Ein kurzer Einwurf zur kurzen Verständigung darüber, warum wir uns Spitzenkandidaten vor einer Landtagswahl im Fernsehen bei einer sogenannten Debatte anschauen. Eigentlich nicht, weil wir ihre Krawattenfarben-Präferenz oder Tattooauswahl bestaunen oder ihre Mienen, Gesten und Rumpfbewegungen studieren wollen. Es geht am Ende, wenn wir ehrlich sind, auch nicht um ein Interesse an ihrer Fachkompetenz oder sachpolitischen Überzeugungskraft – wer sich dafür interessiert, der verfolgt besser Plenardebatten im Landtag oder liest sich durch Strategiepapiere.
Nein, wir schauen solche Elefantenrunden in erster Linie, um uns einen Eindruck von den rhetorischen Fähigkeiten des politischen Spitzenpersonals zu verschaffen. Um zu überprüfen, ob sie jenseits der 20 Sekunden, die sie inzwischen reflexhaft in alle möglichen Handykameras quatschen, auch noch in der Lage sind, einen schwierigeren Gedankengang mithilfe von Haupt- und Nebensätzen im Zusammenhang darzustellen und einem sachfremden Publikum zu vermitteln. Darum geht es in erster Linie: um die Frage, wie einer spricht beziehungsweise sprechen kann. „Die ist rhetorisch geschickt“ lautet dann das Urteil oder: „Der trifft immer den falschen Ton.“
Vorsichtsmaßnahme gegen Ko-Referate
Um zu so einer Einschätzung zu kommen, braucht es Anschauungsmaterial, das weder die Ausschusssitzung noch der Wahlkampfauftritt liefert. Deshalb Fernsehdebatte. Deshalb zum Beispiel die Wahlarena im MDR. Um 21 Uhr stellen sich die Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten der sachsen-anhaltinischen Wahl unterschiedlichen Fragen aus dem Publikum. Dazu stehen die anwesenden Repräsentanten des Volkes jeweils kurz auf und bekommen von den Moderatoren ein Mikrofon vor den Mund gehalten. Dass sie es nicht selbst in die Hand nehmen dürfen, ist eine Vorsichtsmaßnahme gegen ausufernde Ko-Referate. So weit, so nachvollziehbar.

Dass dann aber das Wort, das an diesem Abend am häufigsten fällt, das Adjektiv „kurz“ ist – „könnten Sie sich kurzfassen“, „sich kurz vorstellen“, „das kurz kommentieren“, „darauf kurz antworten“, „noch kurz eine Videofrage einspielen“ –, enerviert gewaltig. Wie viel Zeit, fragt man sich, hätten sie am Ende gespart, wenn sie überall das „kurz“ weggelassen hätten. Nicht nur die Moderatoren leiden am „Kurz“-Tourette, auch die Politiker schieben ihren Redebeiträgen andauernd voraus, dass sie etwas kurz und knapp, schnell oder „in zwei Sätzen“ sagen wollen. Man will ihnen zurufen: Hört auf mit dieser ostentativen Verkürzungsmanie, hört auf, immer alles so kurz zu machen. Die Lage ist ernst. Nehmen wir sie dadurch ernst, dass wir uns aussprechen lassen – was eben nicht nur heißt, einander nicht zu unterbrechen, sondern auch uns gegenseitig länger zuzuhören.
Wunsch nach poetischerer Rede
Man wünscht sich nach dem vierundsechzigsten Sommerinterview, der achtunddreißigsten Elefantenrunde eine schönere oder schärfere, aufregendere, angriffslustigere, pathetischere oder sogar poetischere Rede – nur keine kurze. Nur nicht noch einmal die Ansage: „Bitte um kurze Antwort“. Das nervt. Das unterfordert. Das treibt uns in die Arme der Retro-Populisten, die Günter Gaus’ Interviews zum nationalen Kulturgut erklären.
Ernsthaft: Wenn am Ende von einer Elefantenrunde vor allem in Erinnerung bleibt, dass sie kurze Fragen und kurze Antworten zu bieten hatte, dass alles besonders schnell über die Bühne ging und knapp zusammengefasst wurde – dann ist das ein armseliges Ergebnis. Da nützt dann auch der größte Stolz auf die Faktenchecks nichts – denn die KI kann das Kurze sicherlich noch kürzer prüfen und zusammenfassen. Politiker sind auch Menschen, heißt es ja manchmal vorwurfsvoll, wenn ihre Fehler zu sehr betont werden. Ihr Menschsein könnten sie aber auch durch eine ausgefallene, überraschende, impulsive Rede herausstellen. Die dürfte dann zur Abwechslung sehr gerne auch einmal sehr lang sein.
