
Was hat die US-Regierung für Anthropic konkret beschlossen?
Dem Unternehmen zufolge hat die US-Regierung Exportkontrollen für Mythos und Fable 5 angeordnet, zwei seiner leistungsstärksten Modelle. Sie dürfen demnach nicht mehr von Ausländern verwendet werden. Es ist eine ungewöhnlich weitreichende Sperre. Sie trifft Anthropic zufolge auch Ausländer, die sich in den USA befinden, darunter auch ausländische Anthropic-Mitarbeiter. Das Unternehmen hat nach der Anordnung beschlossen, den Zugang zu den Modellen für alle Kunden zu blockieren, also auch für Amerikaner. Fable 5 und Mythos werden erst einmal komplett abgeschaltet.
Was macht die Modelle Fable 5 und Mythos so besonders?
Anthropic selbst hielt seine Künstliche Intelligenz Mythos im April für so gefährlich, dass es die Software nicht allgemein zugänglich machen wollte und sie nur einer Handvoll amerikanischer Unternehmen zu Testzwecken zur Verfügung stellte. Dazu gehörten unter anderem Amazon, Apple, Microsoft, Google, Nvidia, Cisco oder auch die Linux-Stiftung. Insbesondere ging es um Missbrauchsrisiken durch Hacker ob der Fähigkeiten des Modells, bislang unbekannte Sicherheitslücken in IT-Systemen aufzuspüren und auszunutzen. International diskutierten Regierungen über die Auswirkungen für die nationale Sicherheit. Mit Claude Fable 5 hat Anthropic vergangene Woche eine Art abgespecktes Mythos-Modell angekündigt. Dieses ist so programmiert, dass es Anfragen zu bestimmten sensiblen Themen abblockt und an Claude Opus 4.8 weiterleitet.
Das britische Institut für KI-Sicherheit (AISI) hat für eine unabhängige Untersuchung Zugriff auf Mythos erhalten und dabei festgestellt, dass die IT-Sicherheitsfähigkeiten des Modells tatsächlich deutlich über denen von Vorgängermodellen liegen. Beispielsweise konnte das Programm erstmals einen simulierten 32-Schritt-Angriff auf ein Unternehmensnetzwerk vollständig und autonom abschließen. Allerdings haben auch andere Anbieter Modelle mit ähnlichen Fähigkeiten entwickelt, etwa Google mit Big Sleep. Das Modell GPT-5.5 des ChatGPT-Entwicklers Open AI schnitt im Test der AISI sogar genauso gut ab wie Mythos.
Was hat die US-Regierung zu dem Verbot bewogen?
Das ist noch etwas unklar. Anthropic sagt, die Regierung habe Bedenken um die nationale Sicherheit geäußert, aber keine spezifischen Details genannt. Nach Erkenntnissen des Unternehmens habe die Regierung von einer Methode erfahren, die Sicherheitsmechanismen von Fable 5 mit einem sogenannten „Jailbreak“ zu umgehen. Das „Wall Street Journal“ schrieb, diese Schwachstelle sei von Forschern des Technologiekonzerns Amazon gefunden worden. Sie hätten Fable 5 dazu gebracht, Informationen zu liefern, die für Cyberattacken nützlich sein könnten. Amazon-Vorstandschef Andy Jassy habe ranghohe Vertreter der Regierung wie den Finanzminister Scott Bessent auf die Schwachstelle hingewiesen. Die Onlinepublikation „Semafor“ brachte die Sperre mit Mutmaßungen im Weißen Haus in Verbindung, wonach Gruppen mit Verbindungen nach China sich Zugang zu Mythos verschafft hätten.
Warum sind keine anderen Anbieter wie Open AI oder Google betroffen?
Das fragt sich Anthropic nach eigener Darstellung selbst. Das Unternehmen beschreibt die vermeintliche Schwachstelle als nicht gravierend und sagt, sie lasse sich auch in KI-Modellen anderer Anbieter finden, etwa GPT-5.5 von Open AI. Anthropic hat freilich ein besonders kompliziertes Verhältnis zur US-Regierung. Das Unternehmen liefert sich seit Monaten einen Streit mit dem Verteidigungsministerium um die Frage, zu welchen Zwecken die Regierung KI-Modelle nutzen darf. Das Pentagon erklärte Anthropic Ende Februar zum Risiko für die nationale Sicherheit, woraufhin das Unternehmen die Regierung verklagt hat.
Was bedeutet die Entscheidung für das Geschäft Anthropics?
Da Mythos und Fable noch einen überschaubaren Nutzerkreis haben, dürften sich die unmittelbaren Auswirkungen auf das Geschäft in Grenzen halten. Aber die Sperre trifft das Unternehmen in einer Zeit, in der es seinen Börsengang vorbereitet und sich als wachstumsstark präsentieren will. Anthropic bezifferte seinen aufs Jahr hochgerechneten Umsatz kürzlich auf 47 Milliarden Dollar. Im April war noch von 30 Milliarden Dollar die Rede, im Februar von 14 Milliarden Dollar.
Welche Auswirkungen hat die Sperre für europäische Unternehmen?
Die kurzfristigen Auswirkungen dürften sich in Grenzen halten. Mit der IT-Sicherheit oder Biologie verbundene Aufgaben oder Anfragen an Fable 5 filterte Anthropic schon zuvor heraus und leitete sie auf das nächstbessere Modell Opus 4.8 um. Und Mythos war ohnehin nur einigen wenigen Unternehmen zugänglich. Ein Großteil der Welt konnte die besonderen Stärken der Modelle also schon vor dem Exportstopp nicht nutzen.
