
Bei der SPD Mecklenburg-Vorpommerns liegen sie ihrer Vorsitzenden zu Füßen. 35,5 Prozent holte die Partei bei der Landtagswahl, das ist fast dreimal so viel wie die SPD im Bund derzeit in Umfragen erhält. Was wären wir ohne „Manu“, fragte ein Sozialdemokrat bei der Wahlparty in Schwerin am Sonntagabend und gab selbst die Antwort: nichts. 49 Prozent der SPD-Wähler gaben am Sonntag an, ohne Schwesig hätten sie nicht die SPD gewählt.
Noch vor einem Jahr schien ein Wahlerfolg undenkbar. Da lag die SPD im Land bei 19 Prozent. Allein in der zurückliegenden Woche holte die SPD in den Umfragen rund zehn Prozentpunkte heraus. Am Ende reichte es zwar nicht für Platz eins – den holte sich die AfD mit 38,2 Prozent. Doch Schwesig kann aller Voraussicht nach weiterregieren, sollte es ihr gelingen, ein Bündnis mit der Linken und den Grünen zu bilden. Das aber dürfte nicht einfach werden. Denn Schwesigs Wahlkampf und damit der Erfolg der SPD ging auf Kosten der anderen Parteien, unter ihnen Schwesigs potentielle Koalitionspartner.
Seit 2021 regiert Schwesig in Schwerin recht geräuschlos mit den Linken. Die wurden ähnlich zerrieben im Wahlkampf wie die Grünen. Denn Schwesig setzte auf einen Zweikampf mit der AfD, inszenierte sich als „die Frau gegen Blau“. Da blieb kein Platz für andere.
Selbst von einer Wahl der Grünen riet sie ab
Und der Plan ging auf – zum Leidwesen der CDU, die bei dem Zweikampf zwischen Schwesig und der AfD unterging und nun sogar unter der Fünfprozenthürde liegt und damit erstmals überhaupt in Mecklenburg-Vorpommern nicht in den Landtag einzieht.
Selbst von einer Wahl der Grünen riet Schwesig im Schlussspurt des Wahlkampfs ab, da die Stimmen verschenkt sein könnten. Dabei deuteten alle Umfragen darauf hin, dass sie die Grünen für eine Koalition benötigen würde. Bei den Grünen sorgte das für Empörung. Claudia Müller, die Spitzenkandidatin der Partei, sagte am Wahlabend, die Polarisierung habe die AfD stärker gemacht.
Die Spitzenkandidatin der Linkspartei wiederum, Simone Oldenburg, deren Partei ebenfalls deutlich Federn lassen musste und nur auf 6,5 Prozent der Stimmen kam, sagte, es ärgere sie, dass der polarisierende Wahlkampf keiner demokratischen Partei genutzt habe, sondern nur der AfD. „Das ist in die falsche Richtung gegangen.“
Auf dieser Grundlage eine ähnlich stabile Regierung zu bilden, wie Rot-Rot es war, dürfte für Schwesig schwer werden. Am Wahlabend ging sie darauf nicht ein. Stattdessen sagte sie, eine große Mehrheit habe sich für die demokratischen Parteien entschieden, wünsche sich eine stabile Regierung. Sie wolle mit der SPD diesem Vertrauen gerecht werden, das Land weiter voranbringen und zusammenhalten.
Auch wenn Schwesig im Wahlkampf oft deutlich gemacht hat, sie habe sich für Mecklenburg-Vorpommern entschieden, dürfte ihr nach dem Erfolg der Weg zum Bundesvorsitz ihrer Partei offenstehen. Ob sie danach greifen will, ist fraglich. Der Schritt wäre im Land sehr unpopulär. Zudem wäre die Doppelbelastung zusätzlich zum Amt der Ministerpräsidentin enorm. Und das Familienleben ist Schwesig wichtig. Mit ihrem Mann hat sie zwei Kinder, zehn und 19 Jahre alt, den Sonntag versucht sie sich deswegen stets freizuhalten.
Schwesig war 2019 an Brustkrebs erkrankt, zog sich deswegen damals von allen Bundesämtern zurück, Ministerpräsidentin aber blieb sie. Damals habe sie eine „Riesenangst“ gehabt, sich vor allem gefragt, was werde nun aus ihrer Familie und den Kindern, sagte sie später. Mit ihrer Familie verbrachte sie damals so viel Zeit wie möglich, das sei die „beste Medizin“, sagte sie einst. Seit 2020 ist der Krebs überwunden. Mit ihrem Ehemann, den die Finanzwirtin bei einem Lehrgang für Steuerfahnder kennenlernte, ist sie seit mehr als 25 Jahren verheiratet, die Familie lebt in Schwerin.
Die Zweiundfünfzigjährige regiert das Land seit neun Jahren, als erste Frau überhaupt. Zunächst mit der CDU, seit 2021 mit der Linken. In der Zeit befreite sie sich bald aus dem Schatten ihres Vorgängers Erwin Sellering (SPD), doch dessen Linie einer großen Russlandnähe blieb sie zunächst treu. Nach Beginn von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine löste sie sich auch hiervon, bezeichnete ihr Engagement für die Nord-Stream-Pipeline als Fehler, unterstützt seitdem die Ukraine.
Ihr Meinungswechsel zu Russland hat ihr nicht geschadet
Im Land ist das unpopulär, viele wünschen sich wieder bessere Beziehungen zu Russland und ein Ende der Ukrainehilfen. Schwesigs Ansehen aber hat es nicht geschadet. Eine große Mehrheit wünschte sich vor der Wahl Schwesig wieder als Ministerpräsidentin. Ihr Herausforderer Leif-Erik Holm (AfD) kam dagegen nie an.
Schwesig wurde 1974 in Frankfurt (Oder) geboren, der Vater war Schlosser, die Mutter Statistikerin. Immer wieder brachte sie im Wahlkampf die Biographie ihres Vaters ein, der sich nach der Wende umorientieren musste, auf dem Bau arbeitete für wenig Lohn. Damit begründete Schwesig ihren Einsatz gegen den Vorschlag der Rentenkommission, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen.
Vehement stellte sie sich auch gegen Kürzungen bei der Pflege. Damit trat sie in Opposition zur Bundesregierung, als wäre ihre SPD nicht Teil davon. Weiteres zentrales Element ihrer Wahlkampagne war die Inszenierung von sich und ihrer SPD als einzige echte Alternative zur AfD. Das war riskant. Wären die Grünen aus dem Landtag geflogen, würde ihr ein potentieller Koalitionspartner fehlen.
Doch dadurch, dass nun weder CDU noch BSW in den Landtag einziehen, verändert sich dort die Zusammensetzung. Denn dadurch verfügen SPD, Linke und Grüne nun aller Voraussicht nach über eine deutliche Mehrheit von 39 von 71 Sitzen. Die AfD wäre in diesem Szenario die einzige Oppositionspartei. Wären CDU und BSW hingegen in den Landtag eingezogen, wäre die Regierungsmehrheit deutlich knapper ausgefallen.
