
Manche Fragen werden auch rund um seinen 100. Geburtstag nicht beantwortet werden können: Wie viele Musiker stecken hinter dem Namen Miles Davis? Wie viele Stile verbergen sich in seiner Musik? Was gibt es noch zu entdecken in der gigantischen Hinterlassenschaft von mehr als hundert Einspielungen mit Meisterwerken wie „Bags’ Groove“, „Kind of Blue“, „’Round Midnight“ oder der Filmmusik zu Louis Malles „Fahrstuhl zum Schafott“? Gar nicht auszumachen, welche Schätze möglicherweise noch in den Archiven und Kellern von Plattenfirmen und Rundfunkanstalten lagern und der Veröffentlichung harren.
Immerhin gilt Miles Davis, der ein halbes Jahrhundert lang mit seiner Musik im Nukleus des Jazz stand, als jemand, der an der Geschichte des Genres mitgeschrieben hat. Er gehörte zum unmittelbaren Kreis um den Bebop-Revolutionär Charlie Parker, wird mit seinem Nonett und der Einspielung „Birth of the Cool“ als wesentlicher Repräsentant des Cool Jazz bezeichnet, hat mit dem Arrangeur Gil Evans den Jazz in die Nähe klassischer Musik gerückt, mit „Bitches Brew“ den Startschuss zu Jazzrock und zur Fusion Music gegeben und mit „Call It Anything“ für sich kurz das Tor zum Free Jazz aufgestoßen. Am Ende hat er gar mit dem Hip-Hop geflirtet. Allein das reicht für mehr als ein Jazz-Leben aus.
Davis, der Jazzmusiker des Jahrhunderts, inspiriert die Musikszene noch immer, wie man an den zahllosen Veröffentlichungen, musikalischen Grußadressen und Konzerten zu seinem Hundertsten weltweit erkennen mag. Und natürlich hat sich auch die hr-Bigband mit dieser großen Gestalt des Jazz beschäftigt und jetzt in der berstend vollen Alten Oper mit einem beeindruckenden Konzert Antworten auf die genannten Fragen zu liefern versucht. Ein Coup ist ihr schon damit gelungen, dass sie mit drei Trompetern und Flügelhornisten zweierlei demonstrierte: zum einen, dass das komplexe Erbe, selbst im Auszug eines einzigen Konzerts, besser auf mehrere Schultern verteilt werden sollte, zum anderen, dass seine Musik mehr als eine Interpretation und eine Ausdrucksform des Trompetenspiels verträgt.
Verkappte Jazz-Battle zwischen drei Musikern
Bei drei maßstabsetzenden Alben aus der Zusammenarbeit mit Evans in den späten Fünfzigerjahren – „Miles Ahead“, „Porgy and Bess“ und „Sketches of Spain“ – wurden die originalen Arrangements dabei von der hr-Bigband unter der Leitung von Miho Hazama interpretiert, während der teilweise improvisierte Part von Miles Davis jeweils den Gästen Paolo Fresu, Arve Henriksen und dem etatmäßigen Solotrompeter der Band, Axel Schlosser, überlassen wurde. Das Ergebnis dieser verkappten Jazz-Battle zwischen den drei Musikern wird man hoffentlich bald in irgendeiner Form konserviert präsentiert bekommen. Man könnte es, ohne mit der Wimper zu zucken, den herausragenden Liveaufnahmen in der Zusammenarbeit von Davis und Evans hinzufügen.
„Miles Ahead“ mit seinen vielen lyrischen Passagen, raffinierten Bläsersätzen und dunkel timbrierten Balladen – das Orchester ohne Piano, nur einem Altsaxophon neben drei Klarinetten, Oboe, drei Hörnern sowie Trompeten- und Posaunensatz – fand in Fresu einen abgeklärt-zurückhaltenden Interpreten, während Henriksen auf Trompete und Taschentrompete in einigen Stücken von „Sketches of Spain“ ein Bekenntnis zur klangfarbenreichen Arabeske spanischer Musik bis zum hochexpressiven Cante jondo ablegte, den er ausdrucksstark in seine prächtigen instrumentalen Ornamentierungen einfließen ließ.
Wenn es erlaubt ist, einem Interpreten die Krone aufzusetzen, dann wohl Schlosser bei seinem souveränen Umgang mit den stimmungsvollen Adaptionen von Gershwins „Porgy and Bess“, die er mit seiner überlegenen Technik, einem untrüglichen Gespür für die angemessene Artikulation und einer wunderbar dramatisch-gestalterischen Kraft kongenial erfasste. Vielleicht kam es dem am nächsten, was Davis neben seiner eigenen sinnlich-schwebenden Interpretation hätte gelten lassen.
Die Bigband, bis auf ein kurzes intensives Zwischenspiel des Altsaxophonisten Oliver Leicht sowie die exzellenten Basslinien von Hans Glawischnig und das Rhythmusfundament von Jean Paul Höchstäder solistisch nicht gefordert, satztechnisch dafür umso mehr, fand in der Japanerin Miho Hazama mit ihrer ästhetisch ansprechenden Choreographie eine präzise Dirigentin, die auch die Gäste an Harfe, Oboe, Fagott, Schlagzeug und Hörnern angemessen zu integrieren vermochte. In die Zugabe, die Villa-Lobos-Komposition „Song of Our Country“, die während der Session zu „Sketches of Spain“ aufgenommen, aber erst postum veröffentlicht wurde, fügten die drei Trompeter gemeinsam ein eher versteckt formuliertes „Happy Birthday“ für Miles ein. Ob es ihn gefreut hätte? So what!
