Wir sind in Reno, Nevada. Die dreißigjährige Roslyn ist hierhergezogen, um sich nach sechswöchigem Aufenthalt im Eilverfahren scheiden zu lassen, wie es die Gesetze des Bundesstaats vorsehen. In einer Cocktailbar trifft sie mit ihrer Vermieterin auf den alternden Cowboy Gaylord und seinen Freund Guido. Die vier fahren aufs Land, wo Guido ein unfertiges Ferienhaus besitzt, und später zu einem Rodeo in Dayton. Unterwegs lesen sie den Cowboy Perce auf, einen Freund von Gaylord. Perce verletzt sich beim Rodeo, während Roslyn durch ihre Geschicklichkeit für einen hohen Wettgewinn sorgt. Am nächsten Tag wollen die drei Männer in der Wüste Mustangs jagen. Roslyn begleitet sie, und als sie die gefesselten Pferde sieht, die an den Schlachter verkauft werden sollen, kommt es zum Streit.
Nach einer Fehlgeburt wird sie seelisch zunehmend labil
Arthur Miller hat diese Geschichte 1957 für den „Esquire“ geschrieben, und als ihm sein Freund, der Fotograf Sam Shaw, zwei Jahre später erklärte, das sei doch eine großartige Vorlage für einen Film, machte er daraus ein Drehbuch. Seit 1956 war Miller mit Marilyn Monroe verheiratet, die gerade ihre zweite Fehlgeburt erlitten hatte und zunehmend seelisch labil wurde. Die Frauenrolle, sagte Shaw zu Miller, wäre etwas, womit Marilyn „die Leute wirklich umhauen könne“, und der Schriftsteller sah es genauso. Sie sollten recht behalten. Als das Skript fertig war, überredete Miller den in Irland lebenden John Huston, Regie zu führen, und sein Freund, der legendäre Hollywood-Agent Lew Wasserman, besorgte ihm Clark Gable, Montgomery Clift und Eli Wallach für die männlichen Hauptrollen. Am 18. Juli 1960 begannen die Dreharbeiten zu „Misfits“.
„Wenn die Legende zur Tatsache wird, druckt die Legende“, heißt in einem Western, der zwei Jahre später entstand, aber in „Misfits“ kann man sich getrost an die Fakten halten, das böse Märchen ist wirklich wahr. Die Dreharbeiten in Nevada waren tatsächlich die Hölle, schon wegen der Hitze, die man in den Bildern fast körperlich spürt, vor allem aber wegen Marilyn, die im Lauf des Sommers immer tiefer in einem Nebel aus Barbituraten versank, bis Huston Ende August die Dreharbeiten für zehn Tage unterbrach, damit sich sein Star in einer Entzugsklinik bei Los Angeles erholen konnte. Und dann starb Clark Gable, der andere Star, der Marilyn am Set wie ein Vater betreut hatte, zwölf Tage nach Drehschluss an einem Herzinfarkt. Am 1. Februar 1961, dem Tag der Kinopremiere, wäre er sechzig geworden. Marilyn, inzwischen von Arthur Miller geschieden, folgte ihm achtzehn Monate später.

So viel Unglück sieht man dem Film nicht an. Im Gegenteil, die Stimmung ist, zumal für einen Stoff von Arthur Miller, anfangs geradezu entspannt, und es dauert eine Weile, bis man begreift, worum es hier wirklich geht: um Männer, die sich vor Publikum die Knochen brechen, wenn sie von wilden Stieren und bockenden Pferden in den Staub der Arena geworfen werden. Um Männer, die für ein paar Dollar die letzten Wildpferde mit einem Pick-up einfangen, damit sie zu Tierfutter verarbeitet werden können. Um Männer, die ihre Seele bei ihrem Einsatz als Bomberpilot im Krieg oder irgendwo auf ihrer Odyssee durch den untergehenden Wilden Westen verloren haben. Um Misfits, Drop-outs, Loser, die letzten Überlebenden des amerikanischen Traums.
Keine Diva, kein Sexobjekt, keine Schaufensterpuppe
Und um Marilyn. Man muss nicht lange suchen, um die Anspielungen auf ihr Leben in ihrer Figur zu entdecken, von der vaterlosen Kindheit über die Ehedramen („I always end up where I started“, erklärt Roslyn nach ihrer Scheidung) bis zu den Depressionsschüben (man meint die Stimme Arthur Millers zu hören, wenn Gable zu ihr sagt, sie sei „the saddest girl I ever met“). Und doch ist „Misfits“ etwas ganz Neues in ihrer Karriere – ein Film, in dem sie weder das kleine Mädchen noch die Diva ist und auch kein schmückendes Anhängsel, kein Sexobjekt, keine Schaufensterpuppe; eine Geschichte, in der sie eine zerbrechliche Würde und kindliche Melancholie ausstrahlt, die man noch nie an ihr gesehen hat; und eine Rolle, in der sie mehr von sich selbst offenbart als je zuvor. Die Szene, in der sie selbstvergessen durch die Nacht tanzt und einen Baum umarmt, taucht in jeder Marilyn-Doku als Bild ihrer Verlorenheit und Vorahnung ihres Endes auf. Aber man kann sie auch anderes lesen, als Unabhängigkeitserklärung an Hollywood und Absage an die Klischees, die sie bis dahin bedienen musste. „Misfits“ hätte ein Anfang sein können.
„Sie war ‚Marilyn Monroe‘, und genau das brachte sie um.“ So hat es Miller in seiner Autobiographie „Zeitkurven“ ausgedrückt, und John Huston, der nach „Misfits“ noch 22 Spielfilme drehte, erklärte in einem Interview, er habe seiner Hauptdarstellerin angesehen, dass sie dem Tode geweiht war. Die Kamera aber zeigt etwas anderes. Am Ende, als Marilyn und Clark Gable in ihrem Pick-up sitzen und in die Sterne schauen, malt sie ein Bild zukünftigen Glücks. Und keiner von beiden ahnt, dass diese Einstellung für sie die letzte sein wird.
