Vergangenen Oktober verschickte Porsche eine Pressemitteilung, die eine seit Langem offene und für die Zukunft des krisengeschüttelten Sportwagenbauers entscheidende Personalfrage klärte. Porsche gab bekannt, dass im Januar 2026 der Automanager Michael Leiters neuer Vorstandschef werde. Das aber warf sofort die nächste Frage auf: Michael wer? Der neue Hoffnungsträger, der Porsche wieder zum Glänzen bringen soll, war außerhalb der Autoindustrie bis dahin praktisch unbekannt.
Heute brennt bei Porsche noch immer die Hütte. Aber wer dieser Automanager ist, auf den sich alle Hoffnungen richten, wie er tickt – das ist bis heute unklar geblieben. Leiters ist in seinem ersten halben Jahr an der Spitze von Porsche außerhalb des Unternehmens kaum in Erscheinung getreten. Jetzt geht er in die Öffentlichkeit und trifft die F.A.S. zu einem ausführlichen Gespräch.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
An einem grauen Freitagvormittag im Juni sitzt der inzwischen gar nicht mehr so neue Porsche-Chef in einem Konferenzraum im Porsche-Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen. Das Fenster ist offen, man hört draußen die Vögel im Regen zwitschern. Der Sommer macht Pause. Leiters, 54 Jahre, schmal und schlank, dicke schwarze Hornbrille, kahler Schädel. Die Stimme verströmt bodenständig klingenden Ruhrpott-Sound, Leiters stammt aus Essen. Dezente Koteletten an den Wangen geben ihm einen hippen Touch.
Er ist direkter, härter, fordernder als sein Vorgänger Oliver Blume
Leiters sagt, er sei noch dabei, sich wieder einzuleben in Deutschland. Zwölf Jahre lang war er im Ausland, zuletzt als Chef der kleinen Sportwagenmanufaktur McLaren in England, davor acht Jahre bei Ferrari in Italien. Seine Familie wird erst im Sommer nach Stuttgart umziehen, die beiden Kinder im Teenageralter bringen in England noch das Schuljahr zu Ende. Für Leiters selbst ist Zuffenhausen eine Rückkehr: Der promovierte Ingenieur hat von 2000 bis 2014 schon einmal für Porsche gearbeitet, bevor er zu Ferrari ging, weil er dort Entwicklungschef werden konnte.
Seit Leiters zurück ist, hat er die Öffentlichkeit weitgehend gemieden. Aber in den Medien hat sich von ihm ein Bild des harten Mannes herausgeformt. Leiters ist intern bei Porsche von Anfang an anders aufgetreten als sein Vorgänger Oliver Blume. Direkter, härter, fordernder. Er wird als weniger emphatisch beschrieben, manche sprechen gar von einer neuen „Angstkultur“ im Porsche-Management. Michael Leiters selbst sagt im Gespräch mit der F.A.S., er wolle vor allem eines sein: ehrlich.

Sein Vorgänger Blume hat den Sportwagenbauer, der zum Volkswagen-Konzern gehört, über viele Jahre sehr erfolgreich geführt. So erfolgreich, dass ihn die mächtigen VW-Eigentümerfamilien 2022 zum Konzernchef von Volkswagen beförderten. Aber Blume blieb zugleich Porsche-Chef, ein mörderischer Doppeljob, der sich als zu viel erweisen sollte. Denn der Sportwagenbauer, bis dahin einer der wichtigsten Gewinnbringer des VW-Konzerns, rutschte in eine schwere Krise. Zu viele Probleme für einen Teilzeit-CEO.
Blumes letztes Geschäftsjahr bei Porsche war deprimierend. Viermal musste er die Gewinnprognose kürzen. 3900 Arbeitsplätze wurden abgebaut. Ein zweites Kürzungsprogramm steckte bis zu seinem Abschied aus Stuttgart in zähen Verhandlungen mit dem Betriebsrat fest. Seit diesem Jahr konzentriert sich Blume auf seinen schwierigen Posten an der Spitze des Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg.
War Porsche im „Wohlfühlmodus“ unterwegs?
