Der Spitzensport hat keine Lobby in Deutschland. Das muss man einschränken. Abgesehen vom Fußball hat der Spitzensport keine ausreichende Lobby in diesem Land. Woran man das ablesen kann in diesen Tagen? An der Präsenz des zum Heilsbringer des Fußballs erkorenen Jürgen Klopp und an der Position des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Der Dachverband des deutschen Sports, mit seinen gut 28 Millionen Mitgliedschaften der größte auf dem Planeten, steht wieder weit im Abseits.
Sauerland-Connection
Merz ist Herr im eigenen Haus. Merz kann wegschicken und berufen, wen er will. Den – auf seine Autonomie pochenden – Sport muss er nicht befragen. Aber eine kleine Vorabinformation unter Sportfreunden, die Olympische Spiele in Deutschland gerne zu ihrer gemeinsamen nationalen Sache erklären, hätte man als Zeichen des Respekts deuten können. Blieb aus. Jedenfalls sprach die Überraschung, die Ratlosigkeit in der DOSB-Zentrale in Frankfurt am Montag für eine Missachtung. Nicht zum ersten Mal.
Es ist nicht sicher, ob Friedrich Merz ein Sportfreund ist. Es ist nur sicher, dass er die Bedeutung des Fußballs kennt und Hans-Joachim Watzke, den Präsidenten des Fußball-Bundesligaklubs Borussia Dortmund und Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der Mann aus Brilon (Merz) und der Mann aus Marsberg (Watzke) pflegen eine Sauerland-Connection.

Sie kam zu dem Ergebnis, eine ehemalige Fußball-Nationalspielerin für die Kulturliebhaberin Schenderlein einsetzen zu wollen. Eine Fußball-Kennerin in Diensten der Europäischen Fußball-Union vor allem. Was – wer hätte das gedacht? – nicht gut ankommt in vielen Sportarten des DOSB. Sie müssen um jeden Cent kämpfen, damit sie zu den Spielen reisen können. Der große Fußball braucht keinen Euro vom Staat, um bestens leben, jedenfalls mit Millionen feuern und einstellen zu können.
Es könnte aber doch einen guten Grund geben für diese von einem früheren Regierungsmitarbeiter in der Spitzensportförderung als „Kampfansage“ interpretierte Idee. Etwa die Ablösung einer zum Verdruss manches Sportverbandsfürsten wenig sportaffinen Staatsministerin zugunsten einer Galionsfigur. Denn die sogenannte Sacharbeit wird ohnehin von der Sport-Abteilungsleiterin im Kanzleramt, Babette Kibele und ihrem Team, geleistet. Wie man hört, auch zur Zufriedenheit mancher Institution des Sports.
Warum also keine Persönlichkeit, die überzeugt auf der Bühne, die mitreißt ob ihrer Ausstrahlung und Bekanntheit, voranstellen? Eine Art Klopp des gesamten Sports, das wäre ein Coup. Das wäre eine Chance, mit Außenwirkung zu punkten, wo Präsenz im besten Sinne nötig wäre. Wer, wie der Kanzler, falls er fühlt, was er sagt, Olympische Spiele ins Land holen will, muss entweder selbst beim Internationalen Olympischen Komitee darum werben oder einen international bekannten Star mit Charisma ins Rennen schicken.
Von so einer Strategie kann, bei allem Respekt vor dem am Dienstag erweiterten Kandidatinnenkreis um eine Olympiasiegerin im Speerwerfen, aber nicht im Ansatz die Rede sein. Stattdessen führt das Spiel trotz aller Beteuerungen die Geringschätzung des Spitzensports abseits des Fußballs nicht nur in den Gedanken des Kanzlers vor Augen: Wenn es ein Besetzungstheater ums Verkehrsministerium gibt, scheint das Land in Gefahr. Wenn die Sportführung abserviert wird, bevor die Nachfolge fix ist, kräht kaum ein Hahn danach.
