Herr Klimpel, seit Juni sind im Raum Frankfurt acht Menschen an Malaria erkrankt, drei von ihnen sind gestorben. Zwei Erkrankte haben weder am Flughafen gearbeitet noch eine Fernreise gemacht. Wie konnten diese Personen mit den Anopheles-Mücken in Kontakt kommen, die die Krankheit übertragen?
Es ist davon auszugehen, dass die Mücken aus den Tropen stammen – in diesem Fall vermutlich aus Afrika – und in den Frachträumen von Flugzeugen zu uns gekommen sind. Am Flughafen wurden Mitarbeiter von diesen Insekten gestochen und haben sich mit dem Malariaparasiten infiziert. Wenn es warm ist, können tropische Anopheles-Arten in unseren Breiten eine gewisse Zeit überleben, und sie können auch zwei, drei Kilometer weit fliegen. Herrschen dann noch günstige Windbedingungen, ist es möglich, dass sie Menschen stechen, die sich in einiger Entfernung vom Flughafen aufhalten.
Wie lange können diese eingeschleppten Mücken hier überleben?
Es sind ausschließlich weibliche Mücken, die Blut saugen und das tierische Eiweiß für die Entwicklung ihrer Eier benötigen. Sie können hier außerhalb des Winters locker zehn bis 14 Tage überleben, bei günstigen Bedingungen sogar ein bis zwei Monate. Wenn sie mit dem Flugzeug eingeschleppt werden und lange Strecken hinter sich gebracht haben, kann diese Spanne jedoch deutlich kürzer sein. Wenn Anopheles-Mücken einen Malariakranken stechen und die Erreger aufnehmen, dauert es eine Weile, bis sich die einzelligen Parasiten in dem Insekt vermehren und die Mücke selbst infektiös wird. Dann trägt sie den Parasiten in sich bis zu ihrem Tod. Sie gibt ihn aber nicht über ihre Eier an den Nachwuchs weiter.
Auch in Deutschland kommen Anopheles-Mücken vor. Können die ebenfalls Malaria übertragen?
Es gibt heimische Anopheles-Arten, in denen sich der Malariaerreger entwickeln kann. Wenn eine solche Mücke in Deutschland einen Malariakranken sticht, ist es denkbar, dass sie die Parasiten auf andere Menschen überträgt. Aber sehr wahrscheinlich ist es nicht, auch weil die heimischen Anopheles-Mücken nicht so empfänglich für den Erreger sind wie die tropischen Arten.
Untersuchungen von Proben der Frankfurter Malariapatienten haben gezeigt, dass die Erreger, mit denen sie sich infiziert hatten, sehr eng miteinander verwandt waren. Kann man daraus schließen, dass sie alle von derselben Mücke gestochen wurden?
Na ja, dafür müsste eine einzelne Mücke schon sehr lange herumfliegen. Und soweit ich weiß, haben die betroffenen Menschen auch nicht alle zusammengelebt. Am wahrscheinlichsten ist, dass mehrere Mücken gleichzeitig eingeschleppt wurden und unter anderem durch den Wind weitere Strecken überwinden konnten.
Kommt so etwas an Flughäfen häufiger vor?
Ja. Laut einer Studie sind im Zeitraum von 1969 bis Anfang 2024 in Europa 154 Fälle erfasst worden, in denen Menschen an Flughäfen mit Malaria infiziert wurden. Das ist also kein spezifisches Frankfurter Problem.
Was tun die Flughäfen dagegen?
Nach den internationalen Luftfahrtrichtlinien und Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation werden Insektizide genutzt, um die Flugzeuge zu desinfizieren. In Frachträumen werden auch Insektizide mit lang anhaltender Wirkung eingesetzt. Hundertprozentigen Schutz bietet das aber nicht.
Früher war Malaria in Deutschland eine einheimische Krankheit, man sprach von Sumpf- oder Marschenfieber. Ist es vorstellbar, dass die Malaria dauerhaft zu uns zurückkehrt?

