Die Sonne scheint, Kaffee und Kuchen schmecken, die Elbe schiebt sich der Nordsee entgegen. Lütkenwisch, einen Katzensprung nördlich von Wittenberge am Dreiländereck von Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt auf dem östlichen Ufer hinterm Deich gelegen, ist mit seinen Backsteinhöfen, Obstgärten und diesem Blick vom Café Jaap aus über Fluss und Land ein Idyll.
Der Wind trägt die Schreie von Greifvögeln heran, die sich hier etabliert haben, seit flussabwärts eine Auenlandschaft mit vielfältiger Pflanzen- und Tierwelt entstanden ist. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND und das Land Brandenburg haben das katastrophale Hochwasser von 2002 zum Anlass genommen, den alten Deich am Bösen Ort auf mehr als sieben Kilometer Länge zu öffnen und einen neuen bis zu anderthalb Kilometer entfernt vom Fluss aufzubauen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wildpferde grasen nun in den mehr als vierhundert Hektar neu geschaffenen Auen, Adler, Kiebitze und Störche finden Nahrung und Schutz in Flutmulden und neu angelegten Wäldern. Der Hochwasserschutz ist übrigens auch besser geworden, wie sich bei der Flut 2013 erwies.
Der Besucher öffnet auf seinem Smartphone oder besser noch auf dem Tablet, das er im Rucksack mitgebracht hat, die App „Grünes Band“. Mit einem kleinen Wisch blendet er über die aktuelle Karte das historische Messtischblatt. Und erkennt, dass der kleine Ort mit seinen sieben alten Häusern einmal deutlich größer war. Fast 300 Einwohner hatte er, als das 20. Jahrhundert begann. Wie viele es am Ende des Zweiten Weltkriegs waren, ist nicht überliefert. Als aber die DDR die Mauer baute und auch auf dem platten Land den Exodus ihrer Bürger mit Gewalt zu verhindern suchte, waren es hier in Lütkenwisch direkt am innerdeutschen Grenzfluss – zu viele.
Die App zeigt den Wachturm, den es nicht mehr gibt
Ein Regime von Isolierung und Vertreibung begann. Als 1989 die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen, hatten drei Familien, gerade mal 16 Personen, der Zwangsaussiedlung Tausender aus dem fünf Kilometer tiefen Sperrgebiet und dem 500 Meter breiten sogenannten Schutzstreifen getrotzt. 1952 begann die DDR die Vertreibung unter dem Decknamen „Ungeziefer“. Damals sollte verschwinden, wer für politisch unzuverlässig gehalten wurde.
In den Siebzigern ging es dann gegen all diejenigen, die noch da waren. Die Grenztruppen wünschten sich ein menschenleeres Operationsgebiet. Häuser der Vertriebenen rissen sie ab. Paradoxie der Gewaltherrschaft: Die Anwohner sollten verschwinden, damit sie die Bewohner des Arbeiter- und Bauernstaats zum Bleiben zwingen konnten, mit Zäunen, Selbstschussanlagen und Grenzsoldaten.
Ein Foto in der App zeigt im Blick aus dem Westen den 3,20 Meter hohen Grenzzaun oben auf dem Deich, es zeigt den Wachturm wenige Meter entfernt von der Terrasse des Café Jaap, auf der wir nun sitzen; damals überragte er drohend die Dächer, heute ist er verschwunden. Vorn durchs Bild rauscht das Patrouillenboot G756 mit Scheinwerfern und Lautsprechern auf dem Dach und bewaffneten Soldaten darunter. Er sei damals in den Sommerferien stets aus Hoyerswerda zur Oma nach Lütkenwisch gefahren, erzählt Robert Jaap, der gemeinsam mit seiner Frau Ines das Café führt. Seitdem will er hier nicht wieder weg.

