Michelangelos David sieht nicht unbedingt aus wie jemand, der seinen Lebensunterhalt je mit geregelter Arbeit verdienen musste. Der Körper eines griechischen Athleten, der Blick eines Mannes, der Größeres vorhat, und Hände, die eher für Heldentaten als für landwirtschaftliche Arbeit geschaffen sind. Dabei begann seine Laufbahn, folgt man dem Alten Testament, durchaus bodenständig: David war Hirte, bevor er Goliath erschlug, zum Volkshelden wurde und schließlich zum König Israels aufstieg.
Dass er nun in den Schweizer Alpen steht, ist also vielleicht weniger abwegig, als es zunächst scheint – als fünf Meter hohe Marmorkopie in der Gemeinde Klosters. Verantwortlich dafür ist Scultura Viva, eine lokale Kulturinitiative, die sich der Pflege des bildhauerischen Erbes verschrieben hat. Gegründet wurde sie von Christian Bolt, dem ersten Schweizer Bildhauer, der eine Professur an der Florentiner Accademia delle Arti del Disegno erhielt, immerhin der ältesten Kunstakademie der Welt. Bolt will den alpinen David nicht als Reproduktion verstanden wissen. Ihn interessiere, was mit einer Ikone geschieht, wenn man sie aus ihrem vertrauten Zusammenhang reißt.
Klar ist: Auch in Höhenlagen verliert David keineswegs an Strahlkraft. Die Figur wurde übrigens schon 2017 vollendet, von der Bildhauerwerkstatt Studi d’Arte Cave Michelangelo in Carrara, wo Bolt sie entdeckte. Zunächst fräste ein Roboter die groben Formen aus dem Stein; Feinheiten wie Augen, Ohren und Nasenpartie wurden anschließend von Bildhauern ausgearbeitet. Verwendet wurde sogenannter „Marmo bianco Michelangelo“ aus den Polvaccio-Steinbrüchen – jener Gegend, in der auch Michelangelo selbst das Material für seine Skulpturen auswählte.

Die Reise in die Schweiz war entsprechend aufwendig. David kam auf einem Sattelschlepper nach Klosters und wurde dort mithilfe von einem der größten verfügbaren Mobilkräne auf seinen Sockel gehoben. Die Figur allein wiegt mehr als neun Tonnen, zusammen mit dem Unterbau sind es siebzehn. Obwohl der David zu den meistkopierten Kunstwerken der Welt gehört, sind originalgroße Ausführungen aus Marmor erstaunlich selten. Weltweit soll es davon nur etwa ein halbes Dutzend geben. Das hat nicht nur mit den Kosten zu tun. Marmorblöcke von entsprechender Größe und Qualität lassen sich selbst in Carrara nicht beliebig aus dem Berg schneiden.
Schon Michelangelos Original entstand aus einem nicht ganz unkomplizierten Block. Zwei andere Bildhauer hatten ihn zuvor als ungeeignet abgewiesen. Michelangelo nahm sich des Steins dennoch an und vollendete daraus 1504 jene Figur, die zum Sinnbild der Florentiner Republik und später der gesamten Renaissance werden sollte. Ursprünglich stand dieser erste David vor dem Palazzo Vecchio auf der Piazza della Signoria. Seit 1873 befindet sich das Original geschützt unter einer Lichtkuppel in der Galleria dell’Accademia, draußen steht nur noch eine Kopie. Das Florentiner Wetter war der empfindlichen Marmorhaut auf Dauer nicht bekommen. In Klosters ist das Klima zwar nicht unbedingt milder. Dafür hat David dort nun freie Sicht auf die Berge.