Da kann man erst einmal beruhigen. Der Lebenszyklus der Malariaparasiten ist sehr kompliziert, er nutzt zwei Wirte: die Anopheles-Mücke als Endwirt und den Menschen als Zwischenwirt. Die Anopheles-Mücken als Endwirte übertragen den Erreger, aber das ist kein rein mechanischer Transport, sondern sie müssen zuerst den Parasiten in einem bestimmten Stadium von einer infizierten Person aufnehmen, und anschließend muss der Parasit eine weitere Entwicklung zum infektiösen Stadium in der Mücke vollziehen, das dann wiederum bei einem späteren Stich auf einen anderen Menschen übertragen werden kann. Wenn das nicht geschieht, gibt es keine Ausbreitung. Das Risiko einer Übertragung ist in einem malariafreien Gebiet sehr gering, aber nicht gleich null. Die Situation wird erst dann relevant, wenn eine größere, zusammengehörige Gruppe eingereister Personen infektiöse Stadien in sich trägt, kompetente Anopheles-Mücken in großer Anzahl vorhanden sind und die örtlichen Bedingungen – wie das Klima – das Überleben und die weitere Ausbreitung der Mücken begünstigen. Aber das ist eine sehr unwahrscheinliche Konstellation.
Und es können nur Anopheles-Mücken Malaria übertragen, nicht auch andere heimische Stechmückengattungen wie Culex oder Aedes?
Das ist richtig. In Deutschland gibt es 52 Stechmückenarten, davon acht Anopheles-Arten, und davon sind vor allem die einheimische Anopheles plumbeus und vier weitere Arten potentiell geeignet, Plasmodium falciparum zu übertragen, den Erreger der besonders gefährlichen Malaria tropica.
Was war entscheidend dafür, dass die Malaria in Deutschland ausgerottet werden konnte? Die Trockenlegung von Sumpfgebieten, bessere Hygiene und medizinische Versorgung?
Regional war die Trockenlegung von Sümpfen entscheidend, damit gab es für die Anopheles-Mücken nicht mehr genug Brutflächen und folglich auch kein Massenauftreten mehr. Auch bessere Wohnbedingungen und Veränderungen in der Landwirtschaft spielten eine Rolle. Es wurden Insektizide eingesetzt und wirksame Therapien gegen Malaria entwickelt. Damit wurden die Infektionsketten unterbrochen, und schließlich gab es nur noch sehr wenige Erkrankte.
Jetzt haben wir den Klimawandel, und auch deswegen wird die Wiedervernässung von früheren Sumpf- und Moorgebieten gefordert. Besteht die Gefahr, dass dadurch die Wiederausbreitung der Malaria gefördert wird?
Nein. So große Sumpfgebiete bekommen wir in Deutschland nicht mehr, weil viele ehemals feuchte Flächen bebaut und gar nicht mehr renaturierbar sind. Im Zuge des Klimawandels müssen wir jedoch häufiger mit Extremwetter rechnen, also mit großer Trockenheit, aber auch Starkregen. Wenn viel Wasser in kurzer Zeit vom Himmel fällt und dann schnell wieder abfließt, ist das nicht unbedingt vorteilhaft für Mücken. Viele Mückenarten brauchen zum Brüten stehende, ruhige Gewässer.
Also erhöht die Erwärmung die Malariagefahr bei uns erst einmal nicht?
In unmittelbarer Zukunft nicht. Falls in Europa irgendwann tatsächlich tropische Verhältnisse herrschen sollten mit 100 Prozent Luftfeuchtigkeit und permanenten Temperaturen von 32 bis 40 Grad, hätten die Mücken natürlich ideale Lebensbedingungen. Aber davon sind wir noch sehr weit entfernt.
Nicht nur Anopheles-Mücken sind Krankheitsüberträger. In Deutschland hat sich mittlerweile die Tigermücke festgesetzt, die zum Beispiel Dengue- oder Zika-Viren übertragen kann. Sind in Europa und Deutschland schon Fälle belegt, in denen die Mücken solche Erreger innerhalb des Landes verbreitet haben?