Hinzu kommt, dass Unternehmen für eine optimale Nutzung der Modelle im IT-Sicherheitskontext qualitativ hochwertige Kontextinformationen zum Quellcode ihrer Software oder zu ihrer Infrastruktur benötigen, sagt Fachmann Mirko Ross, Geschäftsführer des IT-Sicherheitsunternehmens Asvin. „Nur wenige Organisationen haben schon den dafür notwendigen Kontextraum aufgebaut“, sagt Ross. Damit sei die Nutzung der Modelle für die meisten Unternehmen zwar möglich, aber in der Praxis nicht wirklich sinnvoll.
Langfristig unterstreicht der Schritt der amerikanischen Regierung aber die Risiken der Abhängigkeit von amerikanischen KI-Modellen. „Deutschland und Europa sind beim Zugang zu den stärksten KI-Modellen vom Wohlwollen der US-Regierung abhängig“, sagte Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. Dies habe unmittelbare Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Industrie und der Verwaltung und beeinträchtige auch die Sicherheit sowie die Exzellenz der Wissenschaft.
Wird damit auch der Einsatz anderer Anthropic-Modelle riskanter?
Die Exportkontrolle betrifft aktuell nur Fable und Mythos. Die meisten Unternehmen haben andere Angebote von Anthropic im Einsatz, zum Beispiel Claude Code in der Softwareentwicklung. Ähnlich wie im Cloud-Bereich dürften Unternehmen aber anfangen, ihre Lieferkette zu diversifizieren, um sich unabhängiger von einzelnen Anbietern zu machen. Anders als im Cloud-Geschäft gibt es in der KI noch keine technischen Lock-in-Effekte, was den Anbieterwechsel einfacher macht.
Gibt es europäische Alternativen?
Aktuell nicht wirklich. Der einzige nennenswerte Anbieter Künstlicher Intelligenz in Europa ist Mistral aus Frankreich. Die Modelle des Unternehmens gelten zwar als fortschrittlich, spielen technisch aber nicht in der Königsklasse. Die EU-Kommission kündigte an, die praktischen Auswirkungen der Sperre für europäische Nutzer zu prüfen, und betonte die Notwendigkeit der technologischen Unabhängigkeit Europas.
Der KI-Bundesverband forderte prompt einen „KI-Souveränitätsgipfel“ mit Vertretern aus der Bundesregierung, der EU-Kommission, der KI-Wirtschaft, der Industrie, von Sicherheitsbehörden und Betreibern kritischer Infrastrukturen. „KI ist strategische Infrastruktur. Wer sie nicht selbst kontrolliert, wird von anderen kontrolliert“, sagte der Verbandspräsident Rasmus Rothe. Er fordert eine Verdreifachung der öffentlichen Mittel für europäische KI-Modellentwicklung und eine sofortige Abhängigkeitsprüfung in Behörden und kritischer Infrastruktur.
Und wie will Europa wieder in die Offensive kommen?
Die Ankündigungen der Amerikaner haben hinter den europäischen Kulissen für hektische Betriebsamkeit gesorgt. Ging man in der hiesigen Wirtschaft und Politik bislang davon aus, sich vor allem auf industrielle Anwendungen von KI spezialisieren zu können und keine eigenen großen und teuren KI-Modelle als Grundlage dafür bauen zu müssen, da man sich ja bei den entsprechenden Angeboten aus den USA bedienen könne, peilt man nun einen neuen Kurs an.
Europa will eigene Grundlagenmodelle entwickeln. Schon in den kommenden Tagen könnten verschiedene europäische Forschungskonsortien entsprechende Ankündigungen machen. Dazu zählt etwa das SOOFI-Projekt: ein Vorhaben, das auf der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom läuft und in dessen Rahmen ein halbes Dutzend deutsche Institute der KI-Spitzenforschung hiesige Modelle entwickeln sollen.
Darüber hinaus wird unter anderem an einer deutlichen Ausweitung der deutsch-französischen KI-Kooperationen gearbeitet. So ist man sich in Berlin und Paris einig, die KI-Spitzenforschungsinstitute schneller und enger zusammenrücken zu lassen als bisher. Aus einer solchen institutionalisierten Kooperation soll ein technologisches und praxisorientiertes Kraftzentrum entwachsen, das den KI-Eigenentwicklungen in Europa kräftige Impulse geben soll. Erste Ergebnisse sind womöglich schon Ende dieser Woche zu erwarten.
Die EU-Kommission arbeitet derzeit an ihrer Invest-AI-Initiative. Mit ihr will sie Investitionen in KI-Entwicklung von 200 Milliarden Euro mobilisieren. 150 Milliarden Euro von 70 Unternehmen der Privatwirtschaft und 50 Milliarden Euro seitens der öffentlichen Hand. Anders als die geschlossenen KI-Systeme in Amerika will Europa auf Open-Source-Modelle setzen. Die sind nicht nur preiswerter, auch Architektur, Parameter und Trainingscodes sind öffentlich zugänglich. Das ist der Weg, den auch China eingeschlagen hat.
Stoßen jetzt chinesische Anbieter in die Lücke?
Das wollen sie zumindest. Zhipu AI ließ sich jedenfalls nicht lang bitten und präsentierte schon am Samstag ein neues KI-Modell. Die Mitteilung nutzte das börsennotierte Pekinger Start-up für eine Spitze in Richtung Anthropic: „In einer Zeit, in der einige der modernsten Modelle plötzlich nicht mehr verfügbar sind, haben wir uns für einen anderen Weg entschieden: Modernste KI sollte nicht nur einer kleinen Minderheit vorbehalten sein“, sondern „offen und zugänglich“ und jedem Entwickler zugutekommen, schrieb Zhipu auf der chinesischen Plattform Wechat. Die Börse goutierte es am Montag mit einem Feuerwerk: Der Aktie von Zhipu legte in Hongkong um ein Drittel zu.
