Mancher freut sich ja auf die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz. Andere haben Angst vor der KI, und es wäre ihnen am liebsten, es gäbe die Technik gar nicht. Was aber alle zusammen am schlimmsten fänden: Wenn die anderen die Technik haben – aber man selbst kommt nicht ran. Genau mit diesem Szenario muss sich Europa gerade auseinandersetzen.
In der Nacht von Freitag auf Samstag deutscher Zeit sperrte die KI-Schmiede Anthropic in der vergangenen Woche plötzlich den Zugang zu ihrem schlauesten System. Die amerikanische Regierung hatte ihr verboten, es Nichtamerikanern zugänglich zu machen. Selten wurde so deutlich: Ob Europa Zugang zu fortschrittlicher KI hat, hängt nicht zuletzt von Donald Trumps Launen ab.
Aber von vorne. Schon seit Jahren ist Anthropic-Gründer Dario Amodei dafür bekannt, dass er vor den Gefahren Künstlicher Intelligenz warnt. Im Jahr 2019, als die KI noch viel schwächer war, nannte er sie „zu gefährlich zum Veröffentlichen“. War das Marketing? Oder hat er seine Werke überschätzt? Jedenfalls hörte er nicht auf, an immer mächtigeren Künstlichen Intelligenzen zu arbeiten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
In diesem Jahr allerdings machte er Ernst. Erst verweigerte er dem amerikanischen Verteidigungsministerium die Erlaubnis, seine KI in autonomen Waffensystemen zu nutzen, und handelte sich dafür Ärger mit der Trump-Regierung ein. Seine neueste, mächtigste Künstliche Intelligenz namens „Claude Mythos“ blieb unter Verschluss. Zugang bekamen nur ausgewählte amerikanische Firmen. Tatsächlich hatte Mythos bewiesen: Wenn es den Programmiercode von Software kannte, konnte es Sicherheitslücken entdecken, die seit Jahrzehnten niemandem aufgefallen waren. Die Idee war: Erst sollten die Softwareentwickler Zugriff bekommen, sie sollten mithilfe von Mythos ihre Programme sichern – der Rest der Welt sollte später kommen.
Trumps Regierung sperrt den Zugang
Im Juni dann erschien eine Künstliche Intelligenz namens „Claude Fable“. Das war eine abgespeckte Version von Mythos, die keine Sicherheitslücken in Software suchen sollte. Experten lobten das System. „Es ist ein echter Sprung gegenüber allen Modellen, die ich bisher verwendet habe“, resümierte Ethan Mollick von der Wharton Business School in Philadelphia. „Es sieht so aus, als würde sich unsere Beziehung zur KI grundlegend verändern.“ Denn: Die KI könne viele Aufgaben jetzt komplett selbständig erledigen. „Ich bezahle und bewerte das Ergebnis. Die Zauberei passiert irgendwo, wo ich sie nicht sehen kann, in Hunderten kleiner Entscheidungen, bei denen ich nicht mitreden kann. Ich lenke nicht mehr, ich beauftrage.“
Doch Fable blieb nicht lange zugänglich. Bei Künstlicher Intelligenz ist nichts hundertprozentig, auch nicht die Verhaltensanweisungen. Medienberichten zufolge waren es Mitarbeiter von Amazon, die Fable doch zu irgendeiner sicherheitsrelevanten Antwort bewegen konnten und sich bei der US-Regierung meldeten. Die wiederum hat – anders als die Europäische Union – im Moment keine KI-Regulierung zur Hand. Sie griff durch und verbot den Zugang zu dieser KI für Leute ohne amerikanische Staatsbürgerschaft.
Für Anthropic ist das ein doppeltes Problem. Die Staatsbürgerschaft seiner Kunden kennt das Unternehmen sowieso nicht. Aber auch die Riege seiner Entwickler ist voller Ausländer. Kurzerhand sperrte das Unternehmen den Zugang zu Fable komplett. Daran hat sich bis zum Ende der Woche nichts geändert, trotz eines G-7-Gipfels, bei dem die Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industrienationen nicht nur miteinander sprachen, sondern auch mit den Chefs gleich mehrerer KI-Konzerne.
Der Drang zur europäischen KI wächst
Da wird das Szenario für Europa gleich ein ganz anderes. Gewöhnt hatte man sich daran, dass Europa kaum mit relevanten Anbietern im Markt der KI-Grundlagenmodelle vertreten ist: Europas bestes Modell stammt vom französischen Unternehmen Mistral und steht in der Weltrangliste auf Platz 73. Aber wenn Europa vielleicht nicht mal mehr Kunde sein darf, dann wird das zum ernsthaften Problem. Da droht die Gefahr, dass noch viel mehr europäische Unternehmen abgehängt werden: Wer immer Software entwickeln oder Büroaufgaben effizienter erledigen möchte, müsste dann auf die modernsten Künstlichen Intelligenzen verzichten.
