Was bleibt von einem Leben, wenn fast alle Details, die es für gewöhnlich ausschmücken, keine große Rolle mehr spielen? Barberie Bichette ist fünfundfünfzig Jahre alt und lebt in Paris. Sie arbeitet in einer Agentur, ist geschieden, hat zwei so gut wie erwachsene Kinder – und mehr ist über die Matrix ihres Lebens auch nicht zu erfahren. Was genau ihre Rolle in der Agentur ist? Nicht so wichtig. Warum sie geschieden wurde? Sei’s drum. Und was ihre Kinder, insbesondere die Tochter, dazu bewogen haben mag, die Mutter mitleidlos zu meiden, wird in dem Film „Mein Leben, mein Ding“ nicht erzählt.
Dabei dreht sich der Film ausschließlich um die Figur dieser „Barbie“ genannten Frau, die sicher nicht aus heiterem Himmel, aber wohl doch aus ganz gewöhnlichen Gründen den Halt verliert. Eine Krise in der Lebensmitte ist ein verbreitetes Schicksal und Barberie eine nicht nur in dieser Hinsicht normale Frau. Jetzt sitzt sie vor einem leeren Bildschirm und prokrastiniert bei der Suche nach einer passenden Schrifttype. Sie trägt eine Lesebrille mit abgebrochenem Bügel und lügt, wenn sie gefragt wird, ob sie heute schon beim Sport war. Wenn sie allein ist, spricht sie mit ihrem Spiegelbild darüber, dass sie jetzt mit sich selbst spricht – und dass sie das irgendwie beruhigend findet, auch wenn diese Gespräche nirgendwo hinführen und nichts besser machen.
Im Gegenteil macht Barberie, die von der großartigen, in Deutschland nicht sehr bekannten, in Frankreich aber gefeierten Agnès Jaoui gespielt wird, bei ihrem Versuch, das Leben wieder zu fassen zu kriegen, natürlich erst mal alles schlimmer. Es ist ihr nicht mehr möglich, Dinge einfach geschehen zu lassen und Begegnungen als das zu nehmen, was sie meistens sind – Zufälle ohne Bedeutung. Sie ist derart verunsichert, dass sie bereit ist, in allem und jedem ein Zeichen zu sehen, ein gutes oder schlechtes, witziges oder trauriges. Das Drehbuch von Sophie Fillières nutzt diese heikle Disposition, um Barberie mit einer Reihe von Begegnungen zu konfrontieren, die den ganzen Film wie ein Fähnchen im Wind vom Komödiantischen ins Tragische wehen zu lassen und wieder zurück.
Einen schönen Spiegel hält Barberie etwa eine andere ältere, im Bus gegenübersitzende Dame vor, die ihr ungefragt erzählt, dass sie bald auf Hochzeitsreise nach Sri Lanka fliegen werde, wo es doch Kanarienvögel gebe, oder? Barberie nickt beflissen und trägt der Dame das gute halbe Dutzend Taschen nach Hause, was sie ihrem Therapeuten hinterher nicht mehr erklären kann. Wunderschön, weil zart und zerbrechlich ist auch die Begegnung mit einer anderen Patientin in der psychiatrischen Klinik, auf deren Dachterrasse sich die beiden die verlorene Zeit mit einem imaginierten kühlen Bier vertreiben.
Keine Kameraeinstellung, in der Agnès Jaoui nicht zu sehen wäre
Ein Geschenk, allerdings eines, das Barberie als solches nicht erkennen kann, ist schließlich die Begegnung mit Bertrand – einem Mann, der in ihr etwas wiedererkennt, was sie nicht mehr zu sehen vermag. Denn Bertrand kennt Barberie noch aus jenem bretonischen Dorf, in dem er und sie als Kinder einst die Sommerferien verbrachten. Er hätte etwas zu sagen über den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, aber Barberie hört lange nicht hin. „Ich bin nicht mehr die Frau, die ich auch damals nicht war“, meint sie und hält stur an ihren Zweifeln fest.
Das alles wäre zum Heulen, wenn die 1964 geborene, in Frankreich mit mehreren Césars ausgezeichnete Agnès Jaoui ihre Figur nicht so geschmeidig in der Schwebe zwischen Wahnsinn und Witz halten würde. Der Film, den die im Sommer 2023 verstorbene Regisseurin Sophie Fillières kurz vor ihrem Tod noch abdrehen konnte und den ihre beiden Kinder posthum für sie fertigstellten, konzentriert sich unbeirrt auf seine einzige Heldin. Keine Kameraeinstellung, in der Agnès Jaoui nicht zu sehen wäre. Manchmal hält die Kamera von Emmanuelle Collinot taktvoll Abstand zu ihr. Immer wieder blickt sie peinlich genau hin, wenn Barberie die Grenzen zur Fremdscham überschreitet.
Agnès Jaoui weiß mit dieser Aufmerksamkeit exzellent umzugehen. Sie nimmt sie auf wie einen Ball, den sie manchmal fallen lässt – dann liegt ein verzweifeltes Unverständnis auf ihrem Gesicht. Und den sie zuweilen zurückspielt – dann blitzt ein zur Ironie begabter alter Kampfgeist in ihr auf. Ihre Barberie ist eine schwer zu ertragende Eigenbrötlerin und zugleich eine unter vielen. Besonders gut, sagte Agnès Jaoui in einem Interview, habe ihr selbst in diesem Film jene Szene gefallen, in der Barberie halbnackt vor dem Spiegel steht und versucht, möglichst kunstvoll ein Handtuch um den halb aus der Form geratenen Körper zu drapieren. Es gehe darum, sich „an sich selbst zu gewöhnen“. Der Film zeigt, warum das schwierig ist und wie es doch, na ja, gelingt.
