Nach der gescheiterten Walrettung wächst die Kritik an Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD). Der Rettungsversuch sei die „teuerste Tierquälerei, die wir bisher in Deutschland erlebt haben“, gewesen, sagt der CDU-Vorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters. Den Aktivisten sei es nicht um das Tier gegangen, sondern um einen guten Auftritt in sozialen Medien. Backhaus sei ihnen gefolgt und habe sich zu stark von seinen Emotionen treiben lassen, anstatt auf den Rat von Fachleuten zu hören, so Peters.
Der Buckelwal war kürzlich vor der dänischen Insel Anholt angespült worden. Zuvor war er von einer Gruppe von Aktivisten und Tierschützern in einer Barge in das Kattegat gebracht worden. Das geschah entgegen der Empfehlung von Wissenschaftlern und wurde trotzdem von Backhaus unterstützt.
Backhaus war elfmal „am Wal“
Bei der Aktion wurde der Wal Berichten zufolge verletzt, so soll er sich Schürfwunden zugezogen haben. Offenbar verendete das Tier dann kurz nach seiner Freilassung. Backhaus hatte sich selbst sehr stark bei dem Thema eingebracht und das wiederholt mit sehr emotionalen Worten begründet. Nachdem der Wal vor Wismar gestrandet war, war er mehrmals vor Ort, übernachtete sogar dort. „Ich war elfmal direkt am Wal. Wenn man einem Wal einmal in die Augen geschaut hat, ist man ein anderer Mensch“, sagte er dazu.
Zunächst hatte Backhaus vom Meeresmuseum in Stralsund und dem Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) ein Gutachten erstellen lassen. In diesem hieß es, die Überlebenschancen bei einem Rettungsversuch seien zu gering. Trotzdem ließ Backhaus dann den Rettungsversuch zu, der von mehreren Unternehmern unterstützt wurde.
Am Wochenende teilte Backhaus dazu mit, die Wissenschaftler hätten nicht ausschließen können, dass der Wal trotz seines sicher schlechten Gesundheitszustandes überleben könnte. „Deswegen hat mein Haus entschieden, den Bergungsversuch zu dulden.“ Dieser sei keine Wissenschaftskritik; er halte es für „absolut menschlich, auch die geringste Chance zu nutzen, wenn es um ein Leben geht. Viele Menschen teilen diese Einstellung, denn sie macht uns zu Menschen und unterscheidet uns von seeelenlosen (sic) Computern.“ Backhaus teilte weiter mit, es sei immer darum gegangen, abzuwägen, welche Option die schlechteste gewesen sei: den sicheren Tod des Tieres unter Qualen abzuwarten oder dem Wal eine letzte Chance zu geben und ihn dabei möglichem Stress auszusetzen. „Am Ende hat wohl die Natur entschieden.“
Kritik von Grünen und AfD
Peters von der CDU kritisierte, die Aussage sei vermessen, damit rechtfertige Backhaus die „Tierquälerei“. Es sei fraglich, ob der Minister seiner Aufgabe gewachsen sei. Der stellvertretende Vorsitzende und umweltpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Harald Terpe, teilte mit, Backhaus versuche, die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen auf sein „Haus“, also seine Mitarbeiter, abzuschieben. Von einem Minister, der für Umwelt-, Tier- und Klimaschutz zuständig sei, müsse man erwarten dürfen, „dass verantwortungsvolle Entscheidungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden – und nicht im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Druck und medienwirksamer, geltungssüchtiger Profilierung“ Einzelner, so Terpe.
Nachdem der Wal im Kattegat freigelassen worden war, war lange unklar, ob an ihm ein GPS-Sender angebracht worden war und inwiefern dieser sendete. Die AfD äußerte den Verdacht, Backhaus könne „vorsätzlich unehrlich“ darüber berichtet haben, und legte ihm nun den Rücktritt nahe.
War der Kampf um den Wal Teil des Wahlkampfs?
In Mecklenburg-Vorpommern wird am 20. September der Landtag neu gewählt. Umfragen sehen die AfD stabil in Führung bei rund 36 Prozent. Die SPD erhielte einer aktuellen Umfrage nach 27 Prozent Zustimmung, die CDU zehn. Backhaus hat wiederholt abgestritten, sich aus Gründen des Wahlkampfs für den Wal einzusetzen, sondern sein Engagement mit dem Tierschutz und einem humanistischen Ansatz begründet. Der F.A.Z. sagte er in dem Zusammenhang, einen Menschen lasse man ja auch nicht einfach sterben.

Dass sich der Minister gegen den Rat der Wissenschaft gestellt hatte und Aktivisten gefolgt war, wurde von Forschern scharf kritisiert. Für Erstaunen sorgte auch, wie stark sich der Minister selbst einbrachte, anstatt den Fachleuten aus seinem Haus oder den nachgeordneten Behörden die Sache zu überlassen.
Backhaus will Lehren ziehen – aber welche?
Backhaus zufolge gilt es nun, „aus dem Geschehen die bestmöglichen Lehren zu ziehen und unser Handeln in Zukunft danach auszurichten“. Gefragt, was das konkret bedeutet und ob der Minister einer Walrettung abermals zustimmen würde, sagte eine Sprecherin seines Ministeriums der F.A.Z.: Das hinge „sicher von den Umständen ab. Dieser Fall war einzigartig. Aber er belegt, dass es technisch möglich ist, einen lebenden Wal zu transportieren.“
Der Sprecherin zufolge soll auf der Tagung der Umweltminister im Herbst konkretisiert werden, wie die deutschen Küstenländer bei „zukünftigen Großwalereignissen“ zusammenarbeiten können. Auch sei zu überlegen, ob Protokolle für den Umgang mit gestrandeten Großwalen erarbeitet werden sollten.
Über ein derartiges Protokoll („Notfallplan für Meeressäugetiere“) verfügt etwa Dänemark. Darin heißt es, „größere gestrandete Tiere werden grundsätzlich nicht ins Meer zurückgezogen“. Walstrandungen seien ein „natürlicher Teil des Naturgeschehens, der grundsätzlich nicht durch menschliches Eingreifen gestört werden sollte“.