Der Führungsstil Blumes wird oft als konsensorientiert beschrieben. Im „Wohlfühlmodus“ sei Porsche unter seiner Führung unterwegs gewesen, lästern nach Blumes Abschied aus Stuttgart manche Unternehmensinsider. „Leiters ist ganz anders, er bohrt viel tiefer nach, ist härter in der Umsetzung“, sagt einer. Blume stellte in Interviews Teamplay und Mannschaftsgeist in den Vordergrund. Leiters sagt: „Was zählt, ist Leistung, in der Teamarbeit, aber auch bei jedem Einzelnen. Das Team ist wichtig, aber man kann sich nicht im Team verstecken, sondern muss auch mal den Kopf rausstrecken und individuell Verantwortung übernehmen.“
Der Porsche-Chef ist der Meinung, dass es in der heutigen Unternehmenswelt oft an einem zwar respektvollen, aber klaren Feedback für die Mitarbeiter fehlt. „Ich bin ein Chef mit hohen Ansprüchen – das weiß ich“, sagt er. In Besprechungen kann er auch laut werden. Aber Leiters will kein „Industrieschauspieler“ sein. So nennt er Chefs, die sich künstlich aufregen, um Mitarbeiter einzuschüchtern. Deutlich ausdrücken will er sich schon: „Ich kann mir vorstellen, dass das für viele, die diese Klarheit und Direktheit nicht gewohnt sind, harsch rüberkommen kann.“
„Respekt drückt sich auch in der Kleidung aus“
Die zu Blumes Zeiten übliche Duz-Kultur in der Porsche-Zentrale ist nicht sein Ding. Leiters ist mit vielen per Sie. Als er in Zuffenhausen ankam, fand er, dass einige seiner Führungskräfte nicht adäquat gekleidet waren. Sein Eindruck war, dass manche ins Büro gingen, als kämen sie gerade von einer Bergwanderung. Seither sind Hemd, gepflegte Hose und ordentliche Sneaker Mindeststandard.
„Respekt gegenüber den Mitarbeitern und der Firma drückt sich auch in der Kleidung aus“, findet Leiters. Mit solchen Sätzen steht er relativ kantig in der modernen Arbeitswelt. Er macht nicht den Eindruck, als ob ihn das stören würde.
Wie nicht anders zu erwarten war, sickerte der neue Dresscode bei Porsche schnell in die Öffentlichkeit durch – und trug dazu bei, das Image des neuen Chefs zu prägen. Alles überbewertet, sagt Leiters. Aber er glaubt auch daran: Wenn sich das Unternehmen Porsche ändern soll, was er für dringend notwendig hält, dann reiche es nicht, den Mitarbeitern zu sagen: „Ihr müsst euch jetzt ändern.“ Der „Kontext“, in dem sie arbeiteten, müsse verändert werden. Die Kleiderordnung ist Teil davon.

Was treibt den Porsche-Chef an? Leiters erzählt aus seiner Kindheit in Essen, mit zwei älteren Geschwistern. Der Vater, studierter Altphilologe, war Lehrer und zog in der Erziehung klare Grenzen. In seinem Jüngsten ließ das den Wunsch nach Emanzipation und Selbstbestimmung wachsen. Er habe viel darüber nachgedacht, wie ihn die Jahre in Essen geformt hätten, sagt Leiters. Er war immer der Kleinste und Schmächtigste, daheim in der Familie, in der Schule, beim Spielen mit den Nachbarskindern. „Ich musste mich irgendwie durchsetzen. Das hat mich sehr geprägt. Da muss man eine gewisse soziale Intelligenz entwickeln.“
Autos waren in seinem Leben schon damals wichtig. Das Taschengeld investierte er in Autozeitschriften. Einmal, in den Achtzigerjahren, fuhr Familie Leiters nach Rom in den Urlaub, die Reise im Ford Granada dauerte zwei Tage. Kolosseum und Pantheon waren dem Sohn egal, was bis heute haften blieb: In der Ewigen Stadt sah er zum ersten Mal einen Ferrari Testarossa und dazu noch einen Rolls-Royce Phantom. So was gab es in Essen nicht.
