An einem Vormittag in Manila sitzt Raya, sechs Jahre alt, im Laden ihrer Mutter vor ihrem Schulbuch. Die Erstklässler sollten Lesen üben, hat der Lehrer am Morgen geschrieben. Die Philippinen werden seit zwei Tagen von einem Wirbelsturm heimgesucht, weshalb der Bürgermeister der Hauptstadt angeordnet hat, dass die Schulen an diesem Freitag geschlossen bleiben. Es hat im Land schwere Überschwemmungen und Erdrutsche mit Toten gegeben, doch in Manila hat es bereits gestern nur noch leicht geregnet, nun scheint am Himmel die Sonne. Auf der Facebook-Seite der Stadtverwaltung kommentieren die Nutzer, der Bürgermeister sei ein Idiot.
Im Laden von Mutter Liza, 38 Jahre, sind auf einem Regal Gemüsedosen über Reinigungsmittel aufgestapelt, an der Wand hängen Säcke mit Reis, Kekse und Knabberkram. Es gebe Holzkohle von guter Qualität, steht auf einem Pappschild, und dass man hier Bargeld auf sein digitales Zahlkonto buchen könnte und umgekehrt, „Cash-in, Cash-out“. Sie wäre lieber in der Schule, sagt Raya, die ein lila T-Shirt trägt, und einen roten Haarreif mit zwei lustigen Händen auf dem Kopf. Der Bürgermeister habe sie nicht mehr alle, sagt neben ihr Großmutter Julieta, 57, und lehnt sich zurück an den Sarg.

Genau genommen sind es zwei Särge, die hier im Laden stehen, einer über dem anderen. Der graue Stein, der sie umschließt, ist die Gruft, über der ein Kruzifix hängt, denn das hier ist eigentlich kein Laden, sondern ein Mausoleum. Neben frischen weißen und roten Rosen verraten die weißen Grabplatten, wer hier liegt: Maria Elena P. Comia oben, verstorben am 24. Februar 2009 im Alter von 31. Rebecca P. Comia unten, mit 61 verstorben vier Jahre nach ihrer Tochter.
Es ist nicht schwer, auf Manilas Nordfriedhof den Weg zum Mausoleum zu finden, in dem Rayas Mutter ihren Laden betreibt. Zwar ist das Gelände mit 54 Hektar und einer Million Toten riesig, doch die Straßen tragen Nummern. Die, in der Rayas Familie lebt, zeigt die Nummer 29 auf einem blauen Schild über einer Marienfigur. Hier reiht sich Mausoleum an Mausoleum, mal grau, mal blau oder rosa, oft zweigeschossig und mit Gittern, hinter denen die Gräber zu sehen sind. Im Mausoleum auf der anderen Straßenseite, gegenüber dem Laden, steht neben dem Grab eine Klappliege und daneben ein aus Holzpaletten genageltes Bett, in dem ein Mann im Trikot des amerikanischen Basketballstars Allen Iverson schläft.

Es ist Rayas Vater Dennis, 52, der auf seinem Motorroller als Lieferfahrer gearbeitet und vor einem Jahr einen Schlaganfall erlitten hat. An der Wand hängen hinter Glas gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos neben einem weißen Kreuz. Das hier ist die letzte Ruhestätte von Candy P. Torio, geboren am ersten Februar 1973 und verstorben am dritten März 2022. Aber es ist auch das Schlafzimmer von Rayas Familie. Ihr Großonkel schläft gerade im Mausoleum schräg gegenüber. Sein Bett ist die angenehm kalte Steinplatte direkt über dem Sarg.
„Lets make Manila great again“ steht in riesigen Buchstaben über dem Eingang des Nordfriedhofs. Es ist das offizielle Motto der Stadtverwaltung, die Manila sicherer und lebenswerter zu machen verspricht, was an dieser Stelle wie ein schlechter Scherz zu klingen scheint. Die philippinische Hauptstadt und ihre Metropolregion zählen 25 Millionen Menschen, von denen geschätzt drei Millionen in Notunterkünften, informellen Siedlungen und provisorischen Behausungen leben. Wie auf dem Nordfriedhof, auf dem je nach Schätzung zwischen 6000 und 10.000 Leute in und zwischen den Gräbern wohnen. „Provisorisch“ trifft im Fall von Rayas Familie allerdings nicht zu: Großmutter Julieta lebt in ihrem Mausoleum seit 40 Jahren.

