
Auch am Tag danach hat der Komplettausfall des Schienenverkehrs in Deutschland wegen einer Zugfunkstörung die Gemüter bewegt. Während Politiker auf schnelle Aufklärung drängten, zeigte sich die Wirtschaft empört. Die Deutsche Bahn leiste sich eine Serie von Fehltritten, und das seit Jahren, hieß es.
„Die DB Infrago als Infrastrukturbetreiberin schlittert von einer Katastrophe zur nächsten und reißt den Schienengüterverkehr mit“, sagte die Geschäftsführerin des Verbandes Die Güterbahnen, Neele Wesseln. Die Unternehmen seien gezwungen, nur noch im Krisenmodus zu agieren. „Das beeinträchtigt nicht nur Lieferketten und die Motivation der Angestellten, sondern treibt Kunden zurück auf die Straße.“ Der Verband verwies auf mehrere nach seiner Ansicht in letzter Zeit von der DB zu verantwortende Pannen.
Dazu gehöre „das zweiwöchige Chaos rund um Himmelfahrt im Norden“. Im Mai war es den Angaben zufolge im Raum Hannover und auf den Nord-Süd-Achsen zu massiven Rückstaus auf der Schiene, zu Zugstillständen und „faktischen Netzblockaden“ gekommen. Ausgerechnet die Verkehre zum Hamburger Hafen, dem wichtigsten deutschen Seehafen für den Schienengüterverkehr, seien besonders betroffen gewesen. Die Schuld schob die Lobbyorganisation der DB-Cargo-Konkurrenten dem Baustellen- und Kapazitätsmanagement von DB Infrago zu. Es fehlten funktionierende Notfall- und Krisenkonzepte für den Güterverkehr.
Diagnose: Kontrollverlust
Der Güterbahnenverband diagnostizierte einen Kontrollverlust der DB Infrago. Dem dürfe der Bund nicht länger tatenlos zusehen. „Es ist höchste Zeit für ein unabhängiges Bundesamt für Schieneninfrastruktur, das den Infrastrukturbetreiber steuert“, sagte Geschäftsführerin Wesseln. Der Verkehrsausschuss im Bundestag sei aufgefordert, „diese Chaosserie ganz oben auf seine Agenda zu setzen, und den Handlungsdruck zu erhöhen“.
Nun ist es nicht so, dass die DB-Tochtergesellschaft Infrago staatlich nicht kontrolliert wird. Das Eisenbahn-Bundesamt überwacht Betrieb und Sicherheit, die Bundesnetzagentur reguliert den Zugang zur Infrastruktur und die Nutzungsentgelte. Zudem gilt Infrago anders als der Vorgänger DB Netz seit der Gründung 2024 als „gemeinwohlorientiert“ – dafür steht die Abkürzung „go“. Trotzdem reißen die Beschwerden über die Arbeit des Schieneninfrastrukturunternehmens nicht ab.
Der Ausfall des Zugfunks in der Nacht zum Mittwoch und der daraufhin folgende Komplettausfall des Schienenverkehrs hatte in der Politik für Verständnislosigkeit und Verärgerung gesorgt, und das quer durch alle Parteien. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder als Vertreter des Eigentümers Bund forderte den Konzern auf, seine Systeme so aufzustellen, dass sich das nicht wiederhole. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, der zugleich Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz ist, forderte wie zahlreiche andere Politiker eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls.
„Bislang nie vorgekommen“
DB-Infrago-Chef Philipp Nagl hatte am Tag zuvor versichert, man arbeite Ursachen umfassend auf und werde Prozesse sowie technische Abläufe dort anpassen, wo es erforderlich sei. Allerdings sei eine Störung dieser Art wegen der zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen im Eisenbahnbetrieb „bislang nie vorgekommen“.
Der Ärger um den Zugausfall fiel ausgerechnet in die Woche, in der Bahnchefin Evelyn Palla dem Aufsichtsrat ihre konkretisierte Strategie vorstellte. Sie will die Konzernführung schlanker aufstellen und die Pünktlichkeitswerte verbessern. Zudem verabschiedet sich die DB von früheren Zielen wie einer Verdopplung der Reisendenzahlen. „Wir verabschieden uns von unerreichbaren Versprechen. Wir setzen auf realistische Ziele und Fakten“, sagte Palla einer Mitteilung zufolge.
In der Strategie für die nächsten zehn Jahre wird 2026 als Jahr des Umbaus beschrieben. Dieser soll von 2028 an zu Kosteneinsparungen von 500 Millionen Euro je Jahr bei den Sach- und Personalkosten führen. Bis 2030 sollen dann spürbare Fortschritte mit Blick auf die Sanierung des Netzes gelingen. 2035 – im Jahr des Jubiläums für das 200-jährige Bestehen der Eisenbahn – soll die Sanierung abgeschlossen werden.
Ziel ist Pünktlichkeit von 80 Prozent
Dann wird von einer Pünktlichkeit im Fernverkehr von 80 Prozent ausgegangen. Im vergangenen Jahr waren lediglich 60,1 Prozent der Fernverkehrszüge pünktlich. Als Zwischenschritt soll bis 2030 die Pünktlichkeit im Fernverkehr auf 69 bis 72 Prozent steigen und im Regionalverkehr bei 89,5 bis 91,5 Prozent liegen. Das soll durch die Sanierung weiterer Streckenabschnitte im Schienennetz möglich werden.
Am Donnerstag wurde auch der Name für den Nachfolger der ausgeschiedenen Finanzchefin Karin Dohm bekanntgegeben. Der Aufsichtsrat berief Michael Obrowski zum neuen Finanzvorstand des Staatskonzerns. Der Siebenundfünfzigjährige sei ein erfahrener Finanzexperte und Diplom-Wirtschaftsingenieur. Er übernehme die Aufgabe voraussichtlich zum 1. September. Er kommt aus der Mobilitätsbranche und wechselt von einer Vorstandsposition im VW-Konzern zur Bahn. Das Vorstandsteam um Palla sei damit nach den Neuzugängen Bernhard Osburg (Vorstand Güterverkehr) und Harmen van Zijderveld (Vorstand Regionalverkehr) vollständig besetzt.
