
Das Verbrechen liegt fünf Jahre zurück. Doch nun bestimmt der Fall des rechtskräftig verurteilten Doppelmörders Mario Roggero unversehens die politische und publizistische Debatte in Italien. Manche wollen im Kasus Roggero sogar den Auftakt zur Wahlkampagne für die Parlamentswahl im kommenden Jahr erkennen. Vizeministerpräsident und Verkehrsminister Matteo Salvini von der rechtsnationalen Partei Lega möchte, dass der 72 Jahre alte Geschäftsmann aus einem Städtchen im Piemont als Listenkandidat seiner Partei 2027 ins Parlament einzieht.
Salvini war am Freitag im Gefängnis Bollate nahe Mailand zu Besuch und teilte hernach mit, er wäre „stolz darauf, Mario Roggero als Vertreter all jener Italiener aufzustellen, die ihrer Arbeit nachgehen, dabei angegriffen werden und sich verteidigen“. Roggero, Familienvater mit vier Kindern und acht Enkeln, verbüßt seit Donnerstag eine Haftstrafe von 14 Jahren und neun Monaten.
Aufnahmen der Überwachungskameras spielten wichtige Rolle
Am Abend des 28. April 2021 überfielen drei vermummte und bewaffnete Männer in dem Städtchen Grinzane Cavour in der Provinz Cuneo das Geschäft Ruggeros. Mit Messern und einer Handfeuerwaffe, die sich später als Spielzeugpistole entpuppt, bedrohten sie die Ehefrau und die Tochter des Juweliers. Mit Kabelbindern fixierten sie die Hände der beiden Frauen auf deren Rücken. Die Tochter versuchte vergeblich, mit dem Fuß den Alarmschalter zu betätigen.
Roggero selbst eilte aus der Werkstatt in den Verkaufsraum, als die Räuber mit dem Geld aus Tresor und Kasse sowie dem erbeuteten Schmuck durch den Hintereingang flohen. Aus einer Schublade ergriff er einen Revolver, nahm die Verfolgung auf und gab binnen weniger Sekunden fünf Schüsse ab.
Mit dem ersten Schuss traf Roggero den Fahrer des Fluchtfahrzeugs tödlich in die Brust. Mit zwei weiteren Schüssen streckte er den zweiten Räuber nieder, der zu Fuß zu fliehen versuchte; der Mann starb ebenfalls an Ort und Stelle. Der dritte Räuber konnte mit einem Beinschuss entkommen, wurde aber wenig später gefasst.
Die Aufzeichnungen verschiedener Überwachungskameras spielen später vor Gericht eine wichtige Rolle bei der Beweisführung der Strafverfolger. Sie legen dem Juwelier zweifachen Mord, versuchten Mord und unerlaubten Waffenbesitz zur Last. Auf den Aufnahmen ist deutlich zu erkennen, wie Roggero zunächst durch das Fahrerfenster des Fluchtfahrzeugs feuert, dann dem zweiten Mann in den Rücken schießt und hernach den Kopf des Schwerverletzten mit Tritten traktiert.
Salvini will Roggero über ein Mandat Immunität verschaffen
Von der ersten bis zur dritten Instanz wurde Roggero, dessen Anwälte auf legitime Notwehr zur Abwehr einer akuten Gefahr für Leib und Leben plädiert hatten, zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Schöffen und die Richter sahen es als erwiesen an, dass Roggero den Räubern – drei Italienern im Alter zwischen 34 und 58 Jahren – in Tötungsabsicht nachjagte. Eine akute Gefahr für ihn und seine Angehörigen habe nicht mehr bestanden, als er seine Schüsse auf die fliehenden Räuber abgefeuert habe: ein klarer Fall von Selbstjustiz. Zudem sprachen die Richter den Angehörigen der beiden Erschossenen sowie dem überlebenden Räuber hohe Entschädigungssummen zu.
Das Kassationsgericht legte die Freiheitsstrafe mit dem rechtskräftigen Urteil vom Mittwoch auf knapp 15 Jahre fest und verurteilte Roggero zur Zahlung von 780.000 Euro. Nach Medienberichten haben Roggero und seine Familie bereits Immobilien im Wert von 300.000 Euro veräußert, um das Geld für die Entschädigungszahlungen aufzubringen. Am Donnerstag trat Roggero, der über die sozialen Medien viel Unterstützung erfährt, unter Tränen seine Gefängnisstrafe an. Seine Familie äußerte die Hoffnung auf einen Gnadenerlass durch Staatspräsident Sergio Mattarella und begann eine Unterschriftensammlung für eine entsprechende Petition.
Seit dem Spruch des Kassationsgerichts setzen sich maßgebliche Politiker der Mitte-rechts-Koalition für Roggero ein. Lega-Chef Matteo Salvini will Roggero zum Abgeordneten wählen lassen, um ihn mittels parlamentarischer Immunität aus dem Gefängnis zu holen. Justizminister Carlo Nordio hat mit Sondierungen für ein mögliches Begnadigungsverfahren begonnen. Das missfiel Mattarella, der dem Minister – einem engen Vertrauten von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni – zu verstehen gab, dass Gnadenerlasse die Prärogative des Präsidenten seien und er sich in dem Fall nicht unter Druck setzen lasse.
Auch die Regierungschefin selbst äußerte sich zu dem Fall, ohne Roggero namentlich zu erwähnen. Auf der Plattform X schrieb sie: „Du greifst mich an. Ich wehre mich. Und ich soll dich entschädigen? Das ist nicht gerecht.“ So weit wie Salvini, für den Selbstverteidigung „immer legitim ist“, geht Meloni zwar nicht. Sie bezeichnet es aber als „paradox“, wenn Verbrechensopfer, die sich gegen Gewalttaten zur Wehr setzen, zu Entschädigungszahlungen an die Täter verurteilt werden.
Auch der pensionierte Heeres-General Roberto Vannacci, der mit seiner im Februar gegründeten Partei „Nationale Zukunft“ viel Zulauf am äußersten rechten Rand des Parteienspektrums erfährt, sprang Roggero bei. Im Parlament will sich Vannaccis Partei gemeinsam mit der Mitte-rechts-Koalition für einen Gesetzentwurf einsetzen, wonach Opfer von Verbrechen auch dann nicht zu Entschädigungszahlungen verurteilt werden können, wenn sie sich – wie Roggero – mit unverhältnismäßigen Mitteln zur Wehr setzen und dafür eine Freiheitsstrafe erhalten.
Die linken Oppositionsparteien in Italien werfen den Rechten vor, sich „wie Schakale“ auf den Fall Roggero zu stürzen, die Unabhängigkeit der Justiz zu untergraben und an die niederen Instinkte „verunsicherter Bürger“ zu appellieren, wie es die frühere Turiner Bürgermeisterin Chiara Appendino von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung formulierte. In Umfragen äußern 75 Prozent der Befragten, dass Entschädigungszahlungen von Verbrechensopfern an Täter, die bei einer Straftat zu Schaden gekommen sind, grundsätzlich abgeschafft werden sollen. Die Strafe gegen Roggero halten 56 Prozent aller Befragten für überzogen. Unter Anhängern der Parteien der Mitte-rechts-Koalition sind bis zu 89 Prozent dieser Ansicht. Bei Wählern der Fünf Sterne ist es knapp die Hälfte, bei Anhängern der Sozialdemokraten ein gutes Drittel.
