
Gerade als die Kadenz der Hallenarie aus dem „Tannhäuser“ zur Dämmerung am Hafen von Jaffa verstummt, ertönt der Gesang des Muezzins aus der benachbarten Moschee. „Wagner muss auf das muslimische Gebet warten – wenn das nicht Wagner im Heiligen Land ist“, erklärt Shlomi Moto Wagner, Sänger und Dragqueen, dem Publikum, das sich auf dem Vorplatz eines arabisch-jüdischen Theaters unter freiem Himmel versammelt hat, um Richard Wagner zu hören.
Der israelische Performance-Künstler, der eine Obsession für seinen Namensvetter hegt, führt durch „Wagner in the Holy Land“, einen Abend, den Milo Rau als Teil seiner Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ an der Deutschen Oper Berlin an diesem Abend in Tel Aviv organisiert hat.
Oper als Roadmovie über Deutschland und Israel
Es ist der Abschluss einer zehntägigen Recherchereise durch Israel und die palästinensischen Gebiete, die als Teil eines Roadmovies in die Oper einfließen soll. In drei Kapiteln will Rau das Verhältnis von Deutschland und Israel, von Schuld und Verantwortung, eruieren – auch am Nahostkonflikt. Sein Team hat unter anderem Shaul Ladany besucht, einen Überlebenden des Terrorangriffs auf die israelische Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in München 1972, und Luis Har, der am 7. Oktober 2023 von der Hamas als Geisel nach Gaza verschleppt und später von der Armee befreit wurde, aber auch Bewohner des palästinensischen Dorfs Tarqumiyah, die unter der Gewalt jüdischer Siedler leiden.
Und dieses Team hat Wagner gespielt, ganz öffentlich vor Passanten im Hauptbahnhof Jerusalems, auf einem Hügel in Sderot mit Blick auf Gaza und nun eben vor etwa 200 geladenen Gästen. Neben vier Arien aus „Tannhäuser“, „Lohengrin“, „Rienzi“ und dem „Holländer“, vorgetragen von der Sopranistin Tamara Nishri und dem Pianisten Alexander Ivanov, hat Rau auch Redner eingeladen.
Wagner-Boykott in Israel gilt weiterhin
Allein die Musik könnte ein kleiner Skandal sein, gilt doch wegen Wagners Antisemitismus und der Nähe des Naziregimes zu seiner Kunst wie seiner Familie ein Boykott gegen Wagner in Israel, der bis heute weitestgehend eingehalten wird. Als Zubin Mehta 1981 in der Philharmonie den „Liebestod“ dirigierte, lief der Holocaustüberlebende Ben-Zion Leitner vor die Bühne, entblößte seinen vernarbten Bauch und rief: „Spielt Wagner über meiner Leiche.“ Als Daniel Barenboim 2001 das „Meistersinger“-Vorspiel in Jerusalem begann, standen Zuhörer auf und verließen den Saal.
Seitdem wurde Wagner zwar im Radio gespielt, aber nie wieder öffentlich aufgeführt. Boykott-Befürworter argumentierten in der Vergangenheit immer wieder, dass man Rücksicht auf Holocaustüberlebende nehmen müsse, im jüdischen Staat keinesfalls der Musik eines Antisemiten die Bühne geben soll. Auch, weil sie von Überlebenden als traumatisierend empfunden werden könnte.
Wagners Musik erzürnt niemanden
Jonathan Livny, Präsident der israelischen Wagner-Gesellschaft, einer der Sprecher, versucht seit Jahren, Wagner in Israel aufführen zu lassen. Sein letzter Versuch ist 2022 an zu großem Widerstand gescheitert. „Nur weil er Hitlers Lieblingskomponist war, sollten wir seine Musik nicht verbieten“, sagt der Sohn eines deutschen Holocaustüberlebenden. Er hört, so sagt er, Wagner mit Zweispalt, mit Liebe zur Musik und Schmerz über den Antisemitismus eines solchen Genies.
Doch an diesem Abend ist es nicht die Musik, die das Publikum erzürnt. Das sehr viel größere Tabu bricht die israelische Theatermacherin Einat Weitzman, die in ihrer Rede zunächst fordert, die Musik zu stoppen, weil man dann vielleicht das Summen der Drohnen über Gaza und die Stimmen der Kinder hören könne. Und dann sagt sie, es sei vielleicht nicht unpassend, dass Wagner die Menschen in Gaza in den Tod begleitet.
Gaza ist der Affront
Zum ersten Mal rührt sich das Publikum, das bis dahin andächtig zugehört hat. Die Äußerung ist für manche ein Affront. Zwei Besucher stehen auf und verlassen die Veranstaltung. Eine Besucherin moniert, dass man ihr eine Bühne gebe, um „die jüdische Entität zu zerlegen“, ein anderer buht.
Dass zum Abschluss die Regisseurin Fidaa Zidan über ihre palästinensische Identität und die „Grenzen, denen man Namen gibt“, sprechen darf und der Abend mit einem Lied der libanesischen Sängerin Fairuz über die Sehnsucht nach der Heimat endet, trägt nicht zum Frieden bei.
Das größere Tabu ist nicht mehr Wagner, sondern die Rede von Gaza, von den Palästinensern und von gleichen Rechten für alle. Für Jonathan Livny ist die Wendung durch Raus Team enttäuschend: „Sie haben es nicht für uns gemacht, sondern für sich“, sagt der Wagnerianer, der doch für die Musik gekommen war und noch immer hofft, das Tabu könne nach und nach schwinden.
Für andere war der Abend wichtig. „Die Dramaturgie war klar – es ging um das Tabu, in Israel über Palästinenser zu sprechen“, sagt ein 25 Jahre alter Besucher, der nicht für Wagner, sondern für Rau gekommen war.
Zumindest einige im Publikum wurden mit Dingen konfrontiert, die sie nicht hören wollten. Wagner im Heiligen Land spielte nur assoziativ durch die Statisten eine Rolle. Vielleicht war er ohnehin nur eine Projektionsfläche von Grenzen und Tabus. Vielmehr scheint es um das Heilige Land als Kulisse für Raus Inszenierung zu gehen – der polarisierendste Konflikt der Gegenwart als Material für den Schweizer Regisseur.
Wagner sah nach eigenen Aussagen auch den „Ewigen Juden“ im „Fliegenden Holländer“ und die Erlösung der Juden nur im Untergang, in der Selbstaufgabe. Wen Milo Rau im Holländer sieht und worin die Erlösung bestünde, blieb unklar.