„Wiedeking war die mit Abstand prägendste Person“
Sein Traumberuf als kleiner Junge ist Autodesigner, doch dafür fehlt ihm das Talent, stattdessen wird er Autoingenieur bei Porsche. 2003 tritt ein Mann in sein Leben, von dem Leiters heute sagt: „Er ist mit Sicherheit die prägendste Person in meiner Karriere gewesen.“ Die Rede ist vom damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, zu jener Zeit ein Superstar der deutschen Industrie. Wiedeking hatte Porsche in den Neunzigerjahren zuerst vor der Pleite gerettet und dann zu neuen Rekorden geführt.
Leiters ist damals Anfang dreißig und brennend ehrgeizig. Er will nach oben. Begeistert ist er nicht, als er gefragt wird, ob er persönlicher Assistent von Wiedeking werden wolle. Eigentlich sind solche Posten in Großunternehmen Karrieresprungbretter. Aber Leiters will lieber gleich eine Führungsaufgabe, Abteilungsleiter ist das Nahziel. Wiedeking macht ihm ein Angebot: Leiters soll den Job ein Jahr lang machen, wenn er dann nicht zufrieden sei, bekomme er eine andere Aufgabe. Am Ende bleibt Leiters dreieinhalb Jahre Vorstandsassistent.

Im vergangenen Jahr, als es um die Nachfolge von Blume an der Porsche-Spitze ging, wurde Wiedeking erneut zum Mentor von Leiters. Er empfahl den zögernden Volkswagen-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch Leiters als Blume-Nachfolger bei Porsche. Bis dahin dagegen war Leiters lediglich für den Chefposten bei der viel kleineren italienischen Sportwagenmarke Lamborghini im Rennen gewesen, die ebenfalls zum VW-Reich gehört. Das „Manager Magazin“ hat darüber vor einigen Monaten als Erstes berichtet, und der Ablauf der Ereignisse wird von Unternehmensinsidern bestätigt. Leiters sagt dazu: „Ganz ehrlich, davon weiß ich nichts. Ich habe mir in meinem Leben immer alles selbst erkämpfen müssen.“
Die Eigentümerfamilien wollten einen klaren Schnitt
Klar ist: Die mächtigen VW-Eigentümerfamilien wollten einen harten Schnitt bei Porsche. Der Aktienkurs des seit 2022 börsennotierten Sportwagenbauers hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr als halbiert, keiner hat dabei so viel Vermögen verloren wie die Milliardäre aus dem Geschlecht der Porsches und Piëchs. Leiters ist jetzt ihr Mann.
Blume hätte wohl am liebsten einen Vertrauten wie seinen Strategieberater Stefan Weckbach oder Porsche-Entwicklungsvorstand Michael Steiner als Nachfolger in Stuttgart gesehen. Stattdessen fiel die Wahl der Eigentümerfamilien nach langem Hin und Her auf Leiters. Das ist eine durchaus mutige Entscheidung: Er hat noch nie ein so großes Unternehmen wie Porsche geführt. Aber im Gespräch macht Leiters keinen Hehl daraus, dass er im vergangenen Jahr darauf gehofft hat, gefragt zu werden.
Am Kapitalmarkt kommt der neue Mann bisher ganz gut an. Seit Leiters im Oktober als Porsche-Vorstandschef angekündigt wurde, ist der Aktienkurs des Unternehmens um knapp ein Fünftel gestiegen. „Er ist fokussiert und kennt die Geschäftszahlen bis ins Detail“, sagt Ingo Speich, Leiter Corporate Governance bei Deka Investment in Frankfurt, der den neuen Porsche-Chef in den vergangenen Monaten mehrfach getroffen hat.

