Der Jazz gerät oft von zwei Seiten gleichzeitig unter Druck. Auch mehr als hundert Jahre nach seinen ersten Formen und erst recht seit der erweiterten Harmonik des Bebop und der abermals beschleunigten Spielweise gegen Ende des Zweiten Weltkriegs klingt Jazz in den Ohren von vielen wie „Katzenmusik“, selbst wenn er mit Freejazz nichts zu tun hat.
Jazz ist darin Techno insofern verwandt, als beide etwas Zeit und Vertiefung erfordern, um Zugang zu finden. Diese Schwellen übertritt man nicht in kurzen Clips auf digitalen Plattformen, ohne etwas Übung hört man nur Chaos (Jazz) oder Stumpfheit (Techno). Historisch ist Jazz aber auch regelmäßig von den Wächtern der reinen Jazzlehre angefeindet worden. Wo es Riten der Aufnahme gibt, da sind auch Lehrer oder Paten, die darüber entscheiden, was richtig oder falsch sei (im Techno der Neunzigerjahre sprach man über wenig anderes).
Miles Davis als Ausnahmefigur der Musik des 20. Jahrhunderts
Der Trompeter, Komponist, Bandleader und mehrfache Erneuerer Miles Davis war jene Ausnahmefigur in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts, die mit den populären wie mit den konservativen Kräften souverän umgehen konnte. Nach seiner kurzen Lehrzeit in der zweiten Bebop-Welle in New York City unter anderem beim Saxophongenie Charlie Parker zügelte Davis sein Temperament sowohl als Solist wie als Bandleader, besonders in den größeren Formationen, für die ihm Gil Evans bei den Arrangements half.

Auch wenn diese bis 1950 erfolgten Aufnahmen erst 1957 gesammelt als „Birth of the Cool“ erschienen, fand Davis mit seiner oft ruhigeren, aber dennoch rhythmisch wie harmonisch gespannten Melodieführung ein breiteres Publikum.
Das gelang ihm so gut wie immer ohne Anbiederung beim Massengeschmack. Doch ab den späten Sechzigerjahren, als seine Bands elektrischer wurden, traten die Traditionswächter auf den Plan und nie wieder ab und witterten stets „Ausverkauf“. Dass kein Album, zumindest nicht bis in die mittleren Achtzigerjahre, auch nur entfernt nach Rock und Pop klang, dass die lauten Kritiker weder Davis noch der Popmusik zuhörten, treibt das Buch von Stefan Hentz immer wieder um.
Der deutsche Jazzjournalist hat nämlich eine Biographie vorgelegt, obwohl man meint, dass längst alles gesagt sei zu dieser Jahrhundertfigur. Hentz wählt für seine fleißige Chronik aber ungewöhnliche Schwerpunkte. Und es ist tatsächlich eher eine Chronik, die bei den zahllosen Bands und wechselnden Musikern oft in einen Wikipedia-Ton kippt und mit Kurzbiographien den Textfluss staut, weil jeweils auch Eltern, Geburtsort und Ausbildungsstätte namentlich genannt werden wollen.
Ignorant gegenüber der eigenen Frau und den eigenen Kindern
Den Chronisten erkennt man auch daran, dass Hentz sich an längst geführten Diskussionen abarbeitet und seinen Protagonisten dabei postum in Schutz nimmt. Der Historiker würde hier erklären, warum es überhaupt zu diesen heute unerheblichen, weil überwundenen Konstellationen kam. Es gab ja zum Beispiel durchaus Gründe auf konservativer Seite, das ab den Siebzigerjahren dominante popkulturelle Bild des schwarzen Zuhälters in Film und Musik, das auch Miles Davis gelegentlich ausstrahlen wollte, abzulehnen und Jazz als seriöse Kunst im Anzug in Stellung zu bringen – wenn auch leider mit etwas langweiligeren musikalischen Resultaten.
Miles Davis wohnt nicht erst seit seinem Tod 1991 im Olymp, man muss ihn vor niemandem mehr in Schutz nehmen. Außer zuweilen vor sich selbst. Wie er seine Frauen und Kinder über weite Strecken ignorierte und die Frauen besonders in seinen vielen Absturzphasen prügelte, findet bei Hentz en passant immerhin Erwähnung, mehr aber auch nicht.
So etwas wie einen Zugriff findet der aufzählende Biograph auf den ersten gut sechzig Seiten. Hentz beginnt sein Buch ungewöhnlich mit dem letzten Jahrzehnt von Miles Davis, mit seinem Comeback ab 1980 nach fünf nicht zum ersten Mal von Drogen und Alkohol vernebelten Jahren. Hier zeigt der Autor, wie viel ihm auch an der musikalischen Beschreibung liegt, und zwar gerade in jener Phase, in der Davis zu seinem Ton und auch den technischen Fähigkeiten zurückfinden muss.
Zwei Tage mitlesen und mithören
In dieser Zeit liegen dennoch Alben, die schon wieder mindestens eine Generation beeinflusst haben, besonders die Liveaufnahmen von „We Want Miles“. Hentz hört auch später genau zu, als sich Miles verzettelt und nicht immer die besten, sondern manchmal auch nur die familiär vertrautesten Musiker auswählt, die dann für unnötige postume Veröffentlichung verantwortlich sind wie etwa „Rubberband“ von 2019.
Zu Beginn des Buches sucht der Biograph explizit die Lücke in der Davis-Literatur, die er zitiert. Er will den Startrompeter popkulturell als Stilikone untersuchen, da sei noch Platz. Selbst in Deutschland hatte sich das allerdings schon Tobias Lehmkuhl zum Ziel gesetzt mit seinem 2009 erschienenen Essay „Coolness. Über Miles Davis“. Im Verlauf des Buches ist denn, von einem kurzen Kapitel über eine Fotoserie von Glen Craig abgesehen, auch weniger eine popkulturelle oder stilistische Affinität spürbar als etwas Altes, durchaus Wichtiges: Hentz ist in die Musik von Miles Davis verliebt.
Er will diesen Liebesbeweis für den Vielgeliebten noch einmal durchleben und hat dabei keine Angst vor ein paar musiktheoretischen Begriffen. Für die muss man die Jazzschwelle zwar überschritten haben, aber das ist keine Raketenwissenschaft. Als Fan lassen sich mit diesem Buch gut zwei Tage Lesen und Musikhören verbinden. Die Bestürzung des Rezensenten, dass Hentz das zweite Quintett mit Herbie Hancock, Tony Williams, Wayne Shorter und Ron Carter in den Sechzigerjahren stiefmütterlich behandelt, ist dann wohl so subjektiv wie die Schwerpunkte, für die sich der Autor entscheidet.
Stefan Hentz: „Miles Davis“. Sound eines Lebens. Leben und Werk der Jazzlegende. Reclam Verlag, Ditzingen 2026. 383 S., Abb., geb., 32,– €.
