
In den ersten Tagen waren die Warteschlangen endlos. Menschen verbrachten in Spanien vor den Behörden die Nacht auf der Straße, um am nächsten Morgen ihren Antrag einzureichen. Mehr als eine halbe Million Migranten hoffen darauf, durch die größte Massenlegalisierung seit zwei Jahrzehnten eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Zum siebten Mal baut das südeuropäische Land Einwanderern eine Brücke in die Legalität. Mehr als 1,2 Millionen Menschen profitierten in der Vergangenheit von diesen Programmen.
Spanien braucht die Migranten. Bischöfe ebenso wie Unternehmer verteidigen die „Regularización masiva“ der linken Minderheitsregierung gegen Kritik der rechten Opposition. Zusammen mit Hunderttausenden Spaniern hatten sie die sogenannte Volksgesetzinitiative unterstützt, die zu der jüngsten Legalisierung führte.
Der Arbeitgeberverband CEOE hält sie für „notwendig“, denn Baugewerbe, die Landwirtschaft, Gastronomie und die Hotellerie benötigten dringend Mitarbeiter. Laut dem landwirtschaftlichen Branchenverband COAG konnten wegen fehlender Arbeitskräfte schon Ernten nicht eingebracht werden. In der Pflege fehlen rund 160.000 Kräfte. Die in der Vereinigung Confebús zusammengeschlossenen Transportunternehmen suchen Tausende Bus- und Lkw-Fahrer.
Besonders in den Urlaubsorten wächst der Bedarf
Im vergangenen Jahr besetzten Ausländer fast die Hälfte der neu geschaffenen Arbeitsplätze. Besonders an den Urlaubsorten wächst der Bedarf: In diesem Jahr könnten zum ersten Mal mehr als 100 Millionen Touristen nach Spanien reisen. Laut Experten sind bis zum Jahr 2050 jährlich mehr als 200.000 Migranten nötig, um Wachstum und Sozialstaat in Spanien aufrechtzuerhalten. Studien der Universitäten Pompeu Fabra und Carlos III. schätzen, dass jeder legalisierte Migrant im Durchschnitt bis zu 4000 Euro mehr an Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen einzahlt, als er an staatlichen Leistungen in Anspruch nimmt.
Dass sie dabei den Einheimischen keine Arbeitsplätze wegnehmen, zeigt die Arbeitslosenquote, die nach 18 Jahren zu Jahresbeginn unter zehn Prozent sank. Spanier finden inzwischen mehrheitlich in Branchen mit höherer Wertschöpfung Beschäftigung, während Migranten – oft körperlich anstrengendere – Arbeiten mit geringeren Qualifikationsansprüchen und niedrigerer Bezahlung übernehmen. Nach Ansicht des Thinktanks Funcas hat ihr Zustrom wesentlich zum Wirtschaftswachstum von 2,8 Prozent beigetragen, mit dem Spanien einen Spitzenplatz in der EU einnimmt.
Der strukturelle Mangel an Arbeitskräften führte in der Vergangenheit schon dazu, dass auch die konservative PP Migranten in großer Zahl legalisierte – heute klagt sie gegen das Programm der linken Minderheitsregierung von Pedro Sánchez. Unter dem PP-Ministerpräsidenten José María Aznar waren es kurz nach der Jahrtausendwende 503.000 Migranten.
Mehr als 700.000 Anträge auf Legalisierung erwartet
Voraussetzung war damals, dass sich die Antragsteller vor dem 1. Juni 1999 in Spanien aufgehalten hatten und nachweisen konnten, dass sie eine Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis beantragt hatten. Vier weitere Legalisierungen gab es seit 1986 unter den sozialistischen Regierungschefs Felipe González und José Luis Rodríguez Zapatero. 2005 erhielt mit 576.506 Menschen die bisher höchste Zahl von Migranten einen dauerhaften Status.
Nach Schätzungen von NGOs könnten diesmal sogar mehr als 700.000 Anträge gestellt werden. Die wichtigsten Bedingungen dafür sind, dass die Einwanderer bis zum 31. Dezember 2025 mindestens fünf Monate lang ununterbrochen im Land lebten und keine Vorstrafen haben. Auch Asylbewerber können sich legalisieren lassen. Sind sie erfolgreich, müssen sie ihr Asylbegehren zurückziehen. Ihre Zahl ist jedoch gering im Vergleich zu den Südamerikanern, die fast alle ohne ein Visum im Flugzeug anreisen. Im vergangenen Jahr landeten 36.000 Bootsmigranten, vor allem aus Westafrika kommend, auf den Kanaren. Das waren nur fast halb so viele wie 2024.
Die soziale Ungleichheit nimmt zu
Die größte Gruppe unter den Neuankömmlingen stellten im Jahr 2025 die 144.000 Kolumbianer, neben gut 94.000 Venezolanern und mehr als 50.000 Peruanern. Traditionell spielen auch Marokkaner (gut 94.000) in Spanien eine wichtige Rolle. Die mit Abstand meisten von ihnen kommen, um so schnell wie möglich zu arbeiten. Die Zahl der Menschen, die nicht aus der EU stammen, hat sich zwischen 2017 und 2025 mit 4,8 Millionen fast verdoppelt. In Spanien leben mittlerweile mehr Südamerikaner als in den restlichen EU-Staaten zusammen.
Ihre Integration in dem spanischsprachigen Land, in dem viele Bürger selbst einmal Migranten waren, ist in relativ kurzer Zeit gut gelungen. Besonders die konservative PP wirbt erfolgreich unter den „Latinos“, die sich viel schneller einbürgern lassen und dann auch wählen können. Die Wohlhabenden unter ihnen sind dabei, Madrid in ein neues Miami zu verwandeln.
Viel schneller wächst jedoch auch ein Prekariat heran. Denn die billigen Arbeitskräfte werden zwar gebraucht – als schlecht bezahlte und wenig qualifizierte Hilfsarbeiter tragen sie aber längerfristig nicht dazu bei, die Wirtschaft produktiver zu machen, deren Wachstum stark von billigen Arbeitskräften abhängig bleibt. Viele Migranten können kaum noch die explodierenden Miet- und Immobilienpreise in den Großstädten und Badeorten bezahlen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Rund ein Fünftel der ausländischen Bevölkerung lebt in überfüllten Wohnungen, knapp ein Drittel ist mit den Mietzahlungen im Rückstand. Der Anteil der Schulabbrecher ist deutlich höher als unter gebürtigen Spaniern. Mit dieser Ungleichheit wächst auch der soziale Sprengstoff.
