
In der Regel fiebern Barockfreunde in Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ so begierig dem Schlussduett entgegen wie die Wagnerianer Isoldens „Mild und leise“. Was sich die Liebenden und ihr Publikum sonst erst mit etlichen Wirren verdienen müssen, gurrt Poppea ihrem Nerone am Königlichen Theater Kopenhagen aber schon nach der gemeinsamen Liebesnacht vor. Was soll der Geiz? Liebe wird hier ohnehin nur noch in altbekannter Choreographie abgespult. Daran, dass aufrichtige Liebe im Spiel sein könnte, glaubt Christoph Marthaler nicht. Den Prolog der Allegorien, in dem Amor verspricht, mit der Liebe alles aus den Angeln zu heben, streicht der Regisseur und nimmt der folgenden brutalen Erzählung jede Legitimation. Das Vertreiben, Intrigieren und Morden soll nicht durch „amore“ verklärt, sondern in seinen systemischen Ausmaßen vorgeführt werden.
Anna Viebrock bezieht sich dafür in ihrem Bühnenbild auf die Casa del Fascio in Como, in der die italienischen Faschisten in den Dreißiger- und Vierzigerjahren Quartier bezogen hatten. Hinter den vielen Türen mischt hier in angespannter Lauerstellung ein jeder seinem Nächsten schon den Gifttrank. Marthaler täuscht diese Grundsetzung in psychologisierendem Realismus vor, den das Handeln ständig durchbricht. Statt Charakterstudien geht es um die mal urkomische, mal abgründige Typenhaftigkeit der Figuren.
Leiche als Lustobjekt
Und weil Ottavias Blüte inzwischen im Spätsommer angekommen ist, entbrennt Kaiser Nerone jetzt in spätpubertärer Verzückung für Poppea. Aber ist sie zur Hormonentladung nicht zur Stelle, müssen eben mal der Krokodilteppich oder die Leiche Senecas in enger Liebkosung als Lustobjekt herhalten. Kangmin Justin Kim hat sichtlich Spaß an diesem Spiel und weiß seinen leichten Countertenor, trotz einiger schriller Höhen, gut zum Tragen zu bringen. Kerstin Avemo gibt sich ihm als quirlige Verführerin Poppea hin, die hinter ihrer lammfrommen Fassade den blutrünstigen Wolf versteckt.
Obwohl alle Handlungen in diesem dichten Ständegeflecht auf sie zulaufen, verrät uns die Regie kaum etwas über ihren Willen zur Macht. Ihren stärksten musikalischen Moment hat Avemo, als die barocke Tonalität plötzlich aufbricht und sie mit Arnold Schönbergs Lied „Herzgewächse“ einen Maeterlinck-Text expressiv ausleuchtet. Immer wieder nutzt Marthaler die uneindeutige Faktur von Monteverdis Spätwerk für solche Brüche, um die Handlung anzuhalten und mal einen Renaissance-Gesang, mal eine A-cappella-Nummer einzuflechten. Reizvoll ist das allemal; ob es der Handlung dient, ist eine andere Frage.
Anne Sofie von Otter als Ottavia
Poppeas Vorgängerin Ottavia ist die gealterte Machthaberin, die ihren Fall nicht wahrhaben kann und deshalb ständig ihre Büste als grenzneurotische Selbstbestätigung bei sich haben muss. Anne Sofie von Otters Stimme klingt, obwohl sauber und tragend, freilich nicht mehr so voll wie etwa auf der Poppea-Aufnahme unter John Eliot Gardiner aus dem Jahre 1996, doch gerade deshalb passt sie hervorragend zu Marthalers Lesart. Mit vollem, nuancierten Sopran und einer spielerischen Genauigkeit begeistert hingegen die junge Annika Beinnes in der Partie der Drusilla.
Das größte Interesse hegt Marthalers Regie aber an den schrulligen Ammen der beiden Konkurrentinnen. Ottavias Nutrice, gespielt vom Marthaler-Urgestein Graham Valentine, ersinnt sich auf ihre alten Tage im tristen Faschistennest der Showkarriere als französische Chansonnière, während Arnalta in Gestalt des hünenhaften Tenors Stuart Jackson allein schon wegen des Kontrasts zur zierlichen Kerstin Avemo ein „running gag“ des Abends wird. Doch dann gerät sein Schlaflied „Dormite omai, dormite“, das vom Dirigenten Lars Ulrik Mortensen behutsam am Cembalo geführt wird, überraschend zum berührendsten Moment des Abends. Was Mortensen hier mit seinem Concerto Copenhagen schafft, ist wieder höchste Kunst.
Mortensen dirigiert stilecht und sängerfreundlich
Anders als noch im 1607 uraufgeführten „Orfeo“ spielen die Instrumentalritornelle in der „Poppea“ kaum eine Rolle; dennoch entfaltet die Musik eine rhetorische Plastizität, die nichts mit hohlem Barockpomp zu tun hat. Obwohl einige Anschlüsse zwischen Graben und Bühne klappern, widmet sich Mortensen noch in jeder Koloratur den Sängern. In der Instrumentierung mischt er indes großzügig die strahlenden Farben von Bläsern und Barockharfe zu einer charakteristischen Klangpalette, die klar den musikhistorischen Unterschied zu den Werken eines Vivaldi oder Händel markiert.
Als am Ende des Abends endlich doch noch das „Pur ti miro“ in seiner ganzen Pracht erklingt, beweist das Ensemble sein hervorragendes Gefühl für Sinnlichkeitsdosierung und Spannungsaufbau. Gemeinsam mit den Stimmen zeichnen die Instrumente das angespannt-lustvolle Umarmen nach, das der Text beschreibt.
Die Regie unterwandert hingegen nicht nur die Dramaturgie des Duetts, sondern der ganzen Annäherung, die sich zwischen Poppea und Nerone im Werk vollzogen hat. Alle Anstrengungen lassen sie ins Leere laufen, nicht eine einzige Berührung, nicht einmal einen Blick wechseln die beiden jetzt. Vor Schmerzen gekrümmt, liegt auch Nerone wie ein Wurm vor Poppea, und nur die moderne Allegorie der Gewalt überlebt ihren Terror. Der Besetzungszettel nennt sie Edda, wohl in Anspielung auf Mussolinis Tochter Edda Ciano. Immer wieder hat sie an diesem Abend die Handlung unterbrochen, um voller Eifer faschistische Texte zu rezitieren. Jetzt steigt sie von ihrem wackeligen Waffenkisten-Podest herab und schreitet Hand in Hand mit der neuen Kaiserin davon. An diesem Abend lässt uns Marthaler keinen Trost. Was bleibt, ist nur ein Machthunger, der selbst den römischen Kaiser als Appetithäppchen verschlingt.
