In der kolumbianischen Stadt Pereira ist ein weiterer Tatverdächtiger im Fall des ermordeten V-Manns der Frankfurter Polizei festgenommen worden. Der 40 Jahre alte Albaner Florind R. wurde von den spanischen Behörden via Interpol und mit einem internationalen Haftbefehl gesucht, wie aus dem Festnahme-Protokoll der kolumbianischen Generalstaatsanwaltschaft hervorgeht, das der F.A.Z. vorliegt. Ihm werden Mord, Entführung, illegaler Waffenbesitz und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.
Florind R. soll demnach im Juni 2022 an dem Mord an einem 33 Jahre alten Serben in Südspanien beteiligt gewesen sein. Das Opfer Aleksandar K. hatte in Offenbach gelebt. Er war, wie Ermittlungen zeigten, bis zu seinem Tod in den internationalen Rauschgifthandel verwickelt. Zugleich hatte er jahrelang als Informant für das Polizeipräsidium Frankfurt gearbeitet.
Mit drei Komplizen soll Florind R. das Opfer in einer Ferienanlage in Marbella festgehalten, gefoltert und erschossen haben. Überwachungskameras filmten laut den spanischen Ermittlern die mutmaßlichen Täter gemeinsam mit Aleksandar K. in der Nähe des Tatorts, unter anderem in einem Porsche Cayenne mit hessischem Kennzeichen. Durch die Videoaufnahmen sowie Fingerabdrücke in der Ferienanlage konnten die drei Komplizen schnell identifiziert werden. Später entdeckten die Ermittler Aufnahmen, auf denen der vierte Tatverdächtige rauchte. Sie konnten den Zigarettenstummel sicherstellen. DNA-Spuren daran führten laut dem spanischen Haftbefehl zu einem Treffer in einer Datenbank der deutschen Polizei – und zu Florind R.
Die Tatwaffe war als gestohlen gemeldet
Auch die Tatwaffe, eine 9-mm-Pistole der Marke Glock, die die Ermittler in einem Müllcontainer fanden, führte zu Treffern in internationalen Datenbanken: In Belgien war sie gestohlen gemeldet. In Deutschland wurde sie laut den spanischen Behörden im Zusammenhang mit „einem Strafverfahren gesucht“. Das Hessische Landeskriminalamt, das auch zu dem Mord in Marbella ermittelte, wollte sich auf Anfrage der F.A.Z. weder dazu noch zu weiteren Fragen zu dem Fall äußern.

Florind R. wurde schließlich in Südamerika aufgespürt und Anfang April in einem wohlhabenden Stadtviertel von Pereira festgenommen, rund 300 Kilometer von der Hauptstadt Bogotá. Die kolumbianische Polizei untersucht jetzt nach eigenen Angaben auch mögliche Verbindungen zu Drogen-Kartellen im Land. Die spanischen Behörden bemühen sich um eine schnelle Auslieferung.
Damit ist nur noch einer der vier mutmaßlichen Mörder von Aleksandar K. auf der Flucht. Der Hauptverdächtige Tolga S., ein mehrfach vorbestrafter Hells Angel, war bereits im Frühjahr 2024 in der Türkei festgenommen und an Spanien ausgeliefert worden. Im Mai des vergangenen Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Marbella Anklage gegen ihn. Ein Termin für den Prozess aber steht nach Angaben der spanischen Justizbehörden noch immer nicht fest.
Polizist löschte Chats mit dem Getöteten
Ein weiterer mutmaßlicher Täter sitzt in Deutschland im Gefängnis. Er wurde im vergangenen Jahr wegen Drogenhandels zu knapp zehn Jahren Haft verurteilt. Seine Auslieferung nach Spanien wurde laut Generalstaatsanwaltschaft Köln für zulässig erklärt. Nun werde geprüft, ob diese vorübergehend schon während der „laufenden Strafvollstreckung“ erfolgen könne.
Aus deutscher Sicht sind die Ermittlungen und mögliche Gerichtsverhandlungen in Spanien interessant, weil es rund um den Einsatz von Aleksandar K. als V-Mann weiterhin offene Fragen gibt. Die Frankfurter Polizei hatte bis zuletzt an ihrem Informanten aus dem Drogenmilieu festgehalten, obwohl ihr konkrete Hinweise vorlagen, dass er selbst in großem Stil Cannabistransporte von Spanien nach Deutschland organisierte. Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren gegen ihn, das geht aus internen Akten hervor, die der F.A.Z. vorliegen, wurde unter fragwürdigen Umständen eingestellt.
Nur wenige Wochen vor seinem Tod verriet das spätere Opfer den Hauptverdächtigen Tolga S., mit dem er offenbar selbst illegale Geschäfte gemacht hatte, an die Frankfurter Polizei. Er reiste nach Marbella, um Tolga S. dort zu treffen. Als die Nachricht von dem Mord in Spanien die deutschen Sicherheitsbehörden erreichte, löschte der VP-Führer, also der Kontaktmann von Aleksandar K. bei der Polizei, all seine Chats mit dem Getöteten. In Befragungen verweigerte er laut Protokoll die Aussage dazu. Außerdem beharrten er und seine Kollegen darauf, dass Aleksandar K. rein privat nach Marbella gereist sei und nicht im Auftrag der Polizei.
Die Staatsanwaltschaft Hanau leitete ein Verfahren wegen der Tötung von Aleksandar K. ein. Beamte des hessischen Landeskriminalamts ermittelten – bis sie Ende 2023 das Verfahren den spanischen Behörden übergaben. In ihrem Abschlussvermerk nannten sie drei Beschuldigte. Der Name Florind R. tauchte in ihren Akten nicht auf. Sie führten ihn noch als „unbekannten Tatverdächtigen“.