Mike, der im Laden der Familie Holzkohle gekauft hat und nun weiter die Straße 29 hinunter neben dem Grab von Alfredo G. Dayao, verstorben am 17. August 2024, auf seinem kleinen Ofen ein Fischsüppchen kocht, lebt seit 38 Jahren hier, und damit seit seiner Geburt. Auch die Jungen und Mädchen, die neben dem Gully spielen und die Lettern NBK unter einer Krone gemalt haben, sind hier geboren. Die Buchstaben stehen für Nabatak, was in der Sprache Tagalog Kinder der Straße bedeutet. „Hey, Bro!“, rufen die Friedhofskinder auf der Main Street, der Hauptstraße, und zeigen dem Reporter, was ihnen nach den Regenfällen des Monsuns im Gully in die Hände gespült wurde: Tilapia aus der Gattung der Buntbarsche, ein extrem anpassungsfähiger Fisch, der selbst in der sauerstoffarmen Kloake überlebt.
Weil das Abwasser in Manila mit Industrieabfällen belastet ist, trägt der Tilapia aus dem Gully hochgradig giftige Mengen an Blei, Quecksilber, Krankheitserregern und Benzin in seinen Organen, weshalb ihn Mike gründlich gewaschen hat, bevor er ihn stundenlang kocht. Das vertreibt zwar nicht die Schwermetalle und Gifte. Doch als Lebensmotto hat sich Mike, vier Kinder von zwei Frauen, den Spruch „Even the best fall down sometimes“ in großer Schrift quer über die Brust tätowieren lassen, was sich angesichts der niedrigen Lebenserwartung auf den Philippinen zynisch auch als „Die Besten sterben jung“ übersetzen ließe.

Die Angehörigen der Verstorbenen auf dem Nordfriedhof lassen Menschen wie Mike zwar in den Mausoleen wohnen und zahlen ihnen nicht selten obendrauf einen Lohn für die Pflege der Grabstätten. Aber der beträgt meist nur 600 Pesos im Jahr, umgerechnet gut acht Euro. Mikes verstorbener Vater hat auf dem Friedhof Blumen an Angehörige verkauft, er selbst führt als Beschäftigung ausländische Influencer herum, die auf dem Friedhof ihre Youtube-Videos drehen.
In Kairos City of Dead leben mehr Menschen, doch die ist ein Stadtteil. Der Nordfriedhof in Manila ist klar abgegrenzt, doch bei den Philippinern selbst ist er nicht für die lebenden Bewohner berühmt. Drei frühere Staatspräsidenten liegen hier begraben, Bürgermeister, Künstler und Filmstars wie Fernando Poe Jr., der in Actionrollen als Kämpfer für die Unterdrückten auftrat und auf den Philippinen ein Volksheld ist. An Allerheiligen am ersten November zählt der Nordfriedhof weit über eine Million Besucher, die mit Blumen und Kerzen zu den Gräbern fahren, sie reinigen und streichen und dort mit vielen Verwandten stundenlang essen.

Allein das Grab, das den Laden von Rayas Mutter beherbergt, zählt an diesem Tag zehn Besucher. Die Familie Comia, aus der die beiden Verstorbenen neben den Chipstüten und der Styroporbox mit kaltem Bier stammen, wisse ihre ganzjährige Grabpflege zu schätzen, sagt Großmutter Julieta. Die Angehörigen wüssten auch, dass die Familie die 2000 Pesos (28 Euro) braucht, die sie an guten Tagen einnimmt und von denen ihr nach Abzug aller Kosten vielleicht vier Euro als Gewinn bleiben. Allein der Kühlschrank im hinteren Teil der Grabstätte verschlingt ein Vermögen. Weil die Philippinen ihre Energie mit importierter Kohle und importiertem Gas produzieren, die nach dem Irankrieg noch viel teurer geworden sind, hat der Strompreis des Archipels in diesem Jahr sogar den des bisherigen Spitzenreiters Singapur überholt.
Die Philippinen sind nicht das ärmste Land in Südostasien, aber gefühlt liegt die 113 Millionen Einwohner zählende Nation zehn Jahre in der Entwicklung hinter Staaten wie Thailand zurück. Nach eigener staatlicher Definition gelten weit über vierzig Prozent der Philippiner als arm oder anfällig für Krisen. Von denen hat der Inselstaat allein schon wegen seiner geographischen Lage eine Menge. Regelmäßig zerstören Taifune, Überschwemmungen, Erdrutsche und Dürren Ernten, Straßen, Brücken und die Vermögen der Menschen.

Doch angesichts der Tatsache, dass selbst Friedhofsbewohner wie Mike Englisch sprechen und das Land nahe der riesigen ostasiatischen Märkte in China, Japan und Südkorea liegt, wirkt das Land beim Besuch viel ärmer als erwartet. Zwar exportieren die Philippinen eine Menge Halbleiter und andere Elektronik. Doch solche Scharen vor dem McDonald’s bettelnder Kleinkinder mit ihren Müttern gibt es weder in Indien noch Pakistan. Das lässt sich nicht allein aufs Wetter schieben.
Die Philippinen seien ein Underperformer, schreibt der Asien-Kenner Philip Bowring, ein Land, das gewaltig unter seinen Möglichkeiten bleibe. Es verfüge über Bodenschätze wie Nickel und Gold, eine geopolitisch zentrale Lage und eine Allianz mit den USA. Doch das politische System sei gemacht von Eliten für Eliten. Die allgegenwärtige Korruption auf den Philippinen sei nicht nur Diebstahl, sondern Teil des Systems. „Wo niemand korrupt ist, ist niemand arm“, hat der frühere Präsident Benigno Aquino III. einst gesagt und damit das Grundproblem des Landes beschrieben.