Dem kleinen Ort ist das Schicksal von Stresow erspart geblieben. Sechs Kilometer südlich, ebenfalls im Sperrgebiet unmittelbar an der Demarkationslinie gelegen, vertrieb die DDR in 20 Jahren die etwa hundert Bewohner des Dorfs in der Altmark. 1310 war Stresow erstmals urkundlich erwähnt worden. 1974 wurden die letzten Häuser des Orts dem Erdboden gleichgemacht. Heute lebt die Erinnerung an den Ort und sein Schicksal in einer Gedenkstätte mit rekonstruierten Grenzanlagen der DDR – und in der App vom Grünen Band.
Für das kleine Lütkenwisch enthält die App sechs Markierungen. Drei von ihnen stehen für Todesfälle; sechs weitere sind in unmittelbarer Nachbarschhaft des Orts verzeichnet. Mindestens 425 Menschen kamen an der innerdeutschen Grenze um, die meisten bei Fluchtversuchen. Hundert von ihnen sind in der App eingezeichnet und beschrieben. Pfarrer Gottfried Winter aus der Gemeinde Lanz errichtete in Lütkenwisch einen Gedenkstein für diejenigen, die ihr Leben ließen beim Versuch, über die Elbe zu fliehen. In den Backsteinen der Scheune an der Bushaltestelle des Orts haben Grenzsoldaten Erinnerungen hinterlassen. Sie ritzten ihre Initialen hinein, ihre Namen mit Dienstgrad – und die Zahl der Tage, die sie noch zum Dienst verpflichtet waren. Ein Klick, und sie erscheinen auf dem Bildschirm.
Natur- und Kulturerbe
Vor einem Jahr haben BUND und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die App „Grünes Band“ vorgestellt, der digitalen Begleitung auf der 1400 Kilometer langen einstigen innerdeutschen Grenze. Längst ist sie zum Verbund unzähliger Biotope geworden und zu einer Erinnerungslandschaft. Brandenburg, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben ihre Teilstücke zu Nationalen Naturmonumenten erhoben. Jahrzehntelang waren dies unzugängliche Gebiete. Im Schatten der Mauer überlebten die Populationen seltener Pflanzen und Tiere, manche florierten gar.
Aus dem Todesstreifen ist eine geschützte Lebenslinie geworden, aus Rückzugsorten und aus Anziehungspunkten. Seit drei Jahren verfolgen BUND, Bund und Länder die Anerkennung des Grünen Bandes als UNESCO-Welterbe; es wäre das erste in Deutschland, das sowohl Natur- als auch Kulturerbe ist. Darüber hinaus ist der BUND in der Initiative für ein Grünes Band Europa engagiert, in der seit mehr als 20 Jahren zivilgesellschaftliche und staatliche Organisationen in 24 Ländern zusammenarbeiten, um wertvolle Lebensräume und Schutzgebiete entlang des einstigen Eisernen Vorhangs von der Barentssee bis zur Adria und ans Schwarze Meer auf einer Länge von mehr als 12.500 Kilometern zu verbinden. Kooperation mit dem Krieg führenden Nachbarn Russland ist bei Naturschutz, Gedenken und Tourismus nicht zu erwarten.

Mehr als zehntausendmal ist die App inzwischen auf mobile Geräte geladen worden. Jeder Ausflügler kann bei der Menge der Information – zu Natur, Grenzregime, Gedenken und Kunst sowie in 19 übergreifenden Texten von „Acker zu Frischwiese“ bis „Zonenrandgebiet“ – dankbar sein für das Wunder der Digitalisierung. In der App stecke so viel Information wie in sechs Büchern von je 300 Seiten, mithin einige Kilogramm, sagte bei ihrer Vorstellung in Berlin Rainer Klemke. Mit dem Verein Berlin History, dessen Vorsitzender er ist, hat er bereits ein ähnlich eindrucksvolles Projekt gestemmt. Er nennt die neue Entwicklung ein „Qualitätsmedium“.
Vorteilhaft ist die App gegenüber einem halben Dutzend Büchern nicht nur, weil man sie in die Hosentasche stecken kann. Die Autoren aktualisieren sie auch. Gerade haben sie den digitalen Guide und Begleiter um den Grenzstreifen zwischen Bayern und Tschechien erweitert, 358 Kilometer bis an die österreichische Grenze bei Passau in der realen Welt, rund 200 klickbare Points of Interest auf dem Bildschirm. Ganze Fotosammlungen wurden seit der Vorstellung zusätzlich eingestellt. Hingegen stößt die App an Grenzen des Wachstums, die der Naturschutz setzt. Hinweise auf Vorkommen des Goldenen Scheckenfalters, eines vom Aussterben bedrohten Schmetterlings, oder auf Regionen, in denen Arnika und Orchidee wachsen, sind aus der App verschwunden.

Eine Fähre verband seit dem Mauerfall Lütkenwisch wieder mit Schnackenburg am Westufer der Elbe. Derzeit ruht ihr Betrieb. Weil wir von drüben nach hüben wollen, nehmen wir die Fähre zwischen Lenzen und Pevestorf. Ein Klick in der App, und wir erfahren, wie der Fährmann Erich Butchereit vier Wochen nach Grenzöffnung, im Dezember 1989, nach Koblenz reiste, um das Schiff zu kaufen und vom Rhein auf die Elbe zu überführen. Eine von Hunderten in der App bewahrten Geschichten.
