
An der Sakuragaoka High School ist die Antwort kürzer als die Frage. „Sind hier wirklich alle Schüler freundlich und fleißig?“, will Mike Josef wissen. Schulleiterin Haruko Takasu zögert keine Sekunde: „Ja.“ Freundlich und fleißig seien sie und, fügt sie hinzu, auch noch warmherzig. Nur in Sachen Ehrgeiz könnten die 960 Jugendlichen an ihrer Schule noch ein wenig zulegen.
Josef hört aufmerksam zu. Schließlich ist er nicht als Lehrer nach Japan gekommen, sondern – gewissermaßen – als Schüler. Zum ersten Mal ist der Frankfurter Oberbürgermeister in dem Land. Auf seiner sechstägigen Reise besucht er die neunte von 17 Partnerstädten. Und schon nach zwei Tagen zeigt sich: Yokohama gibt ihm einiges mit auf den Weg.
Seit 2017 pflegt die Sakuragaoka High School einen Schüleraustausch mit der Schule am Ried in Frankfurt. Alle zwei Jahre kommen bis zu 20 Jugendliche aus Japan für eine Woche in die Mainmetropole; im darauffolgenden Jahr reist eine ebenso große Gruppe aus Frankfurt nach Yokohama – zu den Familien ihrer Austauschpartner. Es ist eine Verbindung, die nicht bei offiziellen Delegationen und Grußworten stehen bleibt, sondern im Alltag ankommt: am Esstisch, im Klassenzimmer, im Leben der Familien.
Klimawandel als größte Herausforderung
Kurz nach seiner Ankunft in Yokohama hatte Josef am Freitag die Konferenz des Asia-Pacific Circular Cities Forum, eines Netzwerks nachhaltiger Kreislaufstädte, besucht. 43 Kommunen aus dem asiatisch-pazifischen Raum sind darin vertreten – Städte, die zusammen rund 82 Millionen Menschen repräsentieren. Mehr als 200 Zuhörer kamen zum Abschluss der Konferenz, bei der es um eine Frage ging: Wie lässt sich Wachstum organisieren, wenn die ökologischen Grenzen längst sichtbar werden?
Der Klimawandel sei die global größte Herausforderung, sagte Josef. Größere Städte hätten im Wettbewerb miteinander die Chance zu zeigen, wie sie sich an die rasante Erderwärmung anpassen und deren Folgen möglichst abmildern könnten. Städte seien nicht nur besonders stark vom Klimawandel betroffen, sie hätten auch die Möglichkeiten, Veränderungen anzustoßen – durch ihre Verwaltung, ihre Infrastruktur und die Entscheidungen, die dort jeden Tag getroffen würden.
Frankfurt etwa versuche gemeinsam mit den Nachbarstädten Wiesbaden, Offenbach und Hanau, die Bauwirtschaft nachhaltiger zu machen. Es gehe um neue, umweltschonende Technologien, den Einsatz möglichst umweltfreundlicher Materialien und die regionale Entsorgung jener Baustoffe, die sich nicht mehr recyceln ließen. Auch beim Müll hat sich Frankfurt ein konkretes Ziel gesetzt: Die Restmüllmenge je Einwohner soll von derzeit 205 Kilogramm bis zum Jahr 2035 auf 120 Kilogramm sinken.
Doch auch in Sachen Nachhaltigkeit kommt Josef nicht als jemand nach Japan, der fertige Antworten mitbringt. Die sechstägige Reise des Rathauschefs, der Dezernentin für Digitalisierung und internationale Beziehungen, Eileen O’Sullivan (Volt,) und weiterer Vertreter von Politik und Wirtschaft soll die Partnerschaft zwischen Frankfurt und Yokohama inhaltlich neu aufladen – mit Gesprächen über Nachhaltigkeit, Klimaschutz und die Frage, wie Großstädte wirtschaftlich erfolgreich bleiben können, ohne ihre ökologischen Grenzen zu ignorieren.
An der Sakuragaoka High School hängt an der Wand im Büro der Schulleiterin das Motto „Respekt, Liebe und Vertrauen“. Respekt vor der Umwelt, Vertrauen in die Fähigkeit von Städten, etwas zu verändern, und die Bereitschaft, voneinander zu lernen: Mit diesen drei Haltungen will Josef die Partnerschaft in die Zukunft führen. Und vielleicht, das wäre ganz im Sinne von Schulleiterin Takasu, darf dabei auch ein wenig Ehrgeiz im Spiel sein.
