Die Abu Dhabi United Group (ADUG) und der Fußballklub Manchester City haben nach Überzeugung der Premier League den weitreichendsten Finanzbetrug der modernen Fußball-Geschichte begangen. Manchester City hat, urteilt die durch die Liga eingesetzte Kommission in ihrer am Dienstag veröffentlichten Entscheidung, ab der Saison 2009/10 bis 2017/18 über neun Jahre mit Scheinverträgen die Einnahmen erhöht und die Kosten gesenkt. Die Verstöße gegen die Finanzregeln summieren sich auf mehr als eine Milliarde Euro. Im untersuchten Zeitraum wurde Manchester City dreimal Meister und einmal Pokalsieger.
Der Klub war nach jahrelangen Ermittlungen, die durch die „Football Leaks“-Berichterstattung des „Spiegel“ ausgelöst worden waren, im Februar 2023 angeklagt worden. Die Kommission stellte fest, dass City in mehr als 100 Anklagepunkten im Zusammenhang mit Verstößen gegen die Finanzregeln schuldig sei. Zudem sei auch die Mehrheit der Anklagepunkte in Bezug auf die mangelnde Kooperation erwiesen. Tatsächlich trug die Anklage nach Ansicht der Kommission nur in einem Punkt nicht.
Wie die Vergehen sanktioniert werden, ist offen. Die Kommission, die an 42 Tagen im Zeitraum zwischen 16. September 2024 und 6. Dezember 2024 getagt hatte, kündigte eine weitere Sitzung zur Frage der Sanktionen an.
Die Sponsoren aus Abu Dhabi
Als Beispiel für den Modus und die Kurzfristigkeit verdeckter Zahlungen führt die Entscheidung das Vorgehen des Klubs im Mai 2013 an. Bis zum Finanzabschluss für den Berichtszeitraum 2012/13 klaffte demnach „ein Loch“ in Citys Buchhaltung: Zur Einhaltung der Finanzregeln der UEFA, des Europäischen Fußballverbands, fehlten 9,9 Millionen Pfund (damals rund zwölf Millionen Euro). „Binnen weniger Tage, ohne Sponsoren aus Abu Dhabi überhaupt zu fragen, wurden modifizierte Sponsorenverträge vorgelegt, nach denen Sponsoren aus Abu Dhabi sich verpflichteten, Sponsorenzahlungen per se zu erhöhen.“ Das Finanzloch sei so „gestopft“ worden.

Tatsächlich zahlten die Sponsoren des Klubs, im Wesentlichen Unternehmen aus dem Eigneremirat, erheblich weniger, als die Verträge auswiesen, in manchen Jahren weniger als zehn Prozent der nominellen Summe. Den weit wesentlicheren Teil zahlte die Eigentümerin Abu Dhabi United Group.
Als „The Athletic“ am vergangenen Freitag berichtete, dass Manchester City nach drei Jahren Prüfung seiner Finanzen durch die Premier League schuldig gesprochen wird, hielten sich die englischen Medien noch zurück. Nachdem die Premier League am Dienstagnachmittag ihre Entscheidung veröffentlichte, sieht die Sache anders aus. Die zahlreichen Erfolge des Klubs zwischen 2009 und 2018 werden nun offen als illegitim bezeichnet; ermöglicht durch das gezielte Aushöhlen und Umgehen der finanziellen Spielregeln. Durch Fälschung, Täuschung und Betrug.
Eine „Ära mit Sternchen“
Die BBC spricht von einer „asterisk era“ – einer Ära mit Sternchen – im Zusammenhang mit der noch unbestätigten Annahme, dass City die in dem Zeitraum gewonnenen Trophäen aberkannt werden könnten. Rivalisierende Klubs, die sich durch Citys falsches Spiel um Triumphe, Tabellenplätze und die daraus resultierenden Einnahmen gebracht fühlen, dürften dann auf Entschädigung pochen. Die Folgen sind unabsehbar, der Imageschaden für die global so aggressiv vermarktete englische Hochglanzliga enorm. Es geht um nicht weniger als die Integrität des gesamten Wettbewerbs.
Roy Keane, früherer Profi von Manchester United, sagte im Sender ITV vor Englands Länderspiel gegen Tschechien am Dienstagabend, er würde als City-Spieler seine „Medaillen zu 100 Prozent in den Müll werfen“. Und auch das gehört zu dieser Geschichte: Spieler, die im blauen Teil Manchesters zu Legenden wurden, müssen bei ihren Verdiensten fortan mit einem großen, fettgedruckten „Aber“ leben.
Manchester Citys Geschäftsführer Ferran Soriano hingegen spricht von einer „Verschwörung“ der Premier League gegen die Abu Dhabi United Group. Soriano beruft sich auf die „ausführlichen Beweise“, die der Premier League von Citys Anwälten vorgelegt wurden. Allein: Die Liga hält auf Seite sieben der 40 Seiten umfassenden Entscheidung fest, „die Aussagen einer Reihe wichtiger Zeugen, die für den Klub aussagen sollten, war falsch in einer Reihe zentraler Fragen“ und „gewisse Zeugen haben wissentlich falsch ausgesagt und waren mithin unaufrichtig“. Soriano kündigte Rechtsmittel an, die Frist dafür läuft am Freitag ab.
