Unter all den lächelnden Gesichtern auf der Internetseite der Frankfurter Marketingagentur Keko ist auch das von Patrick Klein. Seit mehr als drei Jahren arbeitet der Sechsundfünfzigjährige dort im Backoffice und am Empfang. Für Agenturchef Carsten Menge war die Einstellung in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Denn der Mitarbeiter, den er von einer Behindertenwerkstätte übernommen hat, tue dem Unternehmen gut. Es werde in der Belegschaft achtsamer miteinander umgegangen. Vorurteile würden sichtbar und könnten abgebaut werden. Bei manchen gehe das schneller, bei anderen dauere es länger. Entscheidend sei, dass Begegnung im Arbeitsalltag stattfinde.
„Inklusion, ja oder nein?“ Diese Frage stelle sich in einem modernen Unternehmen nicht, sagt Menge. Auch wenn man eventuell umdenken müsse: „Man kann Stellen nicht eins zu eins besetzen.“ Aber es könnten Lösungen gefunden werden, die für den Kandidaten wie für das Unternehmen passten. Für Menge ist das der Anfang einer Veränderung, von der aus seiner Sicht das gesamte Unternehmen profitiert.
Dass sich das sogar in Zahlen zeigen kann, belegt eine kürzlich vorgelegte Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW): Unternehmen, die zwischen 2020 und 2022 erstmals inklusive Maßnahmen in ihrer Arbeitsorganisation eingeführt haben, erzielten im Durchschnitt einen rund 6,2 Prozent höheren Umsatz und beschäftigten etwa 4,7 Prozent mehr Mitarbeiter als vergleichbare Unternehmen.
Es geht nicht nur um Menschen mit Behinderung
Allerdings ging es bei den Erhebungen nicht nur um die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, sondern auch um diversere Teams durch die Integration von Migranten und die Erhöhung des Frauenanteils. Die ZEW-Analyse basiert auf Daten des Mannheimer Innovationspanels. Untersucht wurden 1692 Unternehmen, davon 89,7 Prozent kleine und mittlere Unternehmen.
Dabei ging es um inklusive Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, flexible Lebensarbeitszeitmodelle für ältere Beschäftigte, Mentoring-Programme zur Geschlechtergleichstellung und Brückenpraktika für Geflüchtete. Besonders deutlich wurde nach Angaben der Wissenschaftler der Zusammenhang bei Unternehmen, die solche Maßnahmen erstmals einführten. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass inklusive Arbeitsorganisation nicht nur gesellschaftlich relevant ist, sondern auch mit dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen zusammenhängt“, sagt Linus Strecke aus dem ZEW-Forscherteam. Unternehmen könnten durch die aktive Einbindung unterschiedlicher Beschäftigtengruppen bis dahin ungenutzte Kompetenzen erschließen.
Die Zahlen sind nach Angaben der Forscher aber kein Beweis dafür, dass jede einzelne Inklusionsmaßnahme automatisch den Umsatz steigert. Doch es seien Zusammenhänge ersichtlich, und der wirtschaftliche Effekt beginne nicht erst bei der Umsatzentwicklung. Beschäftigte, die sich akzeptiert und wertgeschätzt fühlen, arbeiten nach verschiedenen Untersuchungen besser zusammen, bleiben einem Unternehmen eher verbunden und bringen ihre Erfahrungen eher ein.

Giuseppe Rondinella vom Serviceunternehmen Sodexo beschreibt Chancengleichheit und Teilhabe als Faktoren, die Motivation, Zusammenarbeit und Bindung an das Unternehmen fördern können. „Das ist für uns nicht nur eine gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor“, sagt er. Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen, Erfahrungen und Perspektiven bereicherten die Teams, stärkten die Innovationskraft und könnten helfen, flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Deshalb engagiere sich Sodexo an vielen Standorten, wie bei Lilly in Bad Homburg, für Chancengleichheit und Teilhabe, etwa durch die Zusammenarbeit mit Werkstätten für Menschen mit Behinderung oder durch die Ausbildung und Integration von Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte. „Für viele sind wir der erste Arbeitgeber.“
Eine diverse Belegschaft allein reicht nicht
Allerdings reiche eine diverse Belegschaft allein nicht. „Entscheidend ist, Diversität gezielt in betriebliche Abläufe und Innovationsprozesse zu integrieren“, sagt Bastian Krieger, Leiter der Nachwuchsforschungsgruppe beim ZEW. Die unterschiedlichen Erfahrungen müssten dort ankommen, wo Entscheidungen getroffen werden. Für Unternehmen könne das zunächst Aufwand bedeuten. Arbeitsabläufe müssten angepasst, Kommunikationswege neu gestaltet oder technische Hilfsmittel angeschafft werden. Der mögliche Gewinn liege aber in einer höheren Produktqualität, einem besseren Verständnis der Anliegen der Kunden und in der Fähigkeit, Fehler früh zu erkennen.
Im Untersuchungszeitraum führten 19 Prozent der vom ZEW betrachteten Unternehmen mindestens ein inklusives Angebot in ihrer Arbeitsorganisation ein. Häufig richteten sich diese an ältere Beschäftigte: 9,3 Prozent der Unternehmen setzten Entsprechendes um. Es folgten Angebote zur Integration von Migranten mit 8,5 Prozent, solche für Menschen mit Behinderung führten 4,3 Prozent der Unternehmen ein, zur Geschlechtergleichstellung 3,1 Prozent.
Kleine und mittlere Unternehmen führten im Untersuchungszeitraum vergleichsweise häufig erstmals inklusive Maßnahmen ein und holten damit gegenüber Großunternehmen auf. Die hatten entsprechende Aktivitäten oft schon vor 2020 etabliert. Das liegt offenbar daran, dass kleine Unternehmen weniger Personal, geringere finanzielle Spielräume und oft keine eigene Stelle für Barrierefreiheit oder Förderanträge haben.
Gerade sie können wegen des Fachkräftemangels jedoch profitieren. Programme wie „Wirtschaft integriert“ des Landes Hessen setzen deshalb auf die Verbindung von motivierten Zuwanderern, engagierten Unternehmen und professioneller Begleitung. Zum zehnjährigen Bestehen des Programms wurde kürzlich mehrfach darauf hingewiesen, wie vielen Unternehmen das genützt habe. Oft hatten sie zuvor vergeblich Mitarbeiter gesucht.
Die Studie belegt zwar nicht, dass Inklusion allein den wirtschaftlichen Erfolg verursacht, liefert aber einen Hinweis: Unternehmen, die inklusive Arbeitsorganisation neu einführen, entwickeln sich bei Umsatz und Beschäftigung im Durchschnitt besser als vergleichbare Unternehmen.
Bei Keko steht nach den Worten von Menge nicht der finanzielle Erfolg im Mittelpunkt, sondern es geht auch um gesellschaftliche Verantwortung: „Ich wünsche mir eine tolerante und aufgeschlossene Gesellschaft. Egal ob es um körperliche oder geistige Beeinträchtigung geht, religiöse oder sexuelle Orientierung oder was auch immer“, sagt der Agenturchef. Jedes Unternehmen könne dazu einen Teil beitragen. Menge jedenfalls hat es getan.
