Der Sommerwind schlägt uns ins Gesicht, während wir einen Hügel hinaufsausen, der nächsten Tasse Tee entgegen. Hätte man diese Radtour durch die Cotswolds vor einigen Jahren angetreten, würde man gerade strampeln, schwitzen und fluchen. Das erspart uns heute das E-Bike. So kann man Ausschau halten nach dem, wofür so viele Menschen in die Cotswolds reisen: die schönsten Dörfer Großbritanniens.
Von Oxford bis Bath erstreckt sich auf rund 2000 Quadratkilometern das England aus dem Bilderbuch. Offiziell sind die Cotswolds eine „Area of Outstanding Natural Beauty“. In der Hügellandschaft, den „Rolling Hills“, liegen zwischen Wäldern und Rapsfeldern pittoreske Dörfer mit Namen wie „Upper Slaughter“ — direkt neben „Lower Slaughter“ — mit ihren Landhäusern und Kirchen. Es locken Ferienwohnungen in Bauernhöfen aus dem 17. Jahrhundert, in Hotels verwandelte Herrenhäuser und urige Pubs mit selbst gebrautem Bier. Und wenn man Glück hat, findet gerade irgendwo etwas Schrulliges statt, was man nur in Großbritannien findet, wie ein Käserollwettbewerb. Die Sehnsucht nach dem urbritischen Dorfleben haben Serien wie „Inspector Barnaby“ oder „Downton Abbey“ angefacht. Die Cotswolds sind beliebter geworden, als es manchen Anwohnern gefällt.
Die Beckhams wohnen längst hier
US-Vizepräsident J. D. Vance hat mit viel Medienrummel vergangenes Jahr hier seine Sommerferien verbracht, Bauernmärkte besucht und geangelt. Starmoderatorin Ellen DeGeneres hat hier ein Anwesen, auch Beyoncé wollte ein Grundstück kaufen, und die Beckhams wohnen längst hier. 300.000 Touristen besuchen jedes Jahr allein das Dorf Bourton-on-the-Water, das „Venedig der Cotswolds“. Einwohnerzahl: etwa 4000. Die Touristen sorgen für Stau, machen Selfies vor fremden Haustüren und hinterlassen Sandwich-Verpackungen und Einwegbecher. Womöglich ist der Fahrradsattel darum der beste Ort, um die Idylle zu finden, ohne sich der Meute anzuschließen.
Für das Rad spricht noch ein Faktor: Der Linksverkehr ist beim Radeln einfacher zu überleben als im Auto. Es gibt zwar gute Gründe, seine Ferien in Großbritannien zu verbringen, wie die neongrünen Wiesen, Nachmittagstee und dass die notorisch freundlichen Briten einen alle „Love“ oder „Darling“ nennen, von der Kellnerin bis zum Busfahrer. Der Linksverkehr gehört jedoch nicht dazu. In einem Mietauto auf der falschen Straßenseite, während man mit der linken Hand an der Gangschaltung herumruckelt, kommt nur wenig britische Gelassenheit auf.

Bessere Aussichten in jeder Hinsicht hat man zweifellos auf der Route Nummer 3 „Honeypots and History“ in der Cotswolds-by-Bike-Fahrradkarte, welche auf 50 Kilometern gleich mehrere pittoreske Dörfer verspricht. Glücklicherweise überschneidet sie sich mit der „A Pub in every Village“-Tour, sodass man aufkommende Enttäuschung notfalls mit ein paar Pints herunterspülen kann.
Doch um mit dem Rad zu fahren, muss man meist zuerst mit dem Zug fahren. Viele machen in den Cotswolds eine Stippvisite während eines London-Trips. Als Basis empfiehlt sich daher der Ort Moreton-in-Marsh, der im Herzen der Cotswolds liegt und eineinhalb Zugstunden vom Bahnhof Paddington in London entfernt ist. Hier angekommen, stellt man schockiert fest, dass die Cotswolds nicht nur aus malerischen Landhäusern und Schafwiesen bestehen. Auf dem Weg zum Fahrradladen läuft man unter einem grauen Himmel entlang einer Schnellstraße an Supermärkten und Häusern vorbei, die eher eine Cottage-Mirage sind: hellgelbe Fertighäuser, die auch am Stadtrand von Bielefeld nicht auffallen würden.
