Erinnern Sie sich? 1972 fanden die Olympischen Spiele in München statt. Und nur wenige Wochen danach brachte Mercedes-Benz im September die neue S-Klasse auf den Markt. Es war der erste große Mercedes, der offiziell diesen Namen trug. Das Programm der Stuttgarter war damals überschaubar. Neben der Oberklasse gab es die Strich-Acht-Reihe von 200 bis 280 E sowie die SL-Sportwagen. Heute umfasst das Portfolio mehr als zwanzig Baureihen, ein bemerkenswerter Wandel. Man mag jetzt einwenden, es gab ja noch den 600, den Über-Mercedes, von dem von 1964 bis 1981 immerhin 2677 Stück gebaut wurden. Doch der als Pullmann 6,24 Meter lange 600 lief außer Konkurrenz. So wie heute der Maybach.
Mercedes-Benz ist 140 Jahre alt. Die Pflege des Erbes gehört zum Selbstverständnis des Unternehmens. Das Museum in Stuttgart zählt zu den bedeutendsten weltweit. Seit 2006 kamen mehr als 14 Millionen Besucher, im vergangenen Jahr nahezu 950.000, mehr als die Hälfte aus dem Ausland. Rund 160 Fahrzeuge sind dauerhaft ausgestellt, ergänzt durch 1200 Automobile der hauseigenen Classic-Sammlung. Diese Bereiche sind seit 2023 unter der Mercedes-Benz Heritage GmbH gebündelt, zusammen mit dem Ersatzteilgeschäft für Old- und Youngtimer ab 15 Jahren sowie dem Classic Center in Fellbach. An der Spitze steht Marcus Breitschwerdt. Der Name hat in Stuttgart Gewicht. Sein Großonkel Werner Breitschwerdt führte in den Achtzigerjahren die Daimler-Benz AG. Der Neffe ist seit 1991 im Unternehmen und leitete zuletzt die Vansparte. Breitschwerdt gilt als Liebhaber historischer Automobile.
S-Klasse bleibt das Flaggschiff
Die Heritage GmbH arbeitet profitabel und ohne Zuschüsse des Konzerns. Vor allem das Classic Center wächst, mit Werkstatt, Handel und Gutachten. Die Nachfrage nach Expertisen steigt deutlich. Für besonders wertvolle Fahrzeuge können jene schon mal bis zu 45.000 Euro kosten. Das erscheint überschaubar, wenn es um Automobile wie den legendären 300 SL aus den Fünfzigerjahren geht, dessen Marktwert inzwischen häufig bei deutlich mehr als einer Million Euro liegt.
Das Flaggschiff der Marke aber ist und bleibt die S-Klasse. Für Breitschwerdt verkörpert sie wie kaum ein anderes Modell den Kern von Mercedes-Benz. Ingenieurskunst, die Suche nach der technisch besten Lösung und die Fähigkeit zum kultivierten Kompromiss prägen ihr Selbstverständnis. Die S-Klasse steht an der Spitze der jeweiligen Modellpalette. Die jüngst überarbeitete siebte Generation beginnt mit 110.000 Euro für den S350d. Zwei der sieben Varianten sind Plug-in-Hybride mit elektrischen Reichweiten von etwa 100 Kilometern. Bemerkenswert bleibt, dass in Deutschland weiterhin mehr als die Hälfte aller S-Klassen mit Dieselmotor ausgeliefert wird.

Die Bezeichnung S-Klasse wird 1972 offiziell eingeführt. Damals kostete ein 280 S 23.800 D-Mark, was viel Geld war. Technisch markierte das neue Luxusmodell als Nachfolger der Baureihe W108 einen deutlichen Fortschritt. Wichtige Neuerung war die Schräglenkerhinterachse. Spitzenmodell war der 350 SE mit V8 und aus heutiger Sicht bescheidenen 200 PS. Das Basismodell nutzte einen Vergasermotor mit 160 PS. Im 280 SE sorgte die Bosch-Einspritzung für 185 PS.
Zunächst gab es nur die kurze Version, aber schon 4,96 Meter Länge galten als großzügig und boten hohen Komfort. Alle Modelle hatten serienmäßig Schaltgetriebe, die Automatik kostete Aufpreis. Im März 1973 kamen die Spitzenmodelle 450 SE und 450 SEL hinzu. Jener bot einen um zehn Zentimeter längeren Radstand und mehr Platz im Fond. Sein 4,5 Liter großer V8 leistete 225 PS. Das Prinzip zweier unterschiedlicher Radstände hält Mercedes-Benz bis heute, inzwischen mit bis zu 5,30 Meter Fahrzeuglänge. Zur Legende wurde der 450 SEL 6.9 von 1975 mit seinem V8 und 285 PS.
Das erste Serienauto mit ABS
Fast in Vergessenheit geraten ist, dass die S-Klasse zugleich die erste Oberklasselimousine von Mercedes-Benz mit Dieselmotor war, zunächst für den amerikanischen Markt. Dort startete 1978 der 300 SD mit Fünfzylinder und 115 PS, der sich als erfolgreich erwies. Im selben Jahr hielt das Antiblockiersystem ABS Einzug. Die S-Klasse war das erste Serienautomobil weltweit mit dieser Technik. Als die Baureihe 1980 auslief, reichte die Preisspanne vom 280 S für 34.200 D-Mark bis zum Spitzenmodell für 81.300 D-Mark.