Arten wie die Asiatische Tigermücke und die Japanische Buschmücke sind schon in den Achtzigerjahren zu uns gekommen und haben sich mittlerweile etabliert. In einigen Teilen Europas wie den Küstengebieten des Mittelmeeres hat die Tigermücke sogar schon einheimische Arten verdrängt und tritt dort als dominante Art auf. Auch in Deutschland könnte das geschehen. In Frankfurt wurde die Tigermücke gerade erst im Stadtteil Riedberg nachgewiesen. Es sind Fälle in Europa belegt, in denen tropische Krankheiten wie das Chikungunya-Fieber durch solche Mücken innerhalb eines Landes übertragen wurden. Hinzu kommt, dass auch einheimische Mückenarten, etwa aus der Gattung Culex, manche Erreger von Tropenkrankheiten übertragen können. Hierzu gehört das West-Nil-Virus.
Können mit Viren infizierte Mücken diese Erreger – anders als den Malariaparasiten – über die Eier an ihre Nachkommen weitergeben?
Kann man die Ausbreitung der Tigermücke noch stoppen?
Ich glaube, diesen Kampf haben wir verloren. In Südeuropa ist die Art schon dominant, und sie breitet sich aufgrund der klimatischen Verhältnisse immer weiter nordwärts aus. Das können wir Jahr für Jahr beobachten.
Aber lässt sich die Verbreitung wenigstens verlangsamen?
Theoretisch ist das möglich. Das hat man etwa 2014 während der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien getan. Dort wurden die Mücken gezielt in ihren Lebensräumen bekämpft, um die Ausbreitung des Zika-Virus zu stoppen.
Was kann man hierzulande tun, um die Menschen vor Malaria, Zika oder Denguefieber zu schützen? Moskitonetze aufspannen?
Ein Moskitonetz im Schlafzimmer ist gar keine so schlechte Idee. Grundsätzlich ist es wichtig, über die Lebensweise der Mücken und die Entwicklungszyklen der Krankheitserreger aufzuklären. Und man muss die Ausbreitung der Mücken beobachten. Hierzu sind wir Forscher auch auf Beobachtungen durch die Bürger angewiesen. Wer Mücken findet, kann sie uns gerne schicken oder Fotos von ihnen machen. Wir identifizieren sie dann und geben auch eine Rückmeldung. Außerdem müssen wir die Allgemeinmediziner sensibilisieren. Wenn jemand zu ungewöhnlichen Zeiten Fieber bekommt, sollte geprüft werden, ob es sich um eine Tropenkrankheit handeln könnte. Dies sollte standardmäßig durchgeführt werden.
Sie beschäftigen sich als Wissenschaftler mit einer Vielzahl von Parasiten und Krankheitserregern, die zum Teil auch vom Klimawandel profitieren. Welche machen Ihnen am meisten Sorgen?
Es gibt eine Vielzahl blutsaugender Arthropoden, also Insekten und Spinnentiere wie Zecken, die eine Herausforderung darstellen. Wir müssen uns auch anschauen, welche Rolle bestimmte Wirte wie etwa Sperlingsvögel – unter anderem verantwortlich für die Übertragung des West-Nil-Virus – für die Verbreitung von Krankheiten spielen. Es gibt nämlich Mücken, die sowohl an Vögeln wie auch an Menschen saugen. Noch größere Sorgen als die von Wirten übertragenen Krankheiten bereiten mir aber antibiotikaresistente Bakterien. Die können Sie nicht mit Impfungen bekämpfen, dafür müssen Sie neue Antibiotika entwickeln. Dieses Feld wurde bisher deutlich vernachlässigt, und ich glaube, das wird noch zu einem großen Problem werden.
Zur Person
Sven Klimpel, Jahrgang 1973, hat in Kiel Biologie und Fischereibiologie studiert. Nach der Promotion in Düsseldorf arbeitete er als Wissenschaftler unter anderem in Brasilien, Indonesien, Chile und den Vereinigten Staaten. In Düsseldorf habilitierte er sich mit einer Arbeit über vielzellige Parasiten in aquatischen und terrestrischen Ökosystemen. Seit 2010 ist er Professor für Parasitologie an der Universität Frankfurt, seit 2017 Dekan des dortigen Fachbereichs Biowissenschaften. Klimpel ist zudem Mitglied des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums.