Es gibt Alternativen aus China. Dessen KI-Entwickler haben in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt. Viele chinesische Modelle kann man in Europa herunterladen und dann auf europäischen Rechnern betreiben. Dann ist nach menschlichem Ermessen sicher, dass keine Daten nach China abfließen. Oft sprechen diese Künstlichen Intelligenzen sogar besser Deutsch als die europäischen. Allerdings wurden sie nach chinesischen Werten und Gesetzen trainiert – und auch bei ihnen bleibt unsicher, ob die nächsten Entwicklungen für Europäer zugänglich sein werden.
Umso stärker wird in vielen Köpfen der Gedanke: Eine europäische KI muss her. Es geht nicht mehr nur darum, mit den Spitzenanbietern um Kunden zu konkurrieren – sondern erst mal um ein bescheideneres Ziel: überhaupt eine halbwegs moderne Künstliche Intelligenz unter europäischer Kontrolle zu haben.
Europas Widerstand formiert sich
Vergangene Woche haben das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und ein französisches Institut vereinbart, ein gemeinsames KI-Zentrum zu gründen. „Für ein großes europäisches KI-Modell brauchen wir signifikante Investitionen in Menschen und in KI-Rechenzentren, den politischen Umsetzungswillen, aber natürlich auch privates Engagement“, sagt der Chef des Zentrums, Antonio Krüger, der F.A.S. „Klar ist: Talent und Expertise sind überreichlich vorhanden.“
Geht das überhaupt noch? Kann Europa in der Entwicklung noch so aufholen, dass es wenigstens bis in die erweiterte Spitze der Künstlichen Intelligenz vorstößt – und das mit europäischen Arbeitszeiten und mit der harten europäischen KI-Regulierung?
So viel ist sicher: Es gibt genügend Europäer, die Ahnung von KI haben. Es arbeiten nur nicht alle in der Europäischen Union. Da sind natürlich die europäischen Universitäten, die immer noch vorne mitspielen. Auch die Unternehmen sind voller europäischer KI-Kenner. Die KI-Initiativen von Google stammen zu großen Teilen aus einem Londoner Unternehmen, das Google vor einigen Jahren gekauft hat, das aber immer noch in London sitzt. Facebooks ehemaliger KI-Chef Yann LeCun hat sich inzwischen in Paris selbständig gemacht. Heute noch arbeiten im Silicon Valley viele Europäer in den Unternehmen mit. Je öfter Trump ihnen den Zugang zu den amerikanischen Spitzenmodellen verbietet, desto mehr werden nach Europa zurückkommen.
„Ich kann das Team zusammentrommeln“
Jakob Uszkoreit ist der Sohn eines der renommierten KI-Forscher Deutschlands. Er selbst war 2017 ein maßgeblicher Initiator der Studie, die die Grundlage der modernen Künstlichen Intelligenz gelegt hat. Heute sagt er selbstbewusst: Das sei zu schaffen. „Ich bin bei Weitem nicht alleine“, verspricht er. „Ich kann das Team zusammentrommeln (habe schon angefangen), aber nicht das Geld.“ 50 Milliarden Euro seien nötig, um schnell verfügbare Rechenzentren zu bezahlen und auf Dauer eigene aufzubauen – „zum Beispiel mit französischem Atomstrom im deutsch-französischen Grenzgebiet und in Norwegen“. Das wäre eine Menge Geld. Alle europäischen Start-ups zusammen haben im vergangenen Jahr 62 Milliarden Euro an Risikokapital bekommen. Uszkoreit: „Ob das Team zusammenkommt, hängt völlig davon ab, ob sich Deutschland und die EU dazu durchringen können, endlich einen wahrlich entscheidenden Schritt zu gehen.“

Einen anderen Weg schlägt Rafael Laguna de la Vera vor, der Chef der deutschen Agentur für Sprunginnovation. „Wenn wir den anderen hinterherrennen, schaffen wir es nicht“, glaubt er. Er schlägt vor, Probleme im Notfall mit den offen zugänglichen Modellen zu überbrücken und direkt den nächsten Sprung der KI-Technik anzugehen – so wie es Facebooks ehemaliger KI-Chef Yann LeCun gerade in Paris probiert. Auf einen solchen Wettbewerb hin habe seine Agentur gerade Einreichungen von 530 Teams bekommen, die Hälfte davon aus Deutschland, die andere Hälfte aus anderen europäischen Ländern.
Aus anderer Quelle hatte die F.A.S. erfahren, dass Laguna in der vergangenen Woche eine Mail ans halbe Bundeskabinett geschickt hat, in der er um zusätzliches Geld für diese Initiativen wirbt. Insgesamt hofft er auf eine Milliarde Euro an Staatsgeld. „Wir müssen jetzt unbedingt etwas tun“, sagt er. „Es ist Last Call. Wir reden womöglich über die letzte große Erfindung, die wir Menschen machen.“
