Der Ballermann steht schon längst nicht mehr allein für einen Strandabschnitt auf Mallorca. Er ist zum Synonym geworden für eine Art des Feierns, nach der sich Jahr für Jahr Millionen Menschen sehnen: laute Musik, Bier in Plastikbechern, Feiern mit Fremden, Ausgelassenheit. Was die einen als Ausdruck von Freiheit empfinden, ist für andere das Sinnbild eines ausufernden Massentourismus.
Das heutige Image hat ein Deutscher entscheidend mitaufgebaut: Manfred Meisel. Meisel, dem zuvor die Apfelweinwirtschaft „Struwwelpeter“ in Frankfurt-Sachsenhausen gehörte, zog Ende der Achtzigerjahre auf die Insel und übernahm den Bierkönig. Er machte aus dem Lokal schließlich eine der bekanntesten Partylocations am Ballermann. Bis zu 3000 Gäste feierten dort Nacht für Nacht. Heute kennt jeder Ballermann-Besucher den Bierkönig – doch das Schicksal von Meisel dürfte nur wenigen bekannt sein.
Es ist der Morgen des 12. November 1997, als eine Haushälterin den damals 49 Jahre alten Manfred Meisel und seine Angestellte Claudia L. in der Finca Barracas in S’Aranjassa im Erdgeschoss auf dem Boden liegend fand. Beide waren durch je zwei Kopfschüsse getötet worden. Im ersten Stock lag Meisels damals acht Jahre alter Sohn Patrick in seinem Zimmer. Er wurde ebenfalls erschossen. Meisels schwangere Lebensgefährtin, Daiana R., war zu dem Zeitpunkt nicht in der Finca anwesend. Ihre Schwägerin habe zu der Zeit ein Kind bekommen, ihre Mutter sei krank gewesen, sagte Daiana R. Jahre später in einer Dokumentation. Sie war wenige Tage zuvor nach Deutschland geflogen. Wie an jedem Morgen rief sie auch an diesem Tag um sieben Uhr bei Meisel an, aber niemand ging ans Telefon. Da habe sie gewusst, dass etwas passiert sei, sagte sie. Drei Stunden später bekam sie den Anruf, der ihr Gewissheit gab.
War es die „Papageien-Mafia“?
Die Nachricht vom Tod der drei Opfer verbreitete sich schnell auf der Partymeile. Touristen legten Blumen vor dem Zaun des Bierkönigs nieder. Und es dauerte nicht lange, da kamen die ersten Gerüchte auf. Hatte Meisel sich geweigert, Schutzgeld zu bezahlen? Oder handelte es sich vielleicht um Rache eines Angestellten des Bierkönig-Wirts? Auch von Geldwäsche war immer wieder die Rede. Nichts von alledem ließ sich jedoch erhärten.

Weithin bekannt war auch, dass Meisel ein wohlhabender Mann war. Doch auch ein Raubmord wird noch immer von einigen ausgeschlossen. Im Haus fanden Ermittler größere Mengen Bargeld und Schmuck. Die Rede war von umgerechnet 400.000 Mark. Nichts davon hatten die Täter mitgenommen. Dass es mehrere Täter gewesen sein könnten, auch das wurde spekuliert. Darauf deuteten Abdrücke im Haus hin. So wurden zwei verschiedene Fußspuren in den Räumen entdeckt, die mutmaßlich von den Tätern stammen. Das bestätigte nun auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft.
Doch so unklar der Tathergang ist, so kaltblütig war das Verbrechen selbst. So wurden die drei Opfer durch Schüsse in den Kopf getötet, als Schalldämpfer diente ein Kissen. Ein spanischer Polizist wurde in den Medien wenige Tage nach dem Mord mit den Worten zitiert: „Das war kein Mord, das war eine Exekution.“ Die Frage, die daher im Raum stand, lautete: Waren es professionelle Auftragskiller, die Meisel, seinen Sohn und seine Angestellte töteten?
Viele Spekulationen ranken sich um den Mord
Meisels Lokal, der Bierkönig, war extrem erfolgreich. Das dürfte nicht allen auf der Partymeile gefallen haben. Bevor der Frankfurter die Kneipe übernahm, hatte es als wenig lukrative Bar gegolten. Heruntergewirtschaftet, kaum Gäste. Dann kam Meisel – und baute eine Mischung aus Disco und Biergarten auf. Das Konzept funktionierte. Zur Hochsaison war der Laden jeden Abend bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine weitere Theorie lautet deshalb, Meisels Erfolg habe anderen Geschäftsleuten auf der Insel missfallen – so sehr, dass sie den Mord in Auftrag gaben.
