Der bisher heißeste Sommer in Frankfurt hat Mane Stelzer dazu gebracht, das Sofa zu verlassen und sich für Bäume in der Stadt zu engagieren. 2018, als allein im Juli und August mit 41 Hitzetagen so viele Tage mit mehr als 30 Grad registriert wurden wie noch nie zuvor in Frankfurt, begann sie, sich um die Bäume in ihrem Quartier zu sorgen. „Ich konnte nachts vor Hitze, Kummer und fast schon Verzweiflung über die spürbare Veränderung des Klimas nicht schlafen“, sagt sie, „es war furchtbar“.
In der Folge sind in Frankfurt so viele Bäume abgestorben wie nie zuvor. Das Citizien-Science-Projekt „MainStadtbaum“, das angestoßen worden war vom Senckenberg Forschungsinstitut und bei dem Bürger mit einem Testgerät den Fitnesszustand der Stadtbäume messen konnten, kam Stelzer gerade recht. Rund zwei Jahre sammelte sie mit einer Mitstreiterin an sechs Stadtbäumen in Eschersheim, ihrem Stadtteil, Daten zu Trockenheit, Nährstoffzufuhr und Temperatur. Ihr Fazit: „Den Bäumen geht es nicht gut, auch wenn man es ihnen nicht immer ansieht.“
Überzeugt von der Idee der Miyawaki-„Tiny Forests“
Als sich Bürger und vor allem viele Bürgerinnen zusammentaten, um nach dem erfolgreichen „Radentscheid“ für einen „Klimaentscheid“ in Frankfurt einzutreten, mit dem Ziel, die Stadt anzutreiben, mehr für den Klimaschutz, mehr für die Stadtbäume zu tun, war die heute 58 Jahre alte gebürtige Frankfurterin dabei. Aber da war sie schon überzeugt, dass es ein anderes Herangehen braucht, als nur einen alten, abgestorbenen Baum durch einen jungen zu ersetzen.
Vernetzt, wie sie inzwischen war, stieß sie auf die Idee der Miyawaki-„Tiny Forests“, eine kleine, auf engstem Raum und besonders nährstoffreichem Boden gepflanzte Ansammlung verschiedenster Baumarten in unterschiedlichster Größe. „Zehnmal schneller wachsend, 20-mal diverser und 30-mal dichter als der normale Wald“, sagt sie. Eine Art Wildnis, die ohne menschliches Zutun, fast ohne Bewässerung und Pflege gedeihen soll und mit einem Zaun geschützt wird. Alles nach der Aufforstungstechnik des japanischen Botanikers Akira Miyawaki.

Angeregt durch Beispiele etwa in den Niederlanden, gründete Stelzer mit Mitstreitern die Initiative „MainWäldchen – Tiny Forests Frankfurt“, die Anfang 2023 beim ersten „Ideenwettbewerb Biodiversität Frankfurt“ den mit 15.000 Euro dotierten ersten Preis gewann. „Seitdem bin ich praktisch zwangsverheiratet mit dem Projekt“, sagt sie und lacht, denn nun musste das erste „MainWäldchen“ auch Realität werden.
Nach längerer Suche entstand Ende 2023 in Eckenheim im Grünzug Gederner Straße der erste, 120 Quadratmeter große Miniwald. Inzwischen sind es drei: zuletzt der im vergangenen Dezember auf dem steinernen und im Sommer überhitzten Walther-von-Cronberg-Platz in Sachsenhausen.
„Seit ich aktiv etwas mache, geht es mir viel besser.“
Die Initiative, derzeit bestehend aus acht Personen, verpflichtet sich über Jahre, Zäune zu reparieren, Müll und auch schon mal Disteln zu entfernen. Bis zu 20 Stunden in der Woche investiert Stelzer mit ihren Mitstreiterinnen für die Miniwälder, wenn es im Winter ans Pflanzen geht.
Mane Stelzer ist Musikerin, schreibt eigene Lieder, arbeitet im Broterwerb im Frauenmusikbüro Frankfurt. Doch was treibt sie an, sich so stark für Bäume und damit für die Natur zu engagieren? „Ich habe keine Wahl“, sagt sie: „Ich kann angesichts des Klimawandels und dessen Folgen für die Natur nur verzweifeln oder etwas tun“. Durch ihr Handeln mache sie die Erfahrung, dass sie etwas bewirken könne. „Seitdem geht es mir viel besser.“ Stelzer ist überzeugt, dass die Gesellschaft Menschen braucht, „die für etwas sind“, die der Politik „Tempo machen“. Sie wolle sich jedenfalls nicht eines Tages vorhalten lassen, nichts getan zu haben, sagt sie und ergänzt: „Ich mache das auch für meine beiden Söhne.“