Pionier im Radtouristen-Paradies
Im Fahrradgeschäft „Cotswolds Cycle“ läuft Techno. Hier verkauft und verleiht Jeremy Griffiths, ein Mann mit hellblonden Haaren und tätowiertem Arm, bunte Gravelbikes und Elektroräder. Sind die Cotswolds schon ein echtes Radtouristen-Paradies? Er überlegt lange und zuckt die Schultern. Offenbar eher nicht. Dafür spricht auch, dass der Laden kurz nach unserem Besuch aufgegeben hat.
Wie Pioniere fühlen wir uns am nächsten Morgen zu Beginn der Radtour, als wir uns am Ortsrand von Moreton-in-Marsh auf der A44 an Lkws vorbeischlängeln. Klassische Radwege gibt es nicht. Doch schon bald hat man ein Neubaugebiet hinter sich gelassen und radelt entlang von Landstraßen durch das hübsche Örtchen Evenlode, in dem kaum 150 Menschen leben und in das sich kein Lkw oder Reisebus verirrt. Gelegentlich kommt einem nur ein Traktor entgegen. Oder ein Bentley.
Denn es gibt gewissermaßen zwei Cotswolds. Zu welchem das Cottage gehört, sieht man weniger am Landhaus selbst als am Gefährt in der Einfahrt. Steht da ein schlammbespritzter, zerbeulter Geländewagen, der den deutschen TÜV wohl nicht überstehen würde, sind die Besitzer vermutlich Vertreter der ursprünglichen Cotswolds – sie meinen es ernst mit dem Landleben. Mehr als 80 Prozent des Landschaftsschutzgebiets wird von Bauern bewirtschaftet. Die Schafzucht hat der Region im Mittelalter zum Wohlstand verholfen. Eine Erklärung des rätselhaften Namens ist, dass mit „Cot“ einst eine Schafhütte gemeint war.

In anderen Einfahrten findet man blitzblanke Land Rover, die eher dekorativen Zwecken dienen, und den ein oder anderen Bentley. Viele der neueren Bewohner der Cotswolds wohnen eigentlich in London und kommen nur am Wochenende in ihr Landhaus. Schätzungen zufolge sind ein Drittel der Häuser Zweitwohnsitze. Die Preise für Häuser in den Cotswolds sind in den letzten 20 Jahren um rund 80 Prozent gestiegen, bei manchen Anwesen hat sich der Wert laut einem Immobilienmakler verdreifacht.
Deren Einfluss hat für Touristen jedoch durchaus angenehme Seiten, wie man beim ersten Stopp, dem Örtchen Stow-on-the-Wold, sieht. Hier schlendert man entlang von Boutiquen für hochpreisige Küchenaccessoires, kauft Cheddar für 40 Euro das Kilo bei der „Cotswold Cheese Company“ und landet vielleicht im Geschäft für Luxus-Vintage-Mode. Zwischen Ständern mit glitzernden Abendkleidern probiert eine Dame einen Hut auf, wie man ihn nur in England gebrauchen kann: groß wie ein Wagenrad, mit bunten Stoffblumen. „Sie ist nächste Woche im Buckingham Palace eingeladen“, erklärt ihre Freundin der Verkäuferin. „Aber nur auf einer Gartenparty“, fügt die Huttragende vermeintlich bescheiden hinzu.
Zur mehr als 1000 Jahre alten St. Edward’s Church zieht es eher wenig Einheimische: Vor der Hintertür schießt ein italienisches Paar Fotos. Hier sind zwei alte Bäume so mit dem Gemäuer verwachsen, dass sie wie zwei hölzerne Torpfeiler aussehen. Es heißt, J. R. R. Tolkien, einst Student im nahen Oxford, habe sich hier für die Türen von Durin aus „Herr der Ringe“ inspirieren lassen.
Rapsfelder, Buchenhaine und Wiesen voller Hasenglöckchen
Als Radtourist verweilt man hier nicht allzu lang, immerhin hat man noch knapp 40 Kilometer und ein paar Dörfer vor sich. Als Nächstes steht Lower Slaughter an. Bis dahin kommt man vorbei an noch mehr Rapsfeldern, Buchen und Wiesen voller Hasenglöckchen, eingerahmt von alten Steinmauern. Man schaut in der Ferne auf die Hügel und rätselt darüber, wieso eigentlich alle Häuser hier sandsteinfarben sind. In den Cotswolds sieht es – zwischen den Dörfern – überall ziemlich gleich aus.
