Elon Musk war bisher nicht als aufmerksamer Leser des „New Yorker“ bekannt, geschweige denn als Fan. In dieser Woche jedoch hat er sämtliche Hebel seiner Krawallmaschine X so eingestellt, dass ein drei Wochen alter Artikel aus dem Magazin noch einmal ordentlich Aufmerksamkeit bekommt. Am Montag repostete Musk einen Beitrag von Ronan Farrow, der auf einen langen, kritischen Artikel über Sam Altman hinwies, den Farrow gemeinsam mit seinem Kollegen Andrew Marantz geschrieben hatte. Darin wird Altman als Unternehmer geschildert, der selbst für die Verhältnisse des Silicon Valley, wo das leere Versprechen einer großartigen Zukunft Geschäftsmodell ist, ein außergewöhnlich manipulativer Charakter und pathologischer Lügner ist. „Es lohnt sich sehr, das zu lesen“, schrieb Musk und versah Farrows Post sogar mit einem Boost, sodass er den Nutzern der Plattform noch einmal prominent angezeigt wurde.
Hintergrund der Charmeoffensive ist der Prozess von Musk gegen OpenAI und Altman, der vergangenen Montag in Oakland begonnen hat. Musk, der 2015 mit Altman zu den Gründern der Non-Profit-Organisation gehörte, wirft seinem ehemaligen Partner vor, ihn aufgrund seiner Sorge über die Gefahren von KI „absichtlich hofiert“ und über die humanitären Absichten des Unternehmens getäuscht zu haben, wie es in der Anklageschrift heißt. Deshalb verlangt Musk nun die Absetzung von Altman und Open-AI-Technikchef Greg Brockman und 134 Milliarden Dollar Schadenersatz (den er angeblich für wohltätige Zwecke spenden würde).

Dass es unübersehbar Züge einer Komödie hat, wenn sich der reichste Mann der Welt zum Kämpfer für die gemeinnützige Sache macht, wird durch das Pathos der Akteure noch unterstrichen: Der Prozess sei ein „Lehrbuchbeispiel für Altruismus gegen Gier“, heißt es in der Anklage, mit einer „Perfidie und Hinterlist von Shakespear’schen Ausmaßen“, ein Hollywood-Plot, für den wiederum einer von Musks Anwälten, der Filmproduzent Marc Toberoff, verantwortlich ist, wenn man einem Bericht der „Vanity Fair“ glaubt.
Unter den Geschworenen scheint sich allerdings eher eine andere Rollenverteilung breitzumachen: Die Auswahl der Kandidaten sei nicht einfach gewesen, weil einige eine deutliche Meinung zu Musk hatten, berichtete „The Verge“: In Fragebögen wurde Musk unter anderem als „gieriges, rassistisches, homophobes Dreckstück“ und als „Volltrottel von Weltklasse“ bezeichnet.
Die Demonstranten, die sich in den ersten Prozesstagen vor dem Gerichtsgebäude versammelt haben, sehen das ausgewogener: „Everyone sucks here“ ist das Motto der Proteste. Dem könnte sich vermutlich auch Ronan Farrow anschließen. Der hat auf X auf die Umarmung von Musk reagiert, indem er einen Link zu einem Artikel postete, den er 2023 „über einen anderen Techmilliardär, der ungewöhnlich großen Einfluss auf die US-Regierung erlangt hat und dessen Wirken viele Leser in letzter Zeit in ihren Feeds mitverfolgen konnten“, geschrieben hatte. Der Titel lautet: „Elon Musks Schattenherrschaft“.
