Eingangsszene eines bisher unverfilmten Drehbuchs: Mann, um die 40, betritt das Bürogebäude von Sony Music in Frankfurt und sucht dort eine Managerin auf, die er von früher kennt. Er, ein durchaus bekannter Musiker, will ihr selbst produzierte Songs für ein mögliches Album vorspielen. Sie legen das Band ein, Musik erklingt, es ist ein eklektischer Mix verschiedener Stile. Mal wird dazu gerappt, mal gesungen, mal nur gesprochen. Als sich die Hörerin mit einem „Watt’n ditte?“-Ausdruck im Gesicht dem Mann zuwendet, weiß dieser gleich, dass er die Hoffnung auf ein Album begraben kann.
Würde man den Filmkomponisten Reinhold Heil bitten, sich zu dieser Szene eine Musik auszudenken, müsste er nicht lange überlegen. Er könnte einfach zu dem im Drehbuch erwähnten Band greifen, hat er doch selbst vor 30 Jahren die in der Szene beschriebene Erfahrung gemacht.
1996 präsentierte Heil bei dem damals noch an der Stephanstraße in der Frankfurter Innenstadt ansässigen Musikriesen Sony Aufnahmen für sein erstes Soloalbum, die aber keinen Anklang fanden. „Die fragten, wie sie das denn vermarkten sollen. Und ich hatte keine Antwort darauf. Mit meiner Jeansjacke und langen Haaren sah ich auch nicht aus wie die damals aktuellen Popstars“, erinnert Heil sich heute im Gespräch an jenen Tag. „Ich hätte mich umstylen können, mir ein Pseudonym oder einen Bandnamen zulegen, doch hatte ich nun mal eine gewisse Historie mit meinem bürgerlichen Namen.“
Erfolg mit Nena und der Neuen Deutschen Welle
Denn Heil war seinerzeit alles andere als ein Newcomer, sondern ein durchaus noch klingender Name im deutschen Musikgeschäft, selbst wenn er vor seinem Besuch bei Sony Music schon länger keine eigene Musik mehr veröffentlicht, sondern sich auf das Produzieren anderer Künstler verlegt hatte. Da gehörte zu seinen Meriten unter anderem Nenas Welthit „99 Luftballons“, den der studierte Tonmeister ebenso produziert hatte wie Nenas erste drei Alben.
Damit war Heil sogar noch erfolgreicher als mit seinen eigenen Hits, die er als Mitglied der Nina Hagen Band und deren Nachfolgeformation Spliff landen konnte, für die er nicht zuletzt den NDW-Evergreen „Carbonara“ geschrieben und gesungen hatte.
Mit Punk und Pop wie bei seinen früheren Bands hatten Heils Kompositionen für das angedachte Soloalbum allerdings nichts zu tun. Auch nichts mit klassischem Klavier- und Orgelspiel, das der am 18. Mai 1954 im hessischen Schlüchtern am Ostrand des Main-Kinzig-Kreises geborene Musiker von Kindesbeinen an gelernt hatte. Anfang der Neunzigerjahre, als er mit ersten Skizzen für die späteren Songs begann, hörte er gerne Hip-Hop und „dann auch Trip-Hop, also Bands wie Massive Attack“.

Davon habe er sich beeinflussen lassen, sagt Heil über jene Schaffensphase, die auch eine Art Trauerarbeit war. Seine Lebenspartnerin Rosemarie Precht, mit der er gemeinsam in dem Musikprojekt Cosa Rosa gearbeitet hatte, war Anfang 1991 im Alter von 39 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.
Dem Schmerz und der Leere versuchte Heil mit der Studiotüftelei zu begegnen. „Andere nehmen Drogen in so einer Situation. Ich habe mich fünf Jahre in diesem Album versteckt“, sagt er über die lange Produktionszeit, die sich vor allem in seinem damaligen Homestudio in Berlin abspielte.
Es trug den informellen Namen „The Electric Heidiland“, Reminiszenz sowohl an das legendäre Jimi-Hendrix-Album „Electric Ladyland“ und die Electric Lady Studios in New York als auch an Heils Spitznamen Heidi, den ihm der gleichfalls in Hessen aufgewachsene Musiker Nikko Weidemann, später Leiter des Moka Efti Orchestra, einst wegen seiner langen Haare verpasst hat.

„The Electric Heidiland“ ist denn auch der Titel für die elf englischsprachigen Stücke, die Heil 1996 für das angedachte Album zusammengestellt hatte und die nun Anfang Juli mit 30 Jahren Verspätung doch noch beim Label Künstlerhafen veröffentlicht worden sind.
Es ist eine bunte Mischung aus Rap und funky Elektropop, ersterer aus heutiger Warte betrachtet einigen Old-School-Charme verbreitend, letzterer hingegen noch immer heutig, was nicht nur an Heils Begeisterung für Synthesizer aller Art, sondern auch an einigen gewitzten Ideen bei der Produktion liegt. So hat er etwa beim Song „Ping- Pong Diplomacy“ den Ballwechsel eines richtigen Tischtennisspiels als Grundlage für den Rhythmus genommen.
Außerdem versammelt das Album bei aller Heimarbeit Heils auch einige prominente Mitstreiter bei etlichen der Stücke, unter ihnen der gefragte Studiogitarrist Peter Weihe, die hessische Schlagzeug-Legende Curt Cress, Peter-Maffay-Bassist Ken Taylor, die Rapper Danny Bruder und Wale Bakare sowie die Jazz- und Opernsängerin Jocelyn B. Smith.
Wenn Heil trotz dieser illustren Gästeschar nicht bei anderen Plattenfirmen sein Glück versuchte, hat das viel mit den Zeitläuften zu tun. Mitte der Neunzigerjahre hatte er eine neue Partnerin gefunden, eine Amerikanerin, die ihn heiraten und mit ihm nach Kalifornien ziehen wollte. Dort tat sich ein ganz neues Beschäftigungsfeld auf. Über einen Freund, den australischen Musiker und Komponisten Johnny Klimek, hatte Heil den Filmregisseur Tom Tykwer kennengelernt. Die drei schrieben zusammen den Score für den Leinwandhit „Lola rennt“. Und Heil und Klimek avancierten danach quasi zu Tykwers Hauskomponisten, die auch die Musik zu Filmen wie „Das Parfüm“, „The International“ oder „Cloud Atlas“ schufen, für den sie eine Golden-Globe-Nominierung erhielten.
Einige Jahre lang durfte sich Heil in Hollywood als zweitbekanntester Filmkomponist aus Hessen nach Hans Zimmer fühlen, bis wiederum der Gang der zwischenmenschlichen Dinge eine Neuorientierung verlangte. Die Ehe mit seiner Frau zerbrach, die Scheidung kostete ihn viel Geld, und er musste sich selbständig machen, auch „um finanziell wieder auf die Füße zu kommen“, wie der Grimme-Preisträger (2016 für die Musik zur Serie „Deutschland 83“) sagt.
Amerika hat er mittlerweile verlassen und in der Innenstadt von Barcelona ein neues Zuhause gewonnen. Dort bauen er und seine neue Frau, eine Architektin, gerade ein kleines Haus um. Auch ein Studio will er sich dort einrichten, inklusive Flügel und Hammondorgel, die beide noch in Italien eingelagert sind. Damit „The Electric Heidiland“ nicht nur eine mittlerweile auf CD erhältliche Erinnerung ist, sondern als ein wirklicher Ort musikalischen Schaffens fortbesteht.
