
Russland hat die Ukraine in der Nacht zu Freitag das zweite Mal mit der weitreichenden Waffe Oreschnik angegriffen, die Moskau als „neue Mittelstreckenrakete“ bezeichnet. Das bestätigten sowohl Moskau als auch Kiew. Das System kann konventionelle oder nukleare Sprengköpfe tragen und gilt als schwer abzuwehren. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem Vergeltungsschlag für einen angeblichen Drohnenangriff auf eine Residenz von Wladimir Putin – die Ukraine und auch der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA widersprechen den Angaben.
Russland nannte nicht den Ort des Angriffs und erklärte nur, dass die Attacke gegen die kritische Infrastruktur gerichtet war. Ukrainische Beobachter vermuten, dass Moskau eine wichtige Gasspeicheranlage in Stryi im westukrainischen Gebiet Lemberg ins Visier genommen hat. Dabei handelt es sich um ein großes unterirdisches Gasspeichersystem, das zentral für die Energieversorgung der Ukraine ist und auch als wichtiger Gasknotenpunkt für Europa gilt. Russische Medien meldeten, der Angriff habe ein großes Gasreservoir getroffen.
Laut der regierungsnahen ukrainischen Medienplattform „United24 Media“ deuten vorläufige Berichte allerdings darauf hin, dass das zentrale Gasspeicherwerk nicht getroffen wurde und damit das genaue Ziel des Angriffs zunächst unklar bleibe. Nach offiziellen ukrainischen Angaben wurde eine andere Infrastruktureinrichtung in dem Gebiet Lemberg beschädigt – ein Zusammenhang mit der Oreschnik ist offen; Moskau hat die Ukraine in der Nacht mit zahlreichen weiteren Raketen und Drohnen attackiert.
13.000 Kilometer je Stunde
Die ukrainische Luftwaffe erklärte, dass die Oreschnik vom
Testgelände Kapustin Jar nahe dem Kaspischen Meer gestartet sei und sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 13.000 Kilometern je Stunde in einer ballistischen Flugbahn bewegt habe. Das ist keine ungewöhnliche Geschwindigkeit für eine ballistische Rakete. Laut „United24 Media“ war die Oreschnik wohl wie bei dem ersten Angriff Russlands nicht mit einem explosiven Sprengkopf ausgerüstet.
Im November 2024 hatte Russland die Oreschnik erstmals gegen die ukrainische Stadt Dnipro eingesetzt. Putin sprach damals von einem Vergeltungsschlag infolge ukrainischer Angriffe mit weitreichenden westlichen Waffen auf russisches Gebiet. Die Schäden waren gering, weil offenbar ein Dummy und kein echter Sprengkopf eingesetzt wurde.
Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR teilte im November mit, dass die Waffe mit sechs Gefechtsköpfen ausgestattet gewesen sei, die wiederum jeweils sechs kleinere Submunitionen enthielten. Ein von der BBC verifiziertes Video, das die Einschläge zeigen soll, schien diese Darstellung zu bestätigen. Angriffe mit mehreren Gefechtsköpfen zur gleichen Zeit stellen selbst für moderne Luftverteidigungssysteme eine Herausforderung dar. Dazu kommt die grundsätzlich hohe Geschwindigkeit ballistischer Raketen.
„Das ist eine Terrorwaffe“
Dennoch sind sich viele Fachleute einig, dass der Einsatz der Oreschnik gegen die Ukraine aufgrund der geringen Präzision und hohen Kosten militärisch nur wenig Sinn ergebe. „Aus technischer Sicht schießt Russland mit Kanonen auf Spatzen“, sagte der Fachmann für Fernflugkörper an der Universität der Bundeswehr München, Markus Schiller, der F.A.Z. Der Einsatz solle wohl vor allem ein symbolisches Signal senden. „Das ist eine Terrorwaffe.“
Zudem gehen Fachleute und die Ukraine davon aus, dass die angeblich neue russische Rakete gar nicht so neu ist. Demnach hat Moskau ältere Waffen modifiziert und der Rakete einen neuen Namen gegeben. Die Oreschnik basiert wohl unter anderem auf der RS-26 Rubesch, von der nur wenig öffentlich bekannt ist. Das ukrainische Fachportal „Defense Express“ schrieb von einer „evolutionären Entwicklung“ bei russischen Raketensystemen – sie hätten teils einen weit zurückliegenden Ursprung.
Die Oreschnik birgt allerdings eine potenzielle Gefahr für europäische Staaten. Deutschland hat zur Verteidigung gegen solche Waffen erst im Dezember die hochmoderne Raketenabwehr Arrow 3 in Betrieb genommen. Luftwaffeninspekteur Holger Neumann sagte bei der feierlichen Einweihung, dass das System eine „direkte Antwort“ auf den russischen Angriffskrieg und auf neue Raketen Moskaus sei.
Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha erklärte am Freitag auf der Plattform X, dass der Angriff in der Nähe der EU- und NATO-Grenze „eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent“ darstelle. „Wir fordern eine entschlossene Reaktion auf das rücksichtslose Vorgehen Russlands.“
