Die Erwachsenen an der neuen Laufbus-Haltestelle am Freien Platz in Steinbach im Taunus sind sich einig: Niemals hätten ihre Eltern sie früher mit dem Auto zur Schule kutschiert. Lars Knobloch, ehrenamtlicher Erster Stadtrat, ist vor einer Generation selbst an die Geschwister-Scholl-Schule in dem hessischen Städtchen gegangen. „Hätte ich zu meiner Mutter gesagt, sie soll mich in die Schule fahren, hätte sie gedacht, ich mache einen Witz“, sagt der FDP-Lokalpolitiker. Einer nennt das tägliche Laufen mit Freunden „ein Stück Freiheit“. So sei er selbständig geworden.
Die Erwachsenen und etwa 30 Kinder haben sich versammelt, um insgesamt neun Haltestellen für den sogenannten Laufbus zu eröffnen. Der ist kein echter Bus, sondern aus Stoff. In die Schlitze müssen die Kinder aber natürlich nicht jeden Morgen schlüpfen, wenn sie gemeinsam lostraben. Nur dann, wenn die Stadt und ihre Partner eine Aktion veranstalten, um bei Kindern und Eltern dafür zu werben, auf das sogenannte Elterntaxi zu verzichten.
Das ist nötig, weil der Fußweg zur Schule für viele eben nicht mehr Alltag ist. Wie viele Schulleiter berichtet auch Christine Sturm, Rektorin der Geschwister-Scholl-Schule, von Verkehrschaos und Beinaheunfällen vor der Grundschule, auch rund um den Lehrerparkplatz. Die Kollegen würden dort manchmal sogar von Müttern und Vätern angepöbelt. Dabei gibt es auch in Steinbach sogenannte Kiss-and-Drop-Zonen, an denen Eltern ihre Kinder aussteigen lassen können. Denn anders als vor einigen Jahrzehnten ist die Lebensweise mit oft zwei Berufstätigen und einem stärker getakteten Alltag auch der Kinder in vielen Familien eine andere als früher. Da klappt es nicht immer mit dem Laufen.

Nach Beobachtung der Pädagogin aber gibt es noch einen anderen Grund, dass Kinder gefahren werden: Manche Eltern trauten ihnen einfach zu wenig zu, meint Sturm. Ähnlich spricht Bengt Köslich, Vertreter des Fahrradclubs ADFC Hochtaunus und des Verkehrsclubs VCD, von sogenannten Rasenmähereltern: „Die mähen schon alles vorher weg, was irgendein Problem geben könnte.“
Während die Erwachsenen reden, warten die Kinder, allesamt Klassensprecher, auf ihren Einsatz: An der Haltestelle sollen noch Fotos gemacht werden. Das Emblem mit dem Buchstaben H – vergleichbar mit dem an Bushaltestellen – fehlt zwar noch, aber mit einem anderen Schild und einem Aufkleber auf dem Boden ist auch jetzt schon offensichtlich, dass sich an dieser Stelle Kinder zum Schulweg verabreden können.
Die neun Treffpunkte hat die Stadt zusammen mit der Schule, dem Stadtteilbüro des Caritas-Verbands, dem Fahrradclub und den Ehrenamtlichen von der Interessengemeinschaft Familie markiert. „Eine hessenweit einmalige Aktion, vielleicht sogar bundesweit“, vermutet Bürgermeister Steffen Bonk. Der CDU-Politiker sagt, die Stadt im Hochtaunuskreis habe zuletzt viel in die Wegeverbindungen investiert, sodass die Kinder nun abseits der Hauptverkehrsstraßen sicher zur Schule gehen könnten.
Den Stoffbus haben ADFC-Mitglied Köslich und Ursula Kitzinger von der IG Familien gemeinsam genäht. Für das Laufen in der Gruppe gibt es einen Schulwegeplan als Karte. Wer sich wann wo mit wem trifft, müssen die Familien selbst organisieren. „Der Zettel kommt heute in die Ranzenpost“, sagt Schulleiterin Sturm den Kindern. Die Hoffnung ist, dass sie den Eltern sagen, dass sie laufen wollen.
Von den 30 Kindern gehen viele offenbar jetzt schon zu Fuß. Als gefragt wird, wer zur Schule läuft, melden sich jedenfalls fast alle. Ein Mädchen sagt, sie treffe sich dafür morgens mit einer Freundin. Und wenn es regnet? „Nehmen wir einen Schirm mit – oder werden gefahren.“
