Es gibt Instrumente, die lassen sich in einer Hand halten. Das Akkordeon hingegen liegt in den Armen seines Spielers. Mit Gurten am Rücken befestigt, bedeckt es den kompletten Oberkörper. An einem Mittwochabend tragen, rollen und schieben 18 Musikerinnen und Musiker ihre Instrumentenkoffer in den Probenraum des Frankfurter Orchesters „Akkordeana“. In einem Klassenzimmer des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums, in dem zuletzt noch eine sechste Klasse an der Tafel Prozentrechnen geübt hat, werden jetzt Stühle gerückt. Jede Woche kommt hier die Gruppe aus Menschen zwischen 29 und 82 Jahren zusammen.
Die „Akkordeana“ hat sich 1949 gegründet. Zwei- bis dreimal im Jahr gibt das Orchester in Frankfurt und Umgebung Konzerte. Gespielt werden dabei sowohl Arrangements sinfonisch-klassischer Werke wie Antonín Dvořáks Neunte Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ als auch moderne Stücke wie die Filmmusik von „Fluch der Karibik“. Bei der Probe an diesem Abend steigen die Musiker mit einem Medley aus Leonard Bernsteins „West Side Story“ ein. Songs wie „Cool“ und „America“ erwachen zum Leben, auch ganz ohne die üblichen Register eines Sinfonieorchesters. Die Gruppe will mit ihrem Repertoire vor allem eines beweisen: die Vielseitigkeit ihres Instruments.
In der „Akkordeana“ groß geworden
Manch ein Zuhörer sei nach einem Konzert überrascht, wie ein Akkordeonorchester klingen kann – nämlich so gar nicht nach Volksmusik, erzählt Uschi Rühr. Sie hat in ihrem Leben vermutlich schon mehr Konzerte mit der „Akkordeana“ bestritten, als ihr Instrument Tasten hat: 1958 trat sie dem Orchester bei, heute ist sie 81 Jahre alt – wobei sie mit ihrem roten Pagenkopf bedeutend jünger aussieht.
Die Geschichte, wie sie zum Akkordeon kam, ist schnell erzählt: „Nach dem Krieg war das Klavier kaputt.“ Freunde der Familie besaßen ein Akkordeon, auf dem sie als Kind ständig herumklimperte, bis die Mutter ihr schließlich ein eigenes kaufte. Als Jugendliche trat sie der „Akkordeana“ bei. Damals war der Verein so groß, dass es eigene Kinder- und Jugendgruppen sowie ein Solistenensemble gab. In den Ferien führten sie Reisen in die Schweiz oder nach Ungarn – das sei zur Zeit des Eisernen Vorhangs eine Sensation gewesen. „Die ‚Akkordeana‘ ist für mich zu einem Familienersatz geworden“, sagt Rühr. Auch ihr inzwischen verstorbener Mann spielte jahrzehntelang an ihrer Seite im Orchester.

Rühr ist in dem Orchester groß geworden, hat unter allen Dirigenten der letzten Jahrzehnte gespielt. An der aktuellen Dirigentin Stefanie Hazenbiller schätzt Rühr vor allem ihre Zugewandtheit und Geduld. Hazenbiller übernahm die Leitung 2014. Damals war sie 22 Jahre alt und studierte Musikpädagogik in Wiesbaden. Heute arbeitet sie als Lehrerin und freischaffende Musikerin im Rhein-Main-Gebiet. Mit zehn Jahren hat sie angefangen, Akkordeon zu spielen, und war sich schon nach zwei Jahren sicher, dass sie Musik studieren möchte. An ihrem Instrument begeistert sie, dass sie alles darauf spielen kann: „Egal ob modern, poppig, Rock, Metal oder Klassik.“
Das Orchester ist sehr ähnlich wie ein klassisches Sinfonieorchester aufgebaut. Analog zu ersten, zweiten Geigen, Bratschen und Celli gibt es vier Stimmgruppen. Was die Musikerinnen und Musiker bei ihrem Spiel dabei nicht verwenden, ist das, was dem Akkordeon seinen Namen gibt: die sogenannten Bass-Knöpfe, mit denen sie Akkorde erzeugen. Stattdessen übernehmen mehrere Musiker mit speziellen Akkordeons die tiefen Töne.

Zu den „Bass-Musikern“ gehört Jutta – ihren Nachnamen möchte die Sechsundsechzigjährige nicht in der Zeitung lesen. Die Gurte ihres Akkordeons lassen nicht viel Bewegungsfreiheit zu. Trotzdem scheint sie mit ihren Schultern und dem Kopf im Rhythmus zu tanzen. Sie spiele jeden Tag in einem anderen Orchester, erzählt sie. Sie sei in den Achtzigerjahren aus dem Saarland hergezogen und wolle jetzt wegen der Orchester nicht mehr gehen. Für die Rente habe sie sich vorgenommen, nur noch Musik zu machen.
In einem anderen Orchester spielt Jutta Euphonium, eine Art kleine Tuba. Auch das mache ihr Spaß, doch Akkordeonspielen sei mehr als das, sagt sie: „Das Akkordeon ist mein Leben. Mit dem Musizieren im Orchester höre ich auf, wenn ich vom Stuhl falle.“ In der „Akkordeana“ spielt sie seit etwa einem Jahr. „Sie ist unser Küken“, ruft einer ihrer Mitspieler von der Seite.
Im Jahr 2026 wurde das Akkordeon von den Landesmusikräten in Deutschland zum „Instrument des Jahres“ gewählt, etwas, was die Musiker der „Akkordeana“ an diesem Abend öfter stolz erwähnen. Uschi Rühr sagt, das Interesse am Akkordeon steige langsam wieder. „Es ist eben nicht nur eine ‚Quetschkommode‘“, sagt Rühr. Sie vergleiche es immer mit einer Gitarre: „Da kann ich auch schrum-schrum drauf machen oder eben klassische Gitarre spielen.“ Heute, sagt sie, werde das Instrument ernster genommen.
Bei der Probe der „Akkordeana“ atmen die Musikerinnen und Musiker miteinander und mit ihren Instrumenten im Takt. Durch das Auf- und Zuziehen ihrer „Bälge“, der Balg ist das faltige Mittelstück des Akkordeons, füllt sich das Klassenzimmer an diesem Abend mit Klängen. Dadurch wird nicht allein die Liebe zu ihren Instrumenten sicht- und hörbar, sondern vor allem die Freude am gemeinsamen Spiel.