Al-Khelaifi druckst herum
Kurz nachdem die ganze Dimension der Verstöße öffentlich geworden war, saß Nasser Al-Khelaifi auf einer Pressekonferenz in Kopenhagen und war unangenehm berührt. In der dänischen Hauptstadt hatte die Generalversammlung der mächtigen Klubvereinigung EFC stattgefunden, in deren Board auch Soriano sitzt. „Wir befinden uns nicht in der Position, um zu urteilen, wir sind kein Gericht“, sagte Al-Khelaifi. Er ist der Chef der EFC, ist Präsident von Paris Saint-Germain und gilt in der UEFA als einflussreichster Mann neben Verbandspräsident Aleksander Ceferin. Zudem gebe es ja noch „keine endgültige Entscheidung“, sagte der Qatarer Al-Khelaifi und verwies auf das Rechtsmittel des Klubs.
Grundsätzlich sei der ganze Fall ohnehin „eher eine Angelegenheit der Premier League und der englischen Vereine“, erklärte Al-Khelaifi, und überhaupt: „Wir sind hier, um uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.“ Das klang, als stünde er eindeutig auf der Seite des Angeklagten. Die Interessen Al-Khelaifis sind eben verworren. Der ehemalige Tennisspieler, der auch dem Joint Venture vorsitzt, in dem die wertvollen Rechte an der Champions League liegen, will unbedingt Schaden von diesem lukrativen Wettbewerb abwenden.
Möglicherweise ahnt Nasser Al-Khelaifi aber auch, dass sein eigener Pariser Klub ebenfalls bedroht sein könnte, wenn die dortigen Geldflüsse mit den gleichen Maßstäben überprüft werden würden wie Manchester City.

Im Moment sieht es jedoch so aus, dass EFC und UEFA einen Titelanwärter dulden, der sich auf illegale Art und Weise Vorteile verschafft hat. Einen Klub, der ohne die Entwicklung der betreffenden Jahre mutmaßlich auch heute schwächer wäre. Nach Ende des von der Premier League untersuchten Zeitraums wurde City fünfmal englischer Meister, dreimal Pokalsieger und gewann 2023 mit Trainer Pep Guardiola auch die Champions League.
Guardiolas Instagram-Account „Pepteam“ postete am Mittwoch ein Bild des Coachs, der City im Sommer verlassen hatte, mit Ferran Sorriano und der Aussage, er werde „immer hinter meinem Klub, meinem Eigentümer, meinem Vorsitzenden, Ferran, den Spielern, Betreuern, Enzo (Maresca, jetziger City-Trainer; d. Red.) und Euch, den einzigartigen Unterstützern“ stehen.
Hat der Fall außerhalb Englands Folgen?
Am Rande der EFC-Versammlung war zu hören, dass der Fall auch außerhalb von England Folgen haben könnte. Auch PSG stand nach den „Football Leaks“-Enthüllungen unter dem Verdacht, von Scheinsponsoring-Geschäften profitiert zu haben. Allerdings verjähren derartige Vergehen laut UEFA-Reglement nach fünf Jahren, was im Premier-League-Kontext nicht der Fall ist.
Und dennoch sind die europäischen Wettbewerbe betroffen. Borussia Mönchengladbach ist zweimal während des Zeitraums, in dem Manchester City gegen Regeln verstoßen haben soll, in der Champions League gegen den Klub ausgeschieden. Später waren Schalke 04 (2019), Borussia Dortmund (2021) und der FC Bayern (2023) in der K.-o.-Phase der Königsklasse gegen die Engländer unterlegen, die offenbar mit einer Mannschaft angetreten sind, die sie sich unter Einhaltung aller Regeln nicht hätten leisten können.
Wie fällt die Strafe aus?
In England konzentriert sich die Diskussion zunächst auf die Frage, welche Sanktion die Liga gegen Manchester City aussprechen wird. „Es ist unmöglich, das Urteil zu lesen, ohne zu dem Schluss zu kommen, dass die Strafe äußerst hart ausfallen muss“, schrieb etwa der „Guardian“. Schließlich seien dem FC Everton für weit weniger schwerwiegende Vergehen acht Punkte abgezogen worden. Es gebe starke Argumente für einen Ausschluss von Manchester City aus der Premier League.
Lisa Nandy, Großbritanniens Staatssekretärin für Digitales, Kultur, Medien und Sport, kam beim Sender Channel 5 zu einem ähnlichen Schluss, vorbehaltlich Citys Berufung: „Ein Klub kann aus der Premier League ausgeschlossen werden, wenn sich solche Vorwürfe bestätigen – mit enormen Konsequenzen für alle Beteiligten.“
Noch weiter ging die „Times“ in einem Kommentar zum Skandal. Es handele sich hierbei um den größten Betrug in der langen Geschichte des englischen Profifußballs, schreibt der Autor: „Also nehmt den Besitzern den Klub weg.“ Dafür gibt es in der Premier League einen Präzedenzfall: Der russische Geschäftsmann Roman Abramowitsch hatte den FC Chelsea verkaufen müssen, nachdem er infolge der Entfesselung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine unter Sanktionen gestellt worden war.
