
Ein Kunstwerk taucht nach 56 Jahren wieder auf: Das sind Geschichten, wie sie vielleicht nur das Frankfurter Kulturamt schreibt. Allerdings kann die heutige Verwaltung nichts dafür, dass nun ein Fund gelungen ist, der demnächst in einer großen Ausstellung in Bern zu sehen sein soll. „Schloss und Reich des Lirad“, ein Gemälde der Künstlerin Ursula aus dem Jahr 1963, steht jetzt wieder in den Büchern. Die Stadt Frankfurt hatte erst vor ein paar Jahren damit begonnen, die eigene Kunstsammlung zu sichten und systematisch zu erfassen. Daher fühlte man sich im Kulturamt auf dem falschen Fuß erwischt, als im Mai eine Anfrage des Paul-Klee-Zentrums in Bern eintraf: Man plane für das kommende Jahr eine große Retrospektive auf das Werk Ursulas mit 120 bis 140 Werken aus fünf Jahrzehnten und wolle mit dem 1963 entstandenen Gemälde „Schloss und Reich des Lirad“ gern eine zentrale Arbeit der Künstlerin aus der städtischen Kunstsammlung ausleihen.
„Das Werk wäre ohne Zweifel eines der Highlights der Ausstellung und würde entsprechend prominent präsentiert werden“, so der Kurator Martin Waldmeier in seinem an das Kulturamt gerichteten Gesuch. Allein, in Frankfurt wusste man nichts von dem mit einem mal einem Meter durchaus stattlichen, in typischer Manier Ursulas phantastische, surreale und mythologische Motive poetisch verknüpfenden Gemälde. Hat man doch erst vor ein paar Jahren überhaupt damit begonnen, die über Jahrzehnte mal mehr, mal weniger systematisch entwickelte städtische Kunstsammlung zu sichten und genauer zu erfassen. Und so fand sich zunächst keine Spur des kleinteiligen Ölbildes, das in der Region zuletzt vor mehr als 60 Jahren im Museum Wiesbaden gezeigt worden war. Bis eine Recherche im Stadtarchiv eine Notiz des Stadtschulamts zutage förderte, nach der das Bild an eine Schule verliehen worden war.
Aufgetaucht ist das laut Waldmeier „herausragende Beispiel der großformatigen, opulent und zugleich harmonisch anmutenden Malerei Ursulas“ aus den Sechzigerjahren schließlich in der Albert-Schweitzer-Schule am Frankfurter Berg, wo es schon seit 1970 als Wandschmuck im Besprechungsraum hängt. Zuvor war es 1969 noch einmal in Bonn ausgestellt worden. Jetzt soll das Gemälde begutachtet und eventuell noch restauriert werden.
Eine der wenigen international beachteten Künstlerinnen
Tatsächlich ist Ursula Schultze-Bluhm, 1921 in Mittenwalde geboren und 1999 in Köln gestorben, die sich als Künstlerin schlicht Ursula nannte, in Frankfurt keine Unbekannte. 1950 kam sie in die Stadt, denn sie hatte von 1945 bis 1953 für die Amerika-Häuser in Berlin und Hessen gearbeitet. Zur Kunst gelangte sie als Autodidaktin, vielen ist sie vor allem eher als Ehefrau des ungleich berühmteren „Quadriga“-Künstlers Bernard Schultze in Erinnerung. Zu Unrecht, wie nicht nur die Berner Retrospektive zeigen möchte oder wie es 2023 erst das Kölner Museum Ludwig mit der Retrospektive „Ursula – Das bin ich. Na und?“ dokumentierte. Vielmehr gehörte sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zu den ganz wenigen Künstlerinnen, deren Werk internationale Beachtung erfuhr, wie Martin Waldmeier sagt, der die Ausstellung im Zentrum Paul Klee in Bern kuratiert. „Sie stand im Schatten von Bernard Schultze. Aber sie war erfolgreich.“ Auch kommerziell. Das Phantasiewesen „Lirad“, das sich auf ihren Wohnort Berlin-Lichtenrade bezieht, wo sie als junge Frau die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs verbrachte, taucht in mehreren Gemälden auf, 2024 gelangte das ebenfalls 1963 entstandene „Blumenfest des Lirad“ zur Auktion.
Nicht nur entdeckte Jean Dubuffet ihr Werk schon früh für seine „Collection d’Art Brut“. Ursula hatte ihre erste Einzelausstellung 1954 in der legendären Frankfurter Zimmergalerie Franck – wo zwei Jahre zuvor auch die „Quadriga“-Ausstellung stattgefunden hatte. Sie war 1977 zur Documenta 6 eingeladen und wurde von gleich mehreren Galerien international vertreten. Heute ist Ursulas Werk, das Malerei, Zeichnungen, Objekte und Installationen wie das „Ursula-Pelz-Haus“ und die „Pandora-Schränke“ umfasst, dem breiten Publikum weitgehend unbekannt. Nicht nur die Ausstellung im Zentrum Paul Klee, die im März 2027 eröffnet wird, auch eine für November geplante Kabinettausstellung im Museum Wiesbaden könnte das nachhaltig ändern. Verdient hätte es Ursula ohnehin.
„Ich freue mich über die Bedeutung der städtischen Kunstsammlung“, kommentiert die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) den überraschenden Fund: „Über viele Jahre haben wir die Sammlung aus Kunstwerken aufgebaut und so dokumentiert sie die Geschichte Frankfurts auf eine ganz besondere und einzigartige Weise. Wir sind sehr stolz auf diesen kostbaren Schatz, der, wie auch in diesem Fall, immer wieder Entdeckungen für uns bereithält. Gerne setzte ich mich für den weiteren Ausbau der Sammlung ein, um Frankfurter Kunstschaffende zu unterstützen und damit auch Frankfurter Kunstgeschichte weiter zu schreiben.“