Die hohen Stromkosten des Landes seien so ein Beispiel dafür, dass man die Politik völlig vergessen könne, hat Taxifahrer Romeo gesagt, als er zum Nordfriedhof fuhr. Er hat eine Tante, die dort in den Gräbern sogar schon seit 70 Jahren wohnt. Von den 12.000 Pesos (170 Euro), die er in schlechten Monaten verdient, muss er 7000 Pesos (100 Euro) an einen Kredithai zurückzahlen, und zwar jeden Monat. Die Politik habe die staatlichen Energieversorger verscherbelt, ist Romeos These, nun zahle er sich halb tot. Das ist nicht weit entfernt vom Befund des philippinischen Ökonomen Ronald U. Mendoza, das Land habe seine Wirtschaft liberalisiert, aber nicht seine Politik. Die hat die Abhängigkeit von der Kohle nicht beendet und zugelassen, dass die Haushalte heute praktisch keine Wahl zwischen Stromanbietern haben.
Auch dass es in Manila viel zu wenige Wohnungen gibt, hat nicht einfach damit zu tun, dass die Stadt das wirtschaftliche Zentrum ist und alle dort wohnen wollen. Im schicken und sauberen Finanzzentrum Makati gibt es viele schöne Apartments, nur sind sie selbst in Randlagen für 80 Prozent der Bevölkerung unerschwinglich, weil eine Miete von 15.000 Pesos (210 Euro) fast dem Monatsverdienst entspricht. Beim Wohnungsbau hätten die Philippinen versagt, urteilt die Weltbank. Der Staat müsse endlich mehr Bodendaten erheben, schneller genehmigen, planen und den Armen eine Möglichkeit geben, ein Apartment überhaupt zu finanzieren.

Auf dem Nordfriedhof sieht es nicht so aus, als werde das bald Realität. Auf dem Grab des im Dienst getöteten Polizeiunteroffiziers Alberto P. Panelo sitzt am schulfreien Freitag eine Grundschülerin in Shorts und Badelatschen und liest. Für die Kinder sei der Friedhof als Spielplatz in Ordnung, hat Großmutter Julieta gesagt, es gebe keine Geister hier.
Waffen schon. Nach Regierungsangaben gab es vor drei Jahren über 200.000 Schusswaffen in der Stadt, deren Lizenz abgelaufen war. „Brauchst du hier“, sagt Mike. Andererseits geht auch von registrierten Waffen eine Gefahr für die Friedhofsbewohner aus. Im „Krieg gegen die Drogen“ des früheren Präsidenten Rodrigo Duterte, der wegen des Vorwurfs der Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Den Haag in Gewahrsam des Internationalen Strafgerichtshofs sitzt, wurden zwischen den Gräbern Verdächtige und Informanten bei Razzien von der Polizei erschossen, so wie der 37 Jahre alte Irish Bahacan, den nach Angaben seiner Mutter fünf Kugeln trafen.
Mittlerweile regiert Ferdinand Marcos Jr. die Philippinen, doch das heiße nicht, dass er vor Allerheiligen wieder sein Telefon und andere Elektrogeräte auf dem Gelände verstecken werde, sagt Friedhofsbewohner Mike. Im vergangenen Jahr war vor dem Gedenktag die Staatsmacht angerückt und hatte Videoberichten zufolge illegale Hütten abgerissen sowie Drogen und Schusswaffen beschlagnahmt. Der Friedhof sei „für die Toten und nicht die Lebenden“, sagte der Bürgermeister, der die Bewohner als Kriminelle brandmarkt und sie gleichzeitig als günstige Grabpfleger duldet.
Was sich womöglich nicht immer ausschließt. Mike will dem Reporter noch die Pyramide mit den beiden Sphinxen am Eingang zeigen, als die ein Mausoleum gestaltet ist, das den Arroyos zugeschrieben wird: Einer einflussreichen Dynastie mit Großgrundbesitz, die Anfang des Jahrtausends neun Jahre lang die Präsidentin gestellt hat und wie kaum eine andere den philippinischen Filz verkörpert. Auch zur „schönen Fähre“ drängt Mike: der als Schiff gestalteten SS Last Voyage, dem Grabmal von Tomas Cloma, der einst die Inselgruppe Spratlys im Südchinesischen Meer entdeckt und für sein Heimatland beansprucht hat, was auf hoher See heute immer wieder zu brenzligen Situationen zwischen China und den Philippinen führt.
Zum Schiffsgrab geht es von der Straße weg in den hinteren, für die anderen Bewohner nicht einsehbaren Teil des Friedhofs, durch einen sehr engen Spalt. Mike zieht den Bauch mit dem tätowierten Spruch vom Fallen ein und zwängt sich in die Dunkelheit. „Komm, Bro, komm, zur wunderschönen Fähre, da feiern wir!“ Danke, lieber nicht. Klingt nach zu viel Leben. Was hat Großmutter Julieta gesagt? „Nur die Toten erschießen dich nicht.“
