Es war ein Satz, der wieder mal zeigte, wem seine Loyalität gehört: Der neue Weltmeister fährt für das UAE Team Emirates-XRG, ist einer der verlässlichsten Helfer von Tadej Pogačar – und hat nach einem der spannendsten und spektakulärsten WM-Rennen der vergangenen Jahre nun ausgerechnet ihn als Weltmeister abgelöst. „Ich wusste, dass etwas passieren könnte, aber dafür hätte es ein Wunder gebraucht“, sagte der frisch gekürte Sieger im Ziel: „Und ich glaube, heute ist ein Wunder geschehen.“
Unter normalen Umständen hat jemand wie Brandon McNulty fast keine Chance auf den Sieg, wenn die Besten der Welt in einem Eintagesrennen am Start stehen und ihre Stärken voll ausspielen können. Aber die WM ist kein normales Rennen. Sie ist Radsport in seiner wildesten Form. Radsport zum Fingernägelkauen. Radsport für Fahrer wie Brandon McNulty.
Der Herrscher über das Chaos
Das liegt im Wesentlichen an zwei Charakteristika, die dieses Rennen von allen anderen unterscheiden. Es gibt keinen Funk. Und es gibt nicht die gewohnten Teamstrukturen. Hierarchien werden aufgebrochen. Wo sonst Kontrolle ist, herrscht Chaos. Und in diesem Jahr, in dem Pogačar wegen seines Sturzes bei der Vuelta a España fehlte, gab es besonders viel Spielraum dafür.
Als die Fahrer noch 100 von mehr als 270 Kilometern zurückzulegen hatten, wurde aus dem Rennen ein ständiger Schlagabtausch der Favoriten. Minütlich gab es Attacken. Minütlich änderten sich die Konstellationen. Minütlich mussten die Fahrer mit dem Puls am Anschlag Fragen in ihrem Kopf beantworten: Wen kann man ein paar Meter wegfahren lassen? Wann setzt man nach? Und vor allem: Wer soll nachsetzen?
Wer neben guten Beinen über ein ausgeprägtes taktisches Verständnis verfügt, ist in so einem Rennen im Vorteil. Und an diesem Tag ist es McNulty, der nach etlichen Angriffen 33 Kilometer vor dem Ziel den besten Riecher hat. „Das war reiner Instinkt. Ich wusste aus meiner langjährigen Erfahrung hier, dass die Fahrer, sobald die Gruppe kleiner wird und die Ermüdung einsetzt, dazu neigen, zu zögern und sich gegenseitig anzusehen“, sagt der spätere Sieger im Ziel. McNulty liegt richtig. Er hat sich die perfekte Stelle ausgesucht. Als guter Zeitfahrer attackiert er auf einem flachen Abschnitt. Weil an den Anstiegen jeder mit Angriffen rechnet.
Er ist in diesem Rennen nicht der Stärkste. Doch er fährt am cleversten. McNulty gewinnt an Vorsprung, weil sich hinten niemand für die Konkurrenz in den Wind begeben will. Die Gruppe um die Favoriten attackiert sich am laufenden Band. Sie kommt immer mal wieder näher, hat McNulty einmal sogar in Sichtweite.
Simmons und Jorgenson verhelfen McNulty zum WM-Sieg
Doch dann profitiert der US-Amerikaner wieder von der Uneinigkeit der Verfolger und von etwas, über das die anderen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verfügen: Teamkollegen. Seine Landsleute Quinn Simmons und vor allem Matteo Jorgenson stören die Nachführarbeit. Und am Ende wirkt es fast ein bisschen zu kitschig: Ein Fahrer, der sich das ganze Jahr über für andere aufopfert, gewinnt dieses Rennen wahrscheinlich nur, weil ein anderer bereit ist, sich für ihn zu opfern – obwohl die Chance, Weltmeister zu werden, für alle zum Greifen nah ist.

Es ist nicht nur das Chaos, das McNulty an diesem Tag zum Sieg verhilft. Es ist auch das Teamwork dieser starken amerikanischen Mannschaft, die viele gute Fahrer, aber keinen Superstar in ihren Reihen hat. „Das ist vielleicht mein stolzester Sieg“, sagt Jorgenson, der sonst als Edelhelfer für Jonas Vingegaard und Wout van Aert unterwegs ist.
Es ist in jedem Fall auch McNultys größter Sieg. Sein bestes Ergebnis bei einem Eintagesrennen hatte er 2025 am gleichen Ort beim Grand Prix Cycliste de Montréal eingefahren, als er den Zielstrich schon mal als Erster überquerte. Doch damals war etwas anders: Diesen Erfolg bekam er geschenkt von Pogačar, der ihm den Vortritt ließ.
Der Slowene ist ein Dominator, der seine Domestiken bei Laune halten kann. Dem „König von Montreal“, wie er ihn nannte, gratulierte er unmittelbar nach dessen Triumph. Auch Pogačar weiß, dass McNulty nicht nur ein guter, sondern wahrscheinlich sogar ein sehr guter Rennfahrer ist, der in anderen Teams häufiger die Möglichkeit bekommen würde, sich zu zeigen und ein gutes Ergebnis einzufahren.
Aber schon jetzt spricht vieles dafür, dass sich so eine große Chance wie in Montreal so schnell nicht wieder bieten wird. Wahrscheinlich war sie einmalig. McNulty ist noch bis 2030 an sein Team gebunden. Dort wird er auch in den nächsten zwölf Monaten vor allem als Helfer dienen, das Ego hinten anstellen, anderen den Vortritt lassen müssen. Und doch ergibt sich ein ganz neues Bild: Es wird der Weltmeister im Regenbogentrikot sein, der dann vorne im Wind fährt – daran wird man sich erst gewöhnen müssen.
