Wer die Welt aufrütteln und für die Wissenschaft begeistern will, muss auch Theater spielen können. Craig J. Venter hat das so verstanden, und es war faszinierend, ihn dabei zu beobachten, wie er die Bühne, die man für ihn aufbaute, mit seinen utopischen Solostücken bespielte. Das war oft überzeichnet, die Entzifferung des menschlichen Genoms hätte auch leiser über die Bühne gehen können, aber wissenschaftlicher Firlefanz war es allemal nicht.
Irgendwann, kurz nach der Jahrtausendwende, als Craig J. Venter unter seinen Zeitgenossen fast schon die Popularität eines Alexander von Humboldt erreicht und zugleich das Kunststück fertig gebracht hatte, einen Oppenheimerschen Hass auf sich zu ziehen, traf der gebürtige Kalifornier auf Einladung dieser Zeitung auf den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk. Es war in Lyon. Ein halbes Jahr vorher hatte Venter im Weißen Haus neben Bill Clinton gestanden. Der US-Präsident hatte die Humangenom-Dechiffrierung feierlich als die Darreichung einer „Karte des Lebens“ verkündet. Krebs, Alzheimer sollten endlich lös- und behandelbar werden. Aber sehr schnell entwickelte sich die Bühne der modernen Biomedizin daraufhin auch für Venter zum Schauplatz potentieller Tragödien. Plötzlich schien jedwede molekulare Manipulation inklusive des seriellen Klonens von Menschen denkbar. Und musste deshalb öffentlich diskutiert werden.
„Weil der Tod das Ende ist“
Craig Venter glaubte keine Sekunde an solchen Spuk. Aber genau das reizte ihn. Vom Philosophen ließ er sich in Lyon locken, immer wieder kam die Frage: Warum, Mister Venter? Was treibt Sie an, die DNA ökokonomisch auszuschlachten? Eine – die freche – Antwort lautete: „Weil ich ein größeres Segelboot haben wollte.“ Die andere: Weil er es könne und in Vietnam erlebt habe, was ein Menschenleben wert und was Schmerz und Krankheit seien. Seine letzte Anwort: „Weil danach nichts kommt, weil der Tod das Ende ist.“ Keine Zeit zu verlieren, hieß das, schon gar nicht für Ethik. „Speed matters“, wie das Motto seiner Firma Celera Genomics lautete. Das war Teil seiner Inszenierung: Sich locken zu lassen, in die Offensive zu wechseln und das akademische Milieu dann vor den Kopf zu stoßen, aus dem er sich Anfang der Neunzigerjahre nach dem Streit mit den Verantwortlichen am größten biomedizinischen Forschungsinstitut der Welt (NIH) unternehmerisch herauszuwinden verstand.

Erst viele Jahre später, als er seine letzte Biotech-Firma Human Longevitiy Inc gründete, war endgültig klar geworden, dass er einen existentiellen Kampf führte. Es war sein Wettrennen gegen die Brüchigkeit des Lebens. Aus seiner Sicht, der das Erbgut wie eine materialistische Variante der Unsterblichkeit betrachten mochte, bot sich mit seinem privilegierten DNA-Wissen als Genunternehmer eine doppelte Chance: Frei von akademischen Zwängen alten Menschheitsträumen nachzujagen und sich selbst als Held der Forschung zu inszenieren.
Das Unangepasste, das ihn auszeichnete, hatte Venter früh angetrieben. Als kalifornischer Student trieb er sich lieber am Pazifikstrand herum und klemmte sich das Surfbrett untern Arm als hinter den Schreibtisch. Nachdem er im Vietnam-Krieg monatelang Sanitärdienst leistete und die Erfahrung der Kriegsversehrten ihn fast zur Verzweiflung brachten, schwamm er oft hinaus aufs Meer, vermerkte er später in seiner Autobiographie. Aufs Meer, aus dem er eigentlich nicht wieder zurückkehren wollte. Bald aber sich der junge Sonnyboy und begann an der Universität in San Diego sein Medizinstudium.
Auf Mikrobenjagd an Bord seiner Segeljacht
Venter wurde Professor an der State University of New York and am Roswell Park Cancer Institute. Nachdem er Mitte der Achtzigerjahre ans NIH ging, entwickelte er eine bahnbrechende Strategie zur Identifizierung neuer Gene.Hunderte wissenschaftliche wissenschaftliche Publikationen folgten. Auch dann noch, als Venter schon das TIGR (The Institute for Genomic Research) gründete und später Celera sowie das J. Craig Venter Institute. Er wurde zum ersten Genomgroßunternehmer der Geschichte, der sich allerdings auch regelmäßig auf Mikrobenjagd an Bord seiner „Sorcerer II“-Segeljacht aufmachte. Mitte der Neunziger Jahre hatten er und sein Team das erste frei lebende Bakterium, Haemophilus influenzae, genetisch durchbuchstabiert.
Bald nach der Humangenom-Entzifferung war seine Leidenschaft endgültig für die synthetische Biologie geweckt. Es begann seine Homunculus- und Zauberlehrlingsperiode. Nicht mehr nur das Dechiffrieren, auch die Konstruktion von Bakterienzellen oder Viren mit einem künstlich erzeugten Genom waren das Ziel. Als Bioingenieur allerdings, der die Schöpfung kommerziell ausbeutbarer Bakterienkulturen vorantrieb um damit beispielsweise lebendige Treibstoff-Produzenten zu generieren, wurden ihm Grenzen aufgezeigt. Vor zehn Jahren veröffentlichte sein Team immerhin Ergebnisse zu einem neuen synthetischen Bakterium aus seiner Mycoplasma-mycoides-Reihe (“JCVI-syn3.0“), das sich mit minimaler Genausstattung als Überlebensweltmeister in den Laborkulturen erwies.
Das klingt mysteriös, für manche auch bedrohlich, das ist es biotechnisch gesehen aber keineswegs. Venter selbst hatte mittlerweile mit Prostatakrebs und damit einer ganz anderen Bedrohung zu kämpfen. Eine existentielle Bedrohung, die er in der Abschrift seiner eignen Genomsequenz vor einem Vierteljahrhundert nicht zu erkennen vermochte. Der Datensatz mit den letzten von 3,2 Milliarden DNA-Basenpaaren, die er damals in der Nacht vor der historischen Bekanntgabe der Humangenomentzifferung unserer Redaktion zusandte, war Teil seines eigenen Erbguts. Nicht einmal 0,1 Prozent des Venter-Genoms füllten seinerzeit die wahrscheinlich denkwürdigsten Feuilleton-Seiten dieser Zeitung. Am Mittwoch hat Craig Venter seinen letzten Kampf gegen den Krebs verloren, mit 79 Jahren ist er in San Diego gestorben.
