Land und Boden sind bis heute mit einem sentimentalen Schleier belegt. In einem romantischen Impuls werden die eigenen vier Wände als eine Festung vor etwa staatlichen Eingriffen oder gesellschaftlicher Modernisierung betrachtet. Dass der Boden, auf dem man lebt, mehr als nur ein harmloses Faktum ist, sondern eine ökonomisch-politische Antriebskraft, bleibt in diesem mystifizierten Blick auf Eigentum und Land meist außen vor.
Dass ausgerechnet der für die Wall Street zuständige Redakteur des „Economist“, Mike Bird, in seinem Buch „The Land Trap“ eine Genealogie der Landgewinnung vorgelegt hat, ist zunächst ein Paradoxon: zeigen nicht gerade die Börsenkurse, die von Software-Unternehmen und Chip-Konzernen bestimmt werden, dass das Zeitalter der Land-Unternehmer vorbei ist?
Die Bodeneigentümer verdienen am Wachstum immer mit
Dies ist einer der vielen – vermeintlichen – Widersprüche, die Bird auflöst: Der Erfolg der Dienstleistungsgesellschaft bedingt exorbitante Mietenanstiege in New York oder San Francisco und entsprechende Bodenwertsteigerungen. Und das gleiche Bankensystem, das heute die Erschließung von Datenzentren finanziert, lebt von kleinbürgerlichen Eigentumskrediten. Kurzum, Materielles wie Nichtmaterielles lässt sich nicht künstlich trennen, weswegen die Unbegrenztheit des Nichtmateriellen wohl oder übel zum materiellen Problem wird.

Dass heute über steigende Mieten und teures Hauseigentum gesprochen wird, ist also den neuen Wachstumsschüben geschuldet, aber gleichzeitig auch Folge fehlender Erfahrung westlicher Gesellschaften mit der Landfrage, da jene im 20. Jahrhundert an die Peripherie der politischen Debatte rückte, wie in Birds Genealogie deutlich wird: Während bei Adam Smith bis Karl Marx der Vermieter noch ein Pejorativum war, hatten sich die entwickelten Industriegesellschaften sukzessive mit dem Bodeneigentum angefreundet. Die Arbeiterbewegung brauchte keine Villa im Tessin, aber ein kleines Haus war ein vielfach gehegter Traum.
Diese Mittelklasse-Politik, die zur – aus heutiger Sicht beneidenswerten – Wohnungsexpansion führte, folgte einer natürlichen Nachfrage, aber konstituierte auch eine politische Strategie, wie sich im Buch mehrfach nachvollziehen lässt. So zeigt sich, wie nicht nur der peruanische Ökonom und Politiker Hernando de Soto die Eigentumsbeteiligung der Landbevölkerung als schärfstes Schwert gegen marxistische Guerillagruppen Lateinamerikas betrachtete – die Bewaffnung der Arbeiterschaft mit Eigentum war eine, retrospektiv erfolgreiche Kalte-Krieg-Strategie gegen den Sowjetkommunismus. Und auch innerhalb des gelebten Kommunismus wurde Wohnungseigentum wie in China zu einer Maßnahme, um die diktatorische Legitimation zu fördern, wie Bird zeigt.
Wie Landspekulation produktives Kapital entzieht
Die chinesischen Neu-Kapitalisten hatten sich nach dem Tod Maos auch dazu entschlossen, die ländliche Wachstumsstrategie des Westens zu übernehmen – stellenweise sogar zu übertreffen. Die Sonderwirtschaftszone Shenzhen, eine Vision Deng Xiaopings, war nur die Spitze des Eisbergs. Überall konnte die erste Mittelschicht nun Land erwerben. Und wie im Westen hundert Jahre zuvor, war der alte proletarische Hunger für eine sichere Anlagequelle groß – 80 Prozent der Chinesen hatten bis 2010 Eigentum erworben.
Laut dem „Economist“-Redakteur ein naheliegender Zusammenhang: Die Baubranche wuchs, die Einnahmen der Lokalregierung auch und der Wert der Immobilien ebenso. Ein Win-win-win also, der die Anhäufung eines gigantischen Schuldenberges und die immer drohende „Land Falle“ aber lange ausblendete: Land ist nicht vermehrbar, doch zieht immer mehr Kapital an sich, sofern von steigenden Werten ausgegangen werden kann – Kapital, das dann anderswo fehlt.
Dass China heute für Wohnungsüberproduktion und hohe Mieten zugleich steht, mag die kapitalistisch-kommunistische Synthese aus einer Anmaßung des Wissens und grassierender Profitlogik zugleich sein, aber ist ebenso Produkt des von Bird aufgedeckten ländlichen Widerspruchs: in einer Quadratur des Kreises möchte man mehr Land erschließen und neue Wohnungen bauen, aber zugleich keinen Verfall der Immobilien- wie Bodenpreise riskieren. Das hat nicht nur wirtschaftliche Gründe, weil die Solvenz der Banken an Wohnungskrediten und hohen Eigentumspreisen hängt.
Weiterverbreitete Not-in-my-Backyard-Attitüde
Die gesellschaftliche Eigentumsbeteiligung war historisch ein großer Erfolg, aber sie unterdrückte nicht nur die revolutionäre Kraft des Kommunismus – auch der Kapitalismus war in seiner kreativen Zerstörung durch die Beharrungskräfte der Mittelklasse fortan limitiert. Das mag eine erfolgreiche Selbstregulation europäischer Wohlfahrtstaaten sein, führt im Falle des Neubaus aber dazu, dass sich Nachbarschaften, Kommunen und ganze Städte weigern, neuen Wohnraum und damit sinkende Immobilienpreise zuzulassen.
Donald Trump brachte diese „not in my backyard“-Attitüde zuletzt auf den Punkt, wenn er klarstellte, dass er kein Sinken der Immobilienpreise zulassen werde. Mit Blick auf die Demographie eine nicht unverständliche Politik, denn insbesondere alte Menschen haben oft eine einzige Anlageform, nämlich die eigenen vier Wände.
Damit kehren auch die im 19. Jahrhundert verhandelten Fragen von Haben und Nichthaben wieder zurück, wenn auch in veränderter Gestalt. Wenn so die Vergangenheit wieder Teil der Zukunft wird, wird man von Mike Birds Narration der Weltgeschichte des Bodens viel lernen können.
Mike Bird: „The Land Trap“. A New History of the World’s Oldest Asset. Portfolio Verlag, New York 2025. 336 S., br., 17,99 €.