Lower Slaughter ist berühmt für eine historische Mühle und einen Straßenzug aus Cottages mit bunten Haustüren, der einst den Google Street View Award für die „romantischste Straße Großbritanniens“ erhalten hat. Zu Recht, finden wir. Neben den Häusern blüht der Mohn, es plätschert der Mühlenbach. Freilich sehen das auch andere Menschen so: Eine Gruppe Deutscher mit Wanderstöcken lauscht einem Vortrag ihres Reiseleiters über architektonische Feinheiten der Tudor-Ära. Eine Spanisch sprechende Familie macht ein Picknick auf einem Stück Rasen, das vielleicht jemandes Vorgarten ist. An einer Haustür hängt ein Schild, das die Gefühle der Anwohner vermutlich trifft: „Oh no, it’s you again“.
In das Herrenhaus würde man sofort einziehen
Weniger intrusiv kann man seinen Mittagstee ein paar Hundert Meter weiter einnehmen. Um uns eine Pause vom harten Sattel zu gönnen, spazieren wir einen der vielen Pfade entlang, die die Cotswolds durchziehen, quer über eine Wiese, und stehen plötzlich vor einem Herrenhaus, in das man gleich einziehen würde. Vor dem „The Slaughters Manor House“ aus dem 17. Jahrhundert blühen Rosen, an Tischen trinkt man Earl Grey, in der Lobby stehen elegante Sessel mit bunt gemusterten Samtbezügen. „Lovely“, wie die Briten sagen würden, finden wir das, während wir auf den Cream Tea warten, also Tee und Scones, und dem Vogelgezwitscher lauschen.
Diese Stärkung können wir gut gebrauchen, bevor wir weiterradeln zum eigentlichen Juwel der Cotswolds: In Bourton-on-the-Water gibt es Cottages mit bunten Fensterläden, Blumen in Vorgärten und einen Bach mit vielen kleinen Brücken. Er macht seinem Namen „Venedig der Cotswolds“ alle Ehre, denn es tummeln sich auf Rasenflächen, Gehwegen und den kleinen Brücken kaum weniger Leute als auf dem Markusplatz.
Vergangenes Jahr haben die Anwohner die „Bourton Residents’ Voice“ gegründet, um den „Overtourism“ zu bekämpfen. Von 200 Anwohnern fanden in einer Umfrage fast alle, es kämen zu viele Besucher. Und neun von zehn beklagten, der Tourismus wirke sich negativ auf ihr Leben aus. Bei den Pubs am Platz kommt einem das Wort „Fressbuden“ in den Sinn, die Mülleimer quellen über, die Geschäftchen verkaufen überwiegend Souvenirs. Auch wenn der Ort eher nach Disney als nach Landleben aussieht, ist er wunderschön, denkt man, während man mit etwas schlechtem Gewissen ebenfalls das Handy zückt, um ein paar Fotos zu schießen. Auf denen möglichst niemand mit drauf ist, selbstverständlich.
Touristen, das sind ja immer die anderen. Dieses angenehme Gefühl verstärkt sich, wenn man davonradelt, statt in den Reisebus zu steigen. Mit dem Rad erlebt man auch den Teil der Cotswolds, in dem niemand Selfies schießt, aber wirklich Menschen leben. Cottages, Wälder und Wiesen, an denen man im Auto, ohne zweimal hinzusehen, vorbeiflitzen würde. Selbstredend findet man hier auch die besten Pubs, in denen alles zusammenkommt.
Im Biergarten des „The Fox Inn“ in Broadwell wird an diesem Abend Kindergeburtstag gefeiert. Die Kleinen laufen mit Zebraschminke im Gesicht herum, die Eltern trinken Bier und Weißwein. Innen stehen Kerzen auf den urigen Holztischen, von denen alle besetzt sind. Eine Familie, von der jedes Mitglied eine sehr teure Schweizer Uhr trägt, unterhält sich über Tennisunterricht, an einem anderen Tisch sitzen Männer in einfacher Kleidung vor ein paar Pints. Es gibt Pubklassiker und einen Hauch von Fine Dining. Wir essen Fish and Chips mit Erbsenbrei, der vorzüglich schmeckt, und Sticky Toffee Pudding zum Nachtisch und finden, auch wenn der Hintern nach dem ganzen Radfahren etwas schmerzt: Ach, wie schön ist England auch abseits des Bilderbuchs.
