Ernest Hemingway war Großwildjäger, Womanizer, Kubafreund und wie nebenher auch Weltliterat. An Büchern über ihn herrscht kein Mangel. Wie vorgeschobene Anlässe wirken darum sein 65. Todestag am 2. Juli und das Erscheinen des Debütromans „The Sun Also Rises“ (auf Deutsch: „Fiesta“) vor hundert Jahren, wenn sich Michael Kleeberg in seinem auf kein Genre festzulegenden Buch „Achilles in Taormina“ (das sich aber Roman nennt) dem ikonographischen amerikanischen Kollegen widmet, dessen klischeehaftes Draufgängertum ebenso wie sein schlackenloses Schreiben fest zementierte Wesensmerkmale sind.
Kleeberg, 1959 in Stuttgart geborener Wahlberliner mit längeren Stationen in Amsterdam, Rom und Paris, hat Proust, Huysmans und Dos Passos übersetzt und als Romancier abseits aller Moden ein ebenso umfang- wie facettenreiches Werk wachsen lassen. Zuletzt war in drei Bänden auf anderthalbtausend Seiten seine Anthropologie eines Jedermanns mit Namen Karlmann Renn von 1985 bis in die Corona-Zeit zu lesen – in einer Sprach- und Beobachtungsgenauigkeit, wie sie in der Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht. Wie ein Forscher hat Kleeberg seinen Durchschnittsmenschen untersucht und vermessen: in größter Opulenz und Wucht, dabei minutiös herauspräparierend, was jemanden antreibt, dem die Tröstungen der Kunst verschlossen bleiben. Dieses Psychogramm untermauerte Kleebergs Position als Solitär mit unverbrauchten Themen jenseits der Trends. In der Summe aus klug kommentierten Kreuz- und Querverweisen, an Stifter erinnernder rhapsodischer Breite und dann wieder punktgenauer Sentenz, insistierendem Sichfestbeißen im nur scheinbar Nebensächlichen ergab das etwas enorm Welthaltiges, zumal Kleeberg das Zusammenspiel von Eleganz und Präzision virtuos beherrscht.
Sex mit beiderlei Geschlecht
Diesmal aber ist da kein Durchschnittsmensch, sondern ein sehr besonderer, der den Tröstungen der Kunst selbst derart maßgeblich etwas hinzugefügt hat, dass er dafür 1954 den Literaturnobelpreis bekam. Es ist ein gewitzter Punch in Richtung eines gerade allzu sehr ausufernden autofiktionalen Schreibens hierzulande, wenn Kleeberg seinen eigentlichen Protagonisten, einen Hemingway-Forscher (dessen Biographie wesentlich von der des Autors abweicht), Dr. Michael Kleeberg nennt. Ihm verleiht er Kontur im ersten von sechs auseinander hervorgehenden und ineinander zurückdiffundierenden Büchern, die dann den Roman ergeben. Darin verbeißt sich einer immer obsessiver ins Thema Hemingway.

Der Generation seines Autors angehörend, hat es der Buch-Kleeberg zum Literaturprofessor in Amerika gebracht, der kurz vor der Emeritierung steht, aber noch einmal vor den Mitgliedern der Hemingway-Gesellschaft brillieren darf. Ansonsten ist er bei gutem Essen, Birdwatching, Alkohol und Sex mit beiderlei Geschlecht durchs Leben gestolpert, ohne wirklich hinzufallen. Er ist ein von Hemingway Besessener, der nach dem Abitur in Hamburg nach Nicaragua ging, das seinerzeit als heißer Nebenschauplatz des Kalten Krieges selbsternannte Guerilleros auf der Abenteuersuche anzog, obwohl ihnen die sozialistischen Ziele fremd blieben. Immerhin durchlebte der junge Roman-Kleeberg als Zaungast der Revolution eine erste folgenreiche Liebe. Und das Eintauchen in die Kriegswelt Hemingways.
Eine aus Zufällen konstruierte Handlung
Der jüdische Vater der Geliebten aber wollte keinen Deutschen im Haus und delegierte ihn zu einer Nachbarfamilie, die zum Glücksfall wurde. Bei der fast neunzigjährigen Agnes Stanfield kommt Dr. Kleeberg mitten im Hemingway-Leben an, denn sie war im Ersten Weltkrieg dessen erste Liebe und seine Pflegerin im Rotkreuz-Hospital in Mailand. Nicht nur in diesem Fall ist es so, dass greise Zeitzeugen bei der Befragung durch Dr. Kleeberg wie in einen Jungbrunnen fallen, aus dem heraus sie druckreif und hypervital erzählen. Jedenfalls wird der Deutsche fortan auf der Hemingway-Fährte so manchen kennenlernen, bei dem er das immer selbe Verfahren in Anschlag bringt, was in der Summe eine zu arg aus Zufällen konstruierte Handlung ergibt.
Doch die Handlung ist hier sekundär: Es geht um neue Aspekte aus Hemingways Leben, die Dr. Kleeberg in Michael Kleebergs Buch herauspräpariert – als Melange aus Verbürgtem und Fiktivem. Da stört es höchstens peripher, dass der Student Kleeberg für seinen universitären Einstieg einen Essay einreicht, der höchsten akademischen Anforderungen genügt und den Horizont der Figur weit übersteigt. Auch seitenlange originalsprachliche Passagen kommen eher als Bildungsgeklingel daher.
Das Buch ist trotzdem lesenswert. Sein Titel, „Achilles in Taormina“, umkreist den Kern der Sache. Das sizilianische Kleinstadtjuwel gilt als Paradies für Homosexuelle. Der Fotograf Wilhelm von Gloeden hatte hier der Antike nachgestellte Aktbilder von Männern gemacht, die diesen Mythos stärkten, und Hemingway war im Dezember 1918 zwölf Tage mit einem Freund dort. Dieser Aufenthalt ist ein Rätsel geblieben und der Ideenimpuls dieses Buchs, das von diesen Passagen an dem Konzept von Homosozialität nachforscht. Die hat nichts mit maskuliner Erotik zu tun, aber viel mit dem Leben als Mann. „Männerleben seien in hohem Maße über die Verhältnisse zwischen Männern organisiert“, weiß ein nach Italien gereister australischer Soziologe. Er redet nicht von Hemingway, wenn er vom großen Ganzen redet. Michael Kleeberg nimmt das Thema auf und redet von Hemingway leidenschaftlich, fesselnd, anregend und fiktional, als ob es so gewesen sein könnte. Und macht damit Lust darauf, Hemingway wieder und wieder zu lesen.
Michael Kleeberg: „Achilles in Taormina“. Roman. Penguin Verlag, München 2026. 336 S., geb., 28,– €.
