns von Singapore Airlines inspirieren lassen“, verrät Mitgründer und Investor Artur Hasselbach der F.A.Z. Die Suites seien allerdings ein komplettes und über Monate entwickeltes Eigendesign, fügt er hinzu. „Das gibt es nirgendwo sonst in Europa.“ Wenn Nox demnächst auf die Schiene geht, ist das Angebot zunächst sehr übersichtlich. Vom 23. März an fahren die Züge dreimal je Woche in jede Richtung zwischen Hamburg und München, mit zwei Zwischenhalten in Bremen und Augsburg. Tickets für die einfache Fahrt sind von 65 Euro an zu haben und online zu buchen.
Hasselbach und seine beiden Mitgründer – Thibault Constant, selbst erklärter Trainfluencer und Unternehmer, sowie Flixtrain-Projektmanager Janek Smalla – haben sich viel vorgenommen. Bis zum Jahr 2035 will man 100 europäische Städte über ein Netz miteinander verbinden. Investoren wie IBB Ventures glauben an das Konzept: Im April hat Nox Mobility in einer frühen Finanzierungsrunde zwei Millionen Euro eingesammelt.
Die Geldgeber sind auch deshalb überzeugt, weil das Unternehmen nicht nur ein weiteres Schienenverkehrsunternehmen sein will. „Nox Mobility baut weit mehr als einen neuen Bahnbetreiber auf. Hier entsteht eine eigenständige Reisekategorie neben Fliegen und Hotellerie“, sagt IBB-Ventures-Manager Roman Pimonov. „Wir sehen darin enormes Marktpotential, das weit über die erste Strecke hinausreicht.“ Denn künftig, das macht auch Hasselbach klar, will man eine Art Reisekomplettservice anbieten. Über eine eigene Buchungsplattform sollen Zusatzleistungen am Reiseziel wie Duschmöglichkeiten, Coworking-Plätze oder Hotelzimmer buchbar sein.
Vom Flieger in die Bahn
Zumindest verspricht die erste Strecke schon ein aussichtsreiches Kundensegment anzusprechen: Geschäftsreisende. Hamburg–München sei eine der meistgeflogenen Inlandsstrecken Deutschlands, heißt es. Im Jahr 2024 wurden zwischen den beiden Städten mehr als 1,2 Millionen Fluggäste gezählt. Die Politik freut sich über das neue Angebot. „Wer die Mobilitätswende voranbringen will, muss gerade auf längeren Strecken attraktive Alternativen zum Flugzeug schaffen. Nachtzüge können dabei eine wichtige Rolle spielen: Sie verbinden große Städte komfortabel und klimafreundlich über Nacht“, zitiert Nox den Hamburger Verkehrssenator Anjes Tjarks. „Die neue Verbindung von Nox Mobility stärkt den Bahnverkehr in Deutschland und den Mobilitätsstandort Hamburg.“
Auf der Innotrans sind derweil noch weitere Nachtzuganbieter mit ihren Ideen präsent. Die Luna Rail GmbH zeigt im Luna Rail Lab unter anderem zweigeschossige Sitz- und Liegebereiche sowie private Kabinen für eine oder zwei Personen. Die Tricon AG hat gemeinsam mit Partnern das Projekt „Alisa“ entworfen – eine Abkürzung für „angebotsdifferenziertes, leichtes und innovatives Schlafwagenkonzept“ – und stellt Modelle des Konzepts vor.
Messedirektorin Schulz hat eine Vermutung, warum der Nachtzug nach einem Jahrzehnt des leichten Dämmerschlafs – neben der ÖBB sind auch andere Anbieter wie European Sleeper nach Mitternacht auf den Schienen unterwegs – jetzt deutlich an Attraktivität gewinnen könnte. „Der Nachtzug verbindet viele Themen, die unsere Branche beschäftigen: nachhaltige Mobilität über lange Distanzen, neue Kundenerwartungen und die Frage, wie sich Komfort und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden lassen.“ Das alte Schlaf- und Liegewagenkonzept ist offenbar auf dem Weg zu einer neuen Modernität.