Und noch etwas zeichnete den Gastronomen aus: Er unterhielt eine lukrative Vogelzucht. So kam neben den mutmaßlichen Schutzgelderpressungen, der angeblichen Geldwäsche und dem Neid-Motiv ein weiteres Gerücht auf: Meisel sei ein Opfer der Mafia geworden. Genauer gesagt, der „Papageien-Mafia“. Er nutzte sein 25.000 Quadratmeter großes Grundstück für seine Vogelzucht. Über die Jahre hatte er etwa 2000 Vögel aus Südamerika importiert. Der Handel mit Papageien, so heißt es bei Insidern, könne finanziell extrem lukrativ sein. Meisel galt einigen Quellen zufolge als einer der größten Papageienzüchter Europas. War er einigen dadurch vielleicht ein Dorn im Auge?

Zehn Jahre nach der Tat geriet auch ein Mann aus Meisels Umfeld in den Fokus der Ermittler: der Geschäftsführer Sven M. Der zu dem Zeitpunkt 45 Jahre alte M. wurde von den spanischen Behörden festgenommen und vernommen. Besonders heikel in dem Zusammenhang war die Tatsache, dass Meisels Lebensgefährtin Daiana R. nach dem Mord eine Beziehung mit ihm eingegangen war. Nach der Vernehmung kam er wieder frei. Wie die Frankfurter Staatsanwaltschaft mitteilte, hatte er ein Alibi für die Tatnacht.
In Spanien ist der Mord verjährt
Dass es in diesem Fall so viele Spekulationen und kaum gesicherte Informationen gibt, dürfte in den zurückhaltenden und teils widersprüchlichen Angaben der spanischen Behörden liegen. In einer Dokumentation zu dem Fall gibt einer der Ermittler selbst zu, er habe Journalisten bewusst angelogen und falsche Fährten gelegt.
In Spanien ist die Tat zwar seit 2017 verjährt. Doch da Manfred Meisel deutscher Staatsangehöriger war und in Frankfurt gelebt hatte, ist auch die Frankfurter Staatsanwaltschaft für das Verfahren zuständig. Und in Deutschland verjährt Mord nie. Deshalb hat die Strafverfolgungsbehörde den Fall wieder aufgerollt.
Erstmals äußert sich die Staatsanwaltschaft konkreter zu den Gerüchten, die rund um den Fall kursieren. So sagte ein Sprecher auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Da wir letztlich nicht wissen, wer Manfred Meisel und die zwei weiteren Opfer getötet hat, können wir keine der Theorien gänzlich ausschließen.“ Ob die Behörde neue Hinweise hat, ob etwa DNA-Material vorliegt, die eine Identifizierung ermöglichen kann, wollen die Strafverfolger nicht kommentieren. Verschiedene Medien berichteten von einem Haar und von Hautresten unter Claudia L.s Fingernägeln, die nicht von den Opfern stammen.
Nach fast 30 Jahren ist der Mord noch immer ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt trägt den Fall deshalb abermals in die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt will den Cold Case in der nächsten Folge der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ am Mittwoch, dem 7. Oktober, vorstellen. „Aufgrund der großen Reichweite der Sendung sind wir guter Dinge, dass wir neue sachdienliche Hinweise erhalten, die uns der Lösung des Falls näherbringen“, sagt Oberstaatsanwalt Dominik Mies. Man erhoffe sich neue Ermittlungsansätze. Etwa Zeugen, die damals selbst Beobachtungen machen konnten oder denen etwas zugetragen wurde. „Jede noch so kleine Wahrnehmung könnte für die Ermittlungen entscheidend sein.“
Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Zeugen sich immer wieder auch nach Jahrzehnten noch melden. Und dass es oft Informationen gibt, die in all den Jahren noch nicht mit den Ermittlern geteilt wurden. Vielleicht eine Erinnerung an ein Gespräch, eine Begegnung, ein Auto, eine Beobachtung in der Nacht auf den 12. November 1997. Eine Beobachtung, die damals niemand für wichtig hielt. Und die heute vielleicht helfen könnte, die entscheidende Frage rund um den „Cold Case Bierkönig“ zu beantworten: Wer Manfred Meisel, seine Angestellte Claudia L. und seinen Sohn Patrick ermordet hat.