1980 folgte die Baureihe 126, während die 116er noch rund ein Jahr parallel weiterlief. Technisch änderte sich weniger, als die neue Karosserie vermuten ließ. Der 6.9 entfiel, aus dem 450 wurde ein 500, die Typenbezeichnung blieb hubraumtreu. Gestalterisch wirkte der W 126 sachlicher, nüchterner und aerodynamischer. Die Länge blieb nahezu gleich, insgesamt erschien die S-Klasse jedoch weniger repräsentativ als der W 116.
Die Baureihe blieb zwölf Jahre im Programm. Prägend war das S-Klasse Coupé als 380, 420, 500 und 560 SEC, das 1981 den SLC ablöste. Die Dieselmodelle für den US-Markt blieben im Programm. 1981 kam der Fahrerairbag, 1988 der Beifahrerairbag, ab 1987 die geregelten Katalysatoren. 1985 überschritten 560 SEL und 560 SEC erstmals die Schwelle von 100.000 D-Mark. Der 500 SEL blieb mit deren 83.900 günstiger, erst 1990 zog er nach. 1991 debütierte die Baureihe W 140. von dem nur der 300 SE weniger als 100.000 D-Mark kostete.

Geteilte Meinungen
Die öffentliche Debatte war entsprechend heftig, in der F.A.Z. schrieb man: „Ein Schiff wird kommen“. Vielen galt der neue Mercedes als zu groß, zu schwer und zu repräsentativ. Für zusätzlichen Spott sorgte zunächst, dass der Wagen zu breit für die Bahnverladung nach Sylt war. Erst später schufen einklappbare Außenspiegel Abhilfe. Leitmodell wurde der 600 SE mit sechs Liter großem V12 und 408 PS. Fast 200.000 D-Mark kostete die Limousine. Einen Zwölfzylinder in einem Serien-Mercedes hatte es zuvor nicht gegeben, ebenso nicht den Diesel in einer S-Klasse in Deutschland. Jener hieß 330 SD.
Im 600 debütierte 1995 erstmals das Elektronische Stabilitätsprogramm ESP, eine Technik, die heute ebenso selbstverständlich ist wie ABS. Das Coupé blieb Teil des Programms und wurde auch als 600 SEC angeboten. Wer heute mit je einem Exemplar der ersten drei Generationen unterwegs ist, erlebt, wie souverän und modern gut gepflegte S-Klassen noch wirken. Der 350 SE ist ein Statement aus einer Zeit, in der Luxus zurückhaltender definiert wurde.
Das Lenkrad war nicht verstellbar, statt eines Drehzahlmessers dominierte eine große Zeituhr. Der W 126 wirkte schon moderner, etwa mit per Knopf in der Mittelkonsole einstellbarem rechten Außenspiegel. Im 600 SEL war man in der automobilen Neuzeit angekommen. Doppelverglasung sorgte für Ruhe, der V12 arbeitete nahezu lautlos. Die W140-Modelle sind heute geeignet für H-Kennzeichen.
EQS-Absatz bleibt hinter Erwartungen zurück
Die nächste Generation erschien 1998, rund 200 Kilogramm leichter und mit Zylinderabschaltung. Die fünfte Generation brachte erstmals einen Vierzylinder in die S-Klasse. Spätere Generationen experimentierten mit Coupé und Cabriolet, bevor diese wieder entfielen. Der V12 bleibt heute dem Maybach und gepanzerten Guard-Versionen vorbehalten. Als elektrische Interpretation gilt der EQS, der technisch eigenständig ist. Sein Absatz bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück, während die klassische S-Klasse in keiner Generation unter 400.000 Einheiten fiel.
Die zweite Generation ist mit 818.036 Exemplaren die erfolgreichste. Insgesamt wurden mehr als drei Millionen S-Klassen verkauft. Am Ende setzt sich eben durch, was Substanz hat und seinen Preis im Auge der Kundschaft rechtfertigt.