Aber es gibt weiter auch Skepsis an der Börse: Nur sechs von 28 Aktienanalysten, die Porsche bewerten, raten derzeit zum Kauf der Aktie. Ingo Speich von Deka spricht von einer Management-Gratwanderung, die Leiters hinbekommen müsse: „Er muss einerseits Härte zeigen und schnell handeln. Andererseits kann er Porsche nicht im Alleingang verändern, er muss die Mannschaft mitnehmen und ein Gespür dafür haben, wie weit er gehen kann.“
„Die Porsche-Mitarbeiter brauchen Klarheit“
Der erste Test, ob ihm das gelingt, sind die schwierigen Verhandlungen mit dem Porsche-Betriebsrat über das noch immer nicht beschlossene zweite Sparprogramm. Bereits im Sommer 2025 angekündigt, ist es bis heute nicht über die Ziellinie. „Bis zu den Werksferien im Juli wollen wir eine Vereinbarung mit den Arbeitnehmern erreichen, die Porsche-Mitarbeiter brauchen Klarheit“, sagt Leiters jetzt der F.A.S. Im Umfeld des Unternehmens ist von einem möglichen weiteren Abbau von weiteren 2000 bis 4000 Porsche-Arbeitsplätzen oder noch mehr die Rede. Leiters kommentiert das nicht.
Aber er sagt deutlich, dass Porsche zu stark auf E-Autos gesetzt und sich zu sehr darauf verlassen habe, dass sich das starke Absatzwachstum der Vergangenheit fortsetzen werde. In einigen Teilbereichen seien die Kapazitäten im Unternehmen auf jährliche Stückzahlen von bis zu 400.000 Autos geplant gewesen. Tatsächlich aber hat Porsche vor allem in China heftige Einbußen erlitten und im vergangenen Jahr nur noch knapp 280.000 Autos verkauft. „Wir planen für die Zukunft mit niedrigeren Kapazitäten“, sagt Leiters. „Porsche muss auch mit weniger Autos Geld verdienen.“
Er sei verblüfft gewesen, wie viel größer das Unternehmen geworden sei in den zwölf Jahren, in denen er weg war aus Zuffenhausen, berichtet Leiters. Er meint das nicht bewundernd. Die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen, findet er. Porsche-Kenner nennen unter anderem das als überdimensioniert geltende Entwicklungszentrum in Weissach bei Stuttgart als Problemfall.

Die Neuausrichtung ist auch deshalb heikel, weil Leiters bei Porsche Fehlentscheidungen seines Vorgängers Blume revidieren muss – der aber weiterhin den VW-Konzern führt, der Haupteigner von Porsche ist. Danach gefragt, lächelt Leiters nur. Er wundere sich, dass er darauf immer noch angesprochen wird, sagt er. „Die Zusammenarbeit mit Oliver Blume funktioniert ausgezeichnet.“
Sein Plan ist, bis Juli die schlechten Nachrichten endlich abzuräumen. Danach ist Aufbruch angesagt, der Hersteller erwägt einen neuen Sportwagen, der preislich oberhalb des Klassikers 911 angesiedelt ist. Die Einstiegsbaureihe 718, deren Zukunft als bislang ungewiss galt, soll erhalten bleiben, stellt er klar: „Wir wollen auch weiterhin neue Kunden an die Marke heranführen.“ Ob ein noch von Blume angeschobenes großes neues SUV oberhalb des Cayenne kommt, ist noch nicht entschieden. Klar ist aber: Um Kosten zu sparen, will er bei neuen Modellen mit der VW-Konzernschwester Audi kooperieren. „Wir wollen die Zusammenarbeit mit Audi wieder vertiefen, das ist eine große Chance für beide Seiten“, sagt Leiters.
Sein mit Abstand wichtigster Termin kommt im Herbst. Für Oktober plant Porsche einen Kapitalmarkttag, auf dem er seinen Zukunftsplan für Porsche vorstellen will. Mitarbeiter und Aktionäre sind gespannt. Ganz zum Schluss des Gesprächs in Zuffenhausen sagt Leiters etwas unvermittelt, dass er den Ausdruck Sportwagenschmiede gerne möge. Schmiede, das klinge nach Ärmel hochkrempeln, Schweiß und harter Arbeit, sagt er in seinem Essener Ruhrgebietsslang. Genau das, was Porsche jetzt brauche.
