Nicht die Häuser sind es, die eine Stadt ausmachen, sondern die Menschen. Dieser Satz wird Perikles zugeschrieben und müsste demnach aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert stammen. Er könnte aber auch dem ersten Roman von Maja Zade vorangestellt sein, denn „Wand an Wand“ führt anhand der Bewohner eines renovierten Altbaus im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg durch eine heutig urbane, vielfältige Gesellschaft. Das ist ein fast rührend altmodisches Konzept: ein Ort, viele Geschichten. Eines vorneweg: Eine Strudlhofstiege wird dieses Gebäude trotzdem nicht, obwohl der Versuch, Topographie mit Biographie zu kreuzen, manchmal an Heimito von Doderers 1951 erschienenes Hauptwerk erinnern könnte.
Maja Zade freilich kommt aus einer ganz anderen Richtung: Sie ist in Deutschland und Schweden aufgewachsen, hat englische Literatur in London und Kanada studiert und arbeitet seit 1999 an der Berliner Schaubühne – erst als Lektorin, danach als Dramaturgin. Dort wurden ihre Stücke wie „status quo“, „abgrund“ oder „spinne“ uraufgeführt – auf den ersten Blick unverbindlich-alltägliche Momentaufnahmen von jetzigen Hauptstädtern, deren wohlsituierte Existenz indes bei näherem Hinsehen weniger stabil ist, als sie behaupten.
Die Theaternähe der Autorin prägt nun auch „Wand an Wand“ – inhaltlich in manchen Kapiteln und ebenso formal. Man schaut einem Dutzend Menschen wie auf einer großen Bühne beim Leben zu. Sie erzählen in der Ich-Form und sprechen ihr Publikum damit direkt an. Ihre Zeit ist die Gegenwart. Folglich ist das Buch überwiegend im Präsens abgefasst.
Einsamkeit als verbindendes Element
Natürlich haben die Personen eine Vergangenheit, darüber berichten sie immer wieder selbst. Wie Rainald, der sich als Double für den Hollywood-Star Keanu Reeves („Matrix“) verdingt und anlässlich einer Filmpremiere in Berlin seine Schwester Frauke besucht, die vor Jahren den Kontakt zu ihm radikal abgebrochen hat. Doch die gewünschte Versöhnung scheitert. Was sie auseinandergebracht hat? Ihre damalige Freundin hat ihn verführt, ist eine Weile bei ihm geblieben und nicht zu ihr zurückgekehrt. Das hat Frauke nie verziehen. Jetzt wohnt sie mit einer nicht lesbischen, begüterten Erbin zusammen und bietet therapeutische Massagen an. Beide Frauen denken eher rechtslastig, wie auch der Rechtsanwalt Kris, der mit der Übersetzerin Julia – aus dem Hinterhaus – zur Schule gegangen ist. Während sie sich weiterhin unbürgerlich-linksliberal fühlt und in prekären Verhältnissen durchschlägt, ist er reich geworden und wählt vermutlich die AfD.

Mit leichter Hand gelingt es Maja Zade, unterschiedliche soziale Milieus zu entwerfen und kontroverse Lebensweisen zu gestalten. Ob Frauen oder Männer, alt oder jung, wohlhabend oder arm, heterosexuell oder nicht, alle erhalten ihren narrativen Freiraum und erschöpfende Redezeit. Was die Hausbewohner und ihr Umfeld bei aller Differenz und Libertinage verbindet, ist ein mehr oder minder ausgeprägtes Gefühl von Einsamkeit und die Sehnsucht nach Liebe. So ist das in den großen Städten, wie man weiß, und so zeigt es Maja Zade auch. Wie in einem passioniert ausgemalten Wimmelbild breitet sie eine abgründig bunte Gesellschaft aus, deren Protagonisten zumal auf ihr Privatleben orientiert sind. Natürlich leiden einige von ihnen unter hohen Mieten und niedrigen Einkünften, doch vor allem gibt es emotionale Verwerfungen, familiäre Konflikte und tödliche Krankheiten. Obschon sich das Buch stilistisch gut und klar und boulevardesk spannend liest, wird es durch eine überstrapazierte wie verzopfte Schicksalsdramaturgie unschön beschwert. Die Aura eines heutigen Groschenromans lässt sich nicht leugnen.
Ohne es explizit auszusprechen, ist das Gebäude als Schauplatz der Handlung eine Bienenwabe voller Dramaqueens und -kings. Selbst das eigentlich glückliche ältere Schwulenpaar, das frisch nach Berlin gezogen ist, muss die aggressive Ablehnung durch die Tochter eines der Männer ertragen, der früher mit einer Frau verheiratet war, die tragisch an einer Autoimmunkrankheit verstarb. Zu ausführlich ist eindeutig das Kapitel, in dem der Journalist Marcus eine Diskussion über politisches Theater leitet, die sich weitschweifig um künstlerische Moden, männlichen Geniekult und ausufernde Triggerwarnungen dreht.
In der infantilen „Lecker“-Falle
Und all das setzt sich dann beim „Italiener gegenüber“ fort, zwischen Marcus und einer aufgedrehten Theaternärrin, die Darstellendes Spiel an einem Gymnasium unterrichtet, weshalb sie sich als veritable Regisseurin fühlt. Marcus kannte sie bisher nicht, weil er im Hinterhaus und sie im Vorderhaus wohnt. Resigniert denkt er: „Von jetzt an wird sie mich bei jeder Begegnung im Hof und im Treppenhaus in ein langes Gespräch verwickeln.“
Die Geschichtsstränge sind locker und unangestrengt verwoben, die Personen haben oft einen humorvollen Wiedererkennungswert. Als Leserin oder Leser meint man, ihnen bei einem Bummel durch Prenzlauer Berg leibhaftig begegnen zu können. Als coole Chronistin des Statteils liegt Maja Zade das Atmosphärische dieser Szenerie außerordentlich. Viel Tiefgang haben die Figuren dagegen nicht, ihre erzählerischen Silhouetten verschwimmen wie hinter beschlagenen Glasscheiben. Außerdem nennen sie dauernd etwas „lecker“ oder „sehr lecker“, ob es Gebäck, Champagner, Wagyu-Fleisch, Kartoffelbrei, Rotwein oder Tee ist. Warum nur hat der Autorin niemand zugeflüstert, dass ihre Leute zu oft in diese infantile „Lecker“-Falle stolpern?
Am Schluss taucht zumindest der Hauch eines Hoffnungsschimmers auf, weil erstmals ein Hoffest organisiert wird und sich die Anonymität ein bisschen auflöst. Und das kleine Mädchen, dessen Mutter gerade an Krebs gestorben ist, findet bei deren bester Freundin im Hinterhaus ein neues Zuhause. Ist das Güte ohne Grenzen, der Vorschein einer Utopie oder einfach das klassische Happy Ending der Trivialliteratur?
Maja Zade: „Wand an Wand“. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 350 S., geb., 25,– €.
